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MIUCCIA PRADA«Wenn du gehört werden willst, darfst du nicht subtil sein»

Sie ist eine der bekanntesten Designerinnen der Welt, trotzdem verrät sie fast nichts über sich selbst. Die Rede ist von Miuccia Prada, Chefdesignerin und Mitinhaberin von Prada und Miu Miu. Im Interview mit WWD spricht sie nun ungewohnt offen über ihre Art zu provozieren, unsere scheinheilige Gesellschaft und ihre frühere Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei.

Miuccia Prada

Miuccia Prada ist für viele ein Rätsel. Man weiss kaum etwas über die Frau, die an der Spitze von Prada steht und sich gegenüber Medien und Öffentlichkeit stets zurückhaltend gibt. Vermutlich rührt gerade daher die Faszination, die sie auf andere Menschen ausübt. Miuccia Prada kann sich dieses Phänomen indes nicht erklären. «Mein einziges Interesse gilt immer nur der Mode», sagt sie in einem Interview mit dem Modejournal WWD. Trotzdem empfindet sie es im Gegensatz zu den 70er und 80er jahren heutzutage schwerer, interessante Kleidung zu entwerfen. «Heute leben wir mit so vielen Menschen zusammen, alles ist öffentlich. Wenn du heute zu exzentrisch aussiehst, siehst du lächerlich aus», glaubt Miuccia Prada.

Das hindert die Designerin, die sich ansonsten in Zurückhaltung übt, aber nicht daran, in ihren Entwürfen viel von sich preiszugeben. Doch das war nicht immer so: «Lange Zeit wollte ich meine Ideen und Gefühle verstecken, das war jene Zeit, in der immer alle sagten, dass Prada so minimalistisch sei. Seit einigen Jahren will ich mich nicht mehr zurücknehmen und sage, was ich denke. Wir leben in einer riesigen Welt – wenn du gehört werden willst, darfst du nicht subtil sein».

«Wir sind alle so scheinheilig«

Auch die neue Herbstkollektion für 2013 ist nicht eben subtil geraten. Hier greift die Designerin zu Echtpelz und schmückt damit Mäntel und Jacken – und das obwohl sie diesen eigentlich nicht mag und auch selbst nie trug. Die Verwendung der umstrittenen Felle, deren Gewinnung oft mit grausamer Tierquälerei einhergeht, rechtfertigt die Designerin trotzdem: «Das ist meine Art zu provozieren. Wir sind alle so scheinheilig und tun viele Dinge, die unserem Planeten schaden. Aber wir tun sie. Viele Menschen sind so arrogant und bilden sich ein über andere zu urteilen. Die Diskussion müsste aber viel tiefer gehen». Wie tief lässt sie offen.

Jedoch lässt es sich die Designerin von Luxusmode nicht nehmen, auf Billiglabels und ihre Kunden zu schimpfen. Denn das perfekte Beispiel einer scheinheiligen Gesellschaft ist für Miuccia Prada die Produktion günstiger Mode in ausbeuterischen Betrieben und in Billiglohnländern. So habe sie bereits lange vor der medialen Thematisierung der menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen im Zuge eines Brandes in einer Textilfabrik in Bangladesh das Problem angeprangert. Dabei stellt es für Miuccia Prada gleichzeitig kein Problem dar, High-end Mode zu produzieren, von der ein einzelnes Teil fast den Monatslohn einer Näherin verschlingt. «Linksintellektuelle fragen mich, wie ich es verantworten kann, so teure Kleidung zu verkaufen. Und ich denke mir: Wenn du Menschen in einem gerechten System gerecht entlohnen willst, sind die Dinge nun mal teuer». So teuer, dass der Preis einer Prada-Tasche – dieser liegt schliesslich schon mal bei zweitausend Franken – gerechtfertigt ist, aber vermutlich nicht. Und es bleibt auch nicht das einzig Paradoxe in ihrer Biografie.

Die junge Miuccia Prada hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass sie einmal so denkt. In ihrer Jugend war sie nämlich Mitglied in einer kommunistischen Partei. «Ja, das ist mein Widerspruch», gibt Prada zu. «Aber ich habe mir die Rolle der reichen Modedesignerin ausgesucht. Das muss ich jetzt akzeptieren». Dass sie sich, nach einem abgeschlossenen Doktoratsstudium in Politikwissenschaften, mit dieser Rolle abfinden muss, wirkt eher wie eine weitere Provokation und nicht wie ein unvermeidbares Schicksal.

Drei, zwei, eins – Prada-Tasche?

Obwohl die inzwischen 63-jährige Designerin fast ihr ganzes Leben dem Unternehmen gewidmet hat, verbringt sie kaum Zeit in den Läden des eigenen Modelabels. «Ich habe grosse Angst davor, dass das, was ich dort sehe, nicht meinen Vorstellungen entspricht«, erklärt sie. Die Kontrolle aus der Hand geben, ist Miuccia Pradas Sache nicht. Aus diesem Grund möchte sie auch den Verkauf im Grosshandel weiter eindämmen, obwohl schon jetzt 70 Prozent des Verkaufs in eigenen Läden stattfindet. Und auch Online-Shopping kommt für Prada nicht in Frage: «Wir mögen es einfach nicht und glauben, dass es für Luxusmarken nicht der richtige Weg ist«. Drei, zwei, eins – Prada-Tasche, werden wir in Zukunft also nicht ausrufen.

Text: Nathalie Türk, Nina Grünberger

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