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Mode Suisse x femelle«Ich mag skurrile Ausdrucksformen»

Manches lässt man sich am besten aus dem Nähkästchen erzählen. Darum gewähren Les Amis Mode Suisse jede Woche kleine Einblicke in ihren Kosmos. Diese Woche mit  Martin Zimmermann, Choreograf, Theaterregisseur, Bühnenbildner und Performer.

Peformance Künstler Martin Zimmermann

Martin Zimmermann schafft Illusionen. Zwar keine, in die es sich leicht hineinträumen liesse, dafür solche, die eine Welt offenbaren, in der das Marginalisierte und auch das Bizarre sichtbar werden. Nach einer Lehre als Dekorationsgestalter in Zürich ist Martin Zimmermann heute Choreograf, Theaterregisseur, Bühnenbildner und Performer. Vor mehr als 20 Jahren hat er das Centre National des Arts du Cirque in Paris absolviert und verdreht und erfindet seither Figuren auf der Bühne, spielt mit optischen Effekten und inszeniert visuelles und physisches Theater ohne Worte. In seinen Stücken finden sich Tanz, Zirkus, Theater und spektakuläre Bühneninstallationen wieder. Sie tragen Titel wie «Hello» oder «Eins, Zwei, Drei» und haben über die Jahre die Bühnen der Welt bespielt: Das Sydney Opera House, das BAM in New York oder die Fondation Beyeler – am 12. Dezember feiert «Goodbye Johnny» Première im Tanzhaus Zürich.

Du bist als wortloser Künstler durch deinen Körper und deine Mimik exponiert; welche Rolle übernehmen die Kostüme, wenn du oder deine Performer und Performerinnen auf der Bühne stehen?

Jeder Mensch ist für mich eine tragisch-komische Figur – ich mag skurrile Figuren und abgründige, bizarre Ausdrucksformen. Bei all meinen Kreationen erfinde ich darum absurde Silhouetten, die mit dem Bühnendesign der wichtigste Bestandteil meiner Stücke sind. Das herausschälen und choreografieren der Figuren ist ein langer Prozess während der ganzen Kreation und ich versuche das Innere dieser surrealen Figuren während des Arbeitsprozesses nach aussen zu stülpen und das Innenleben sichtbar zu machen. Das erlaubt mir, visuell sehr frei zu sein, auch bei den Kostümen. Sie sind wie die Haut und spiegeln die Gefühlswelt der Performer und Performerinnen wider. 

Ab wann ist ein Outfit blosses Styling und wo liegt die Grenze zum Kostüm?

Mein erster Beruf war Dekorationsgestalter, von dem her weiss ich ein bisschen, was Styling bewirken kann. Blosses Styling ist für mich aber zu oberflächlich ohne grosses Nachwirken. Davon bleibt beim Menschen nichts hängen, das ihn irgendwie berühren könnte. In der Nationalen Zirkusschule in Paris habe ich herausgefunden, dass ich lieber mit Räumen jongliere als mit Zirkusrequisiten. Der Raum, die Silhouetten, die Choreografie, die Musik und das Licht müssen allesamt Inhalt haben. Alle diese Elemente müssen für mich um den Kernpunkt kreisen, mit dem ich mich zu diesem Zeitpunkt auseinandersetze. Erst dann kann ich das Stück komponieren. Von dem her gibt es auch keine Hierarchie zwischen einem Stuhl, einem Performer oder einer Performerin und einem Kostüm. Alles fliesst ineinander und stimuliert sich gegenseitig. Bei meinem Theater gibt es also kein Styling. Ausser bei den Fotos für die Kommunikation meiner Arbeit – aber dann geht es um Fotografie.

Peformancekünstler Martin Zimmermann auf der Bühne

Femelle

Du hast einmal ausgesagt, Humor sei hilfreich, um den Menschen zu verstehen und um sich selbst zu reflektieren; wo findest du ihn in der Mode?

Wir sind doch alle gefangen und kämpfen ums Überleben. Deswegen sind für mich die tragisch-komischen Figuren derart wichtig. Ich liebe es, stundenlang im Migros Restaurant zu sitzen und die Leute zu beobachten. Darin liegt seit Jahren meine grösste Inspiration. Hier befindet sich für mich der beste Laufsteg. «Nehmt euch nicht zu ernst», möchte ich den Leuten sagen. Letztendlich ist es aber der Humor, der meine Arbeit anleitet, dem ich im Alltäglichen, Hässlichen, Unerkannten, kurz, in allen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des menschlichen Daseins nachspüre. 

Wie wichtig ist dir Mode im Alltag?

Es muss bequem sein und gut aussehen. Am besten immer das Gleiche, damit man keine Zeit verliert. Ich liebe weisse Calida Shirts und schwarze Levi’s Jeans und schwarze Stand Smith Schuhe – das ist meine Uniform. Sie gibt mir Freiheit um den Tag durch an Essenzielles zu denken.

Mode Suisse erklärt sich als begeisterter Fan deiner Inszenierungen, kannst du dir eine Zusammenarbeit mit der Plattform vorstellen und wie würde diese aussehen?

Ja sicher! Ich persönlich bin ein grosser Fan von den Kreationen von Alexander McQueen und Jean Paul Gaultier. Letzter hat, nachdem er eine Produktion von mir in Paris gesehen hatte, auch schon interesse gezeigt. Mit der Mode Suisse kann ich mir das auch gut vorstellen. Dabei würde ich gerne eine tragisch-komische Modenschau inszenieren mit Zirkusartisten und Topmodels, die während dem Laufen in Löcher fallen, um wieder anders angezogen irgendwo zu erscheinen. Lets do it!

 

Die 18. Edition der Mode Suisse startete am 7. September 2020 in Zürich und endet am 21. November 2020 in Genf. Mehr Informationen hier.

Titelbild: zvg Mode Suisse GmbH / Augustin Rebetez

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