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Mode Suisse x femelle«Ich habe geweint in dieser Jeans, so oft, immer wieder.»

Manches lässt man sich am besten aus dem Nähkästchen erzählen. Darum gewähren Les Amis Mode Suisse jede Woche kleine Einblicke in ihren Kosmos. Diese Woche mit der zeitgenössischen Künstlerin STELLA.

Künstlerin STELLA aus Zürich im Interview

Wer in Zürich und Basel unterwegs ist, hat mit STELLA bestimmt schon einmal die Wege gekreuzt: Gehüllt in einen mit westlichen Motiven bedruckten Kimono, lächelt sie bei Lily’s von der Werbekarte, hat an der LISTE gehäkelte Chanel Taschen präsentiert, oder installiert – wie gerade kürzlich – zu PVC-Taschen verarbeitetes Verpackungsmaterial von Versace-Produkten mit Trockenblumen im Löwenbräu. Sie hat in Zürich, Basel und London Kunst studiert und arbeitet oft mit Referenzen aus der Konsumwelt. In ihrer Heimatstadt Zürich besucht sie jede Saison die Mode Suisse, wobei Mode in STELLAs Schaffen nicht immer nur schmeichelnd, sondern auch emotional, einschneidend und tyrannisch sein kann.

Als Künstlerin arbeitest du mit Referenzen aus der Werbe-, Mode- und Designwelt; wie spiegeln sich die Gegenstände in deinen Werken wider?

Labels wie Chanel, Monster Energy Drink, Versace und Calvin Klein Jeans haben lange mit Stereotypen gearbeitet und sie mitentwickelt. In meiner Arbeit gehe ich dem Versuch nach, im Stereotyp individuelle Persönlichkeit zu erfahren – sozusagen Intimität mit dem Stereotyp zu erleben. Weil jede Person ist unique und gerade mit dieser Einzigartigkeit beschäftige ich mich auf künstlerische Art und Weise.

Wie zeigt sich diese Intimität?

Ich erlebe Intimität durch verschiedene Gesten. Diesen Sommer habe ich die Taschen der Arbeit «Medusa 2020» aus der Serie «No Money – No Original» im Löwenbräu Zürich gezeigt. Die handgefertigten Versace-Taschen bestehen teilweise aus wiederverwertetem Zalando-Schutzplastik von Versace Produkten und aus erst handgepflückten und dann getrockneten Blumen. Die Intimität zeigt sich hier in der Einzigartigkeit der Blume und der Individualität meines Handwerks, die auf das standardisierte PVC treffen. Das PVC-Material und die Blumen werden dabei zu einem stillstehenden Memento Mori, nachdem Versace den Kopf der Medusa appropriiert und damit die tragische mythische Frauenfigur in einen neuen Mythos gewandelt hat.

Femelle Logo

«Medusa 2020» aus STELLAs Serie «No Money – No Original»

Wie definierst du Mode?

Mode entsteht immer und ist immer. Jeder und jede hat eine Relation dazu, ob man nun der Mode vorausgeht oder nachhinkt, ob du in Mode bist oder aus der Mode bist. Von daher ist Mode etwas ganz natürliches für mich und mein Schaffen.

Was bedeutet Inspiration für dich?

An manchen Tagen fühle ich mich unsicher und bedrängt, an anderen bin ich verliebt und verblendet: das ist die Basis, auf der ich versuche, ehrliche Entscheidungen zu treffen. Ich möchte versuchen, in gewissen Dingen unabhängig zu bleiben. Inspiration ist nicht der Grund weshalb ich Entscheidungen treffe, viel eher sind es Gefühle und Zustände, auf die ich reagiere.

Deinen Master hast du mit der Video-Arbeit «I Cry in my Calvins» abgeschlossen; inwiefern ist für dich Mode ein Ventil soziales Unbehagen auszudrücken?

Ich würde Kunst und Mode eher als Gelegenheit verstehen. Eine Tasche kann ich kleben oder malen oder häkeln – worin sich diese ‘Gelegenheiten’ unterscheiden, ist mir auch nicht immer klar. Meine Arbeit «I Cry in my Calvins» ist darum eher ein Vorschlag, die Hose emotional anders in den Alltag einzubauen. Ich habe geweint in dieser Jeans, so oft, immer und immer wieder. Ich sah dabei nicht besser aus, weil es eine Calvin war. Die Jeans wurde aber zur Gelgenheit, um über meinen Zustand zu verhandeln. Es geht also vielmehr um die Politik von Emotionen, die komplex mit Mode verknüpft ist. «I speak my truth in my Calvins» war die Kampagne 2019 von Calvin Klein – «I Cry in My Calvins» war meine Antwort darauf.

Wie für die Mode Suisse ist auch für dich Zürich Heimatort; würdest du Zürich als eine inspirierende Modestadt bezeichnen? 

Hier ist mein Zuhause – es fällt mir darum schwer, Zürich als etwas anderes zu sehen, weil Heimat für mich schlecht modisch oder auch künstlerisch sein kann. Auch wenn ich die Mode Suisse besuche, fühlt es sich an wie nach Hause zu kommen – man trifft Freunde und Gleichgesinnte, aber manchmal auch interessante neue Menschen.


Die 18. Edition der Mode Suisse startete am 7. September 2020 in Zürich und endet am 21. November 2020 in Genf. Mehr Informationen auf www.modesuisse.com.

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