SUPERFRAUENWie wir neben und mit ihnen leben lernen

Es gibt Frauen, die scheinbar alles haben: Eine erfolgreiche Karriere, den perfekten Mann und entzückende Kinder. Wir fühlen uns in der Gegenwart der Spezies «Superfrauen» aber alles andere als heldenhaft. Warum wir uns mit anderen Frauen vergleichen und – viel wichtiger – was wir von ihnen lernen können.

Superfrauen: Warum wir uns mit anderen Frauen vergleichen

Jede kennt eine Superfrau. Die, mit der tollen Beziehung, der erfolgreichen Karriere und den zwei Kindern, die aussehen, als hätte man sie direkt aus dem Katalog bestellt. Die selbstgebackene Macarons zum Videoabend mitbringt, während wir beim Kiosk ums Eck noch schnell eine Tüte Chips besorgen. Die sich trotz Berufsalltag und Freizeitstress ayurvedisch ernährt und dreimal die Woche beim Bikram Yoga ihren Körper stählt. Was machen diese Frauen anders? Und warum fühlen wir uns in ihrer Gegenwart schlecht? Was lösen sie in uns aus, dass wir, die eigentlich zufrieden mit unserem Leben sind, uns plötzlich mit ihnen vergleichen? 

«Vergleiche sind ein gutes Mittel sich sein Glück zu verderben», stellte schon Hector in Hector und die Suche nach dem Glück fest. Und hat damit nicht Unrecht, findet auch die Zürcher Therapeutin Eva Fischer gegenüber Femelle. Dass wir unser Umfeld unter ständiger Beobachtung halten, hatte einst aber einen Sinn: «Vergleiche waren Teil unserer Überlebensstrategie. Wir mussten innerhalb von Sekunden entscheiden, ob eine Bedrohung besteht oder nicht».

Hilfe, eine Superfrau!

Was einst überlebensnotwendig war, ist heute lästig. Natürlich nicht ausnahmslos, denn ob wir noch schnell die Strasse überqueren oder die nahende Tram abwarten, ist entscheidend. Die Pistazien-Minz-Macarons der Superfrau mit unseren geriffelten Paprika-Chips zu vergleichen aber weniger. Trotzdem rutschen wir in die Falle. «Wir werden klassifiziert», sagt Eva Fischer, «in diesem Moment heisst es: Chips sind schlechter».

Eva Fischer, Therapeutin, Zürich

Über Eva Fischer

Die erfahrene Therapeutin mit Praxis in Zürich begleitet Paare und Einzelpersonen mit Kompetenz, Mitgefühl und Humor durch schwierige Lebensphasen. www.praxisweinberg.ch

Und schon sind wir im Teufelskreis gefangen. Was mit Paprika-Chips beginnt, weiten wir bald auf unser ganzes Leben aus. Job, Beziehung, Fitness, alles wird unter die Lupe genommen und miteinander verglichen. Ohne dass es womöglich die Intention unseres Gegenübers ist, fühlen wir uns schlecht. Unser Fazit: Die Superfrau stammt von einer anderen Gattung ab, ihr Tag hat weit mehr als 24 Stunden und ihr Energiehaushalt ein Notstromaggregat, das dann angezapft wird, wenn wir bereits aus allen Löchern pfeifen. Es gibt tatsächlich einen Unterschied, weiss Eva Fischer: «Superfrauen sind wettbewerbsorientierter und sehr ehrgeizig». Eigenschaften, die ohne Zweifel notwendig sind, will man scheinbar mühelos Karriere, Kinder und Lifestyle schaukeln.

Ohne Fleiss kein Preis

Eine Medaille hat aber immer zwei Seiten. Und während wir ihnen bewundernd zusehen, dürfen wir nicht vergessen, dass nicht immer alles Gold ist, was glänzt. Manch ein Bilderbuch-Setting mag sicherlich ein solches sein, doch bei vielen gilt: Ohne Fleiss kein Preis. «Es ist wahnsinnig anstrengend, dieses perfekte Bild aufrecht zu erhalten», sagt Eva Fischer. «Wenn man sich bereits in diesem Konkurrenzkampf bewegt, ist einem das aber gar nicht mehr bewusst. Dieser Stresslevel wird zum Normalzustand».

Dass wir uns überhaupt in diesem Konkurrenzkampf befinden, dafür kann der Einzelne nichts, das sei ein gesellschaftliches Phänomen, erklärt die Therapeutin. Doch weshalb werden wir überhaupt zu Lebensoptimierern und unterziehen ausnahmslos alles dem Mass der Dinge? «Weil es in unserer Natur liegt. Wir tragen eine Neugier nach Mehr in uns. Wären wir mit dem zufrieden, was wir haben, käme es bald zum Stillstand». Problematisch wird es allerdings dann, wenn die Neugier zu einem permanenten Streben nach Perfektion wird.

Heldenhaftes Fluchtmanöver

Dass wir zu einander in Wettbewerb stehen, ist also weniger das Problem als unser Umgang damit. Die gute Nachricht: Wir können aus diesem Teufelskreis vielleicht nicht die Superfrau von nebenan, aber uns selbst befreien. «Die Grundfunktion des Vergleichens können wir nicht abstellen, aber selbst entscheiden, ob wir uns zueinander in Wettbewerb stellen», sagt Eva Fischer. Schliesslich liegt es bei jedem Einzelnen, sich von evolutionsbedingten Überlebensmechanismen verführen zu lassen und Partysnacks zu klassifizieren.

Warum also nicht beherzt zu den Paprika-Chips UND den Macarons greifen? Womöglich nach dem Rezept fragen oder die liebevolle Patisserie einfach anerkennend geniessen? Warum sich nicht nach dem Zeitmanagement der Superfrau erkundigen und Effizienz erkennen, die im eigenen Alltag womöglich fehlt? «Warum sollte es schlecht sein, wenn mich das, was jemand anders macht inspiriert und ich es in meine eigene Lebenswelt integriere? Alles, was ein Ansporn ist, den Hintern hochzukriegen, ist doch wunderbar».

Text: Nina Grünberger

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