Ansichtssache!Wie wir unseren Partner sehen, beeinflusst die Beziehung

Die Welt ist nicht so, wie sie ist, sondern so, wie wir sie sehen. Unsere Beziehung übrigens auch, in guten und in schlechten Zeiten. Die rosarote Brille lässt uns viele Dinge schöner malen. Warum setzen wir sie dann ab? Ein küchenpsychologischer Selbstversuch.

Wenn wir unseren Partner mit einem liebevollen Blick sehen, ist auch die Beziehung liebevoller.

Neulich in der Küche habe ich etwas Erstaunliches beobachtet. Und zwar nicht, dass mein Freund MAL WIEDER sein Geschirr nicht weggeräumt, die Toastkrümel und die leere Käsepackung hat liegen lassen. Nein, diese Beobachtungen sind keineswegs neu. Sie sind so alt, wie die offene Zahnpastatube, die dreckigen Socken, die überall(!) herum liegen und die ständige Trödelei. Neu an dieser Beobachtung ist nur eines: Mein Gemütszustand. Ich rege mich nämlich auf. Vor einiger Zeit wäre das nicht passiert.

Natürlich habe ich auch früher schon die Socken, die Zahnpasta und das dreckige Geschirr gesehen. Ich habe allerdings milde drüber lächeln können und es sogar mit dem guten Gefühl, meinem Freund einen Gefallen zu tun, weggeräumt. Warum? Weil es mir damals scheinbar keinen Zacken aus der Krone gebrochen hat. Und weil ich wusste, dass mein Liebster all diese Dinge nicht aus böser Absicht, mangelnder Liebe oder gar wegen eines schlechten Charakters tut, sondern einfach nur, weil er eben in der, aber nicht in unserer Beziehung etwas nachlässig ist. So what!?

Ansichten ändern sich

Heute spult in meinem Kopfkino hingegen ein ganz anderer Film ab. Wenn ich den Geschirrstapel sehe, kocht in mir Wut und Enttäuschung hoch. Ich bin doch nicht seine Putzfrau! Und ausserdem habe ich schon tausend Mal gesagt, dass er seinen Kram weg räumen soll. Dass er meinen Wunsch ignoriert, kann ja eigentlich nur ein Zeichen mangelnden Respekts sein. So verstehe ich das jedenfalls. Er hat Glück, dass er gerade nicht hier ist. Sonst hätte es eine Standpauke gegeben, die sich gewaschen hat.

Ich bin doch nicht seine Putzfrau!

Stattdessen räume das Geschirr widerwillig weg und denke über die Situation nach. Nach wenigen Handgriffen ist alles wieder ordentlich und sauber. Das Aufräumen hat mich weder viel Mühe noch Zeit gekostet. Weshalb eine neue Frage in meinem Kopf entsteht: Warum rege ich mich eigentlich so auf? War doch gar nicht so schlimm. Und weh getan hat’s auch nicht. Und vor allem: Warum habe ich früher IMMER so gehandelt, OHNE mich dabei aufzuregen?

Die Antwort auf diese Frage kennen wir alle: Die rosa-rote Brille ist Schuld. Wer verliebt ist, verzeiht Fehler leichter und reagiert fürsorglicher. Denn verknallte Augen trüben den Blick. Oder besser gesagt: sie fokussieren ihn. Und zwar auf all die wunderbaren Eigenschaften und  liebevolle Gesten unseres Gegenübers, so dass all die schlechten Seiten gar nicht auffallen.

Zugegeben, dieser Blickwinkel mag vielleicht nicht ganz objektiv sein, leistet dafür aber einen ungemein wichtigen Beitrag für das junge Beziehungsglück. Doch – und jetzt kommt die Crux - hält dieser Zustand bekanntlich nicht für immer. Nach und nach verblasst das Rosa vor der Linse. Mitunter wird der Blick klarer. In vielen Fällen jedoch gleichsam auch finsterer. Denn was wir nun sehen sind vornehmlich all die schlechten Eigenschaften, unliebsamen Gesten und sonstigen Mankos. Die guten Seiten verschwinden immer mehr, jedenfalls aus unserer Wahrnehmung. Das ist in meinem Fall nicht anders. Leider!

Attribution: Wie wir unseren Partner wahrnehmen ist eine Frage der Psychologie

Nach einiger Recherche finde ich heraus, dass es für meine Küchen-Psychologie unter Experten tatsächlich einen Fachterminus gibt. Die so genannte Attribution beschreibt unsere subjektiv bestimmte Wahrnehmung einer Person oder Situation, aus der wir wiederum auch subjektive Schlüsse ziehen. Und diese kann unseren Traumprinzen schnell in unschöne Kröten verwandeln.

Er bringt Vollreis mit, weil es ihm egal ist, dass ich ihn nicht gern habe.

Das liegt daran, dass wir Menschen psychologisch so gebaut sind. Wir wollen verstehen, warum unser Partner immer das Falsche vom Supermarkt mitbringt oder warum er gerade immer besonders gut drauf ist, wenn er von einem Männerabend nachhause kommt. Alles, was der andere macht, füllen wir mit einer Bedeutung. Er bringt Vollreis mit, weil es ihm egal ist, dass ich ihn nicht gern habe. Er wertschätzt mich nicht. Oder die Laune nach dem Männerabend ist so überraschend gut, weil er nicht mit mir zusammen sein musste. Er liebt mich nicht mehr.

Forscher haben herausgefunden, dass Paare in glücklichen Beziehungen die guten Dinge, die der Partner tut, meist der Persönlichkeit zuschreiben und die schlechten den Umständen. Er hat daran gedacht einzukaufen, als sie einen langen Arbeitstag hatte, weil er fürsorglich ist. Wer kann schon bei tausend Reissorten den Überblick behalten? Er sprudelt nach einem Abend mit seinen Freunden über, weil er ein sehr geselliger Kollege ist und tolle Freunde hat. Was für ein Kompliment, dass er mich als seine allerbeste Freundin ausgewählt hat. Schade, dass ich heute keine Zeit hatte mitzukommen.

Bei unglücklichen Paaren ist es genau andersrum: Was falsch läuft, wird dem Charakter zugeschrieben. Was richtig läuft, hatte mit den Umständen zu tun.

Getönte Brille wieder aufsetzen

Häufig neigen wir auch zu dieser Wahrnehmung, wenn wir lange mit einem Partner zusammen sind. Das ist auch logisch. Wir schenken unbewusst und automatisch immer jenen Situationen eine besondere Aufmerksamkeit, die uns missfallen. Wie bei Zahnschmerzen. Tut der Zahn weh, können wir an nichts anderes denken und setzen alle Mittel in Gang, um das Problem zu lösen. Zwickt hingegen nichts, schenken wir unseren Zähnen auch keine besondere Aufmerksamkeit. Und das, obwohl sie so gesund, strahlend und schön sind, dass sie es verdient hätten. Ganz schön gemein. Und ganz schön blöd. Bringt man sich damit doch irgendwie selbst um das gute Gefühl und stolze Bewusstsein. Das Glas ist halb voll. Und wieder sehen wir es nicht!

Es vergehen ein paar Tage und viele Gedanken, ehe in unserer Küche erneut zum besagtem Szenario kommt. Diesmal ist mein Liebster noch im Haus, als ich seinen Dreckstapel bemerke. Was nun? Mein Puls steigt, meine Miene verhärtet sich und meine Zunge ist gerade dabei die unschönsten aller Schimpfwörter zu formulieren, als mich eine leise, innere Stimme bremst. Halt! Raus aus dem Tunnelblick. Her mit der rosa-roten Brille!

Ach, Süsser...Wir müssen Hausgeister haben.

Ich atme kurz durch und versuche den Stapel Geschirr mit der gleichen Wahrnehmung, wie zu unseren verliebten Anfangszeiten zu sehen. Nämlich mit einem Lächeln. Und einem liebvollen, verzeihenden und wohlwollenden Gedanken. Anstatt meinen Freund anzumotzen, entschärfe ich die Lage mit einem kleinen Scherz: «Ach, Süsser», sage ich, «Findest Du es nicht auch komisch, dass hier irgendwer immer seine Tassen stehen lässt? Wir müssen Hausgeister haben.» Leicht fiel mir das nicht, aber ich werde belohnt. Denn zunächst guckt mein Schatz zwar ein wenig verwirrt, muss dann aber selber lachen. Er gibt mir einen Kuss und räumt seine Sachen plötzlich ganz freiwillig in den Geschirrspüler. Zwischen uns ist alles gut. Kein Streit, kein Geschmolle. Und in der Küche ebenfalls. Herrlich!

Am nächsten Tag steht das Geschirr natürlich trotzdem wieder da, die Zahnpaste ist ebenfalls offen und die Socken müffeln neben dem Bett vor sich hin. Die Faktenlage bleibt. Daran ändern weder gute noch schlechte Gedanken, wohlwollende oder argwöhnische Betrachtungsweisen etwas. Sie ändern aber etwas an unserem Gefühl. Und damit an unserer Beziehung. Mein Freund ein toller Kerl. Und das schmutzige Geschirr kein Grund, daran zu zweifeln. So leicht kann manchmal Harmonie in einer Beziehung sein. Wir müssen sie nur zulassen. Ich jedenfalls versuche diesen liebevollen Blick, wie ich ihn nenne, nun immer öfter walten zu lassen. Und siehe da: Der Beziehung tut es gut. Und mir auch.

Blind vor Liebe: Die Kehrseite

Doch Vorsicht: Die Sache hat auch einen kleinen Haken. Das Prinzip der Attribution funktioniert nämlich auch im umgekehrten Sinne. Schönfärberei nennen wir es im Laiengebrauch, wenn die rosa-rote Brille einige Dinge schöner tönt, als sie es in Wahrheit sind. Unzuverlässige Kerle, die scheinbar immer zu viel zu tun haben, um pünktlich zum Date zu kommen. Oder Geizhälse, die uns nicht zum Essen einladen, weil sie ihren Geldbeutel zufällig zu hause vergessen haben. Oder untreue Gatten, denen angeblich nur ein einziger Ausrutscher passiert ist. Ja, wir sehen eben immer nur das, was wir sehen wollen. Objektiv ist das keinesfalls. Und auch nicht immer gut. In jedem Fall aber immer ein Grund, die Sicht der Dinge zu hinterfragen. Fangen Sie doch gleich damit an. Bestimmt liegen auch bei Ihnen irgendwo schmutzige Socken herum, an denen Sie üben können!

Bild: iStock

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