Leserfragen an Dania Schiftan«Mein Partner bringt mich zur Weissglut und unser Beziehungsstreit eskaliert»

Was tun, wenn der Beziehungsstreit eskaliert? Sexologin und Paartherapeutin Dania Schiftan steht Leserinnen von Femelle.ch Red und Antwort rund um Liebe, Sex und Beziehungen und weiss, was zu tun ist.

Mein Partner bringt mich zur Weissglut und unser Beziehungsstreit eskaliert

Liebe Dania Schiftan

Ich bin seit 10 Jahren mit meinem Partner zusammen und liebe ihn sehr. Wir haben keine grösseren Probleme (Treue, Eifersucht oder so) und sind uns bei den meisten Sachen einig, aber manchmal macht er mich dermassen wütend, dass ich aus der Haut fahre und der Beziehungsstreit eskaliert. Es sind meistens Lappalien: Manchmal reicht nur eine blöde Bemerkung von ihm oder dass er etwas im Haushalt nicht erledigt hat und ich werde rasend.

Er kann es dann aber auch nicht auf sich sitzen lassen, wird ebenfalls laut und provoziert mich weiter. Die Situation ist schon ein paarmal eskaliert, so dass ich Türen geschletzt oder ihm Gegenstände angeworfen habe. Ich ziehe mich danach meistens zurück und schäme mich recht schnell für mein Verhalten. Nachdem ich mich wenige Minuten später entschuldigt habe, fragen wir uns immer wieder, wie das jetzt wieder passieren konnte... Sollte ich in eine Aggressionstherapie oder so? Oder gibt es Techniken, die ich anwenden kann, damit der Beziehungsstreit nicht eskaliert?

Nadine, 30

Über Dania Schiftan

Dania Schiftan beantwortet Leserfragen

Als Dr. in Sexologie (USA) und Psychotherapeutin (FSP, Eidg. anerkannt) mit eigener Praxis in Zürich arbeitet Dania Schiftan seit 2008 als selbständige Sexual- und Psychotherapeutin.

Nebst ihrer Praxistätigkeit bietet Dania Schiftan seit einigen Jahren auch eine Online Therapie an.

Hier geht es zu Dania Schiftans Webseite.

Liebe Nadine

Ich finde deine Frage toll, gebe dir darauf aber eine etwas provokative Antwort, die vielleicht viele klassische Denkmuster auf den Kopf stellt. Du schämst dich also. Aber offensichtlich nicht genug, um deine Verhaltensweise zu ändern. Es stellt sich die Frage, ob du zu allen Menschen so bist oder du dir dieses Verhalten nur bei deinem Partner erlaubst und dich in der restlichen Welt völlig sozial konform verhalten kannst. Falls das der Fall ist, solltest du dir überlegen, wieso du mit deinem Partner unanständig bist und sonst nicht.

Klar, jeder kennt die Situation, dass man wütend wird und am liebsten etwas durch die Gegend schmeissen würde – das kommt nicht nur in der Beziehung vor. Die wenigsten von uns aber schmeissen eine Tasse nach dem Chef oder schreien die Frau, die an der Kasse vordrängelt, an. Das heisst, wir beherrschen bereits Techniken, mit unserer Wut umzugehen.

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Du erlaubst dir, bei deinem Partner zu eskalieren. Ein Spruch, den man in diesem Kontext hin und wieder hört: «Du bist mein Partner, du musst mich so nehmen wie ich bin». Heisst das, in Gegenwart des Partners kann man sich so unanständig benehmen wie man will – oder was genau ist die Haltung dahinter?

Du erlaubst dir, bei deinem Partner zu eskalieren.

Du schreibst, bei euren Streits ginge es um Lappalien. Das macht es verständlicherweise nicht besser, als wenn es sich um, wie du schreibst, ernstere Themen wie Eifersucht oder Treue handeln würde. Denn schliesslich ist euer Alltag als Paar massiv beeinträchtigt – und es ist gut, dass du das ernst nimmst.

Schau genauer hin, etwa beim Thema Haushalt: Sagen wir, ihr habt abgemacht, dass dein Freund staubsaugt. Er hat es aber nicht gemacht. Einerseits ist das nur eine Kleinigkeit, andererseits könnte diese Kleinigkeit auch dafür stehen, dass der Partner sich regelmässig nicht an Abmachungen hält oder du dich nicht ernst genommen fühlst. Bei manchen Paaren ist das Problem noch banaler. Beispiel: Immer wenn jemand Ärger im Büro hatte, fallen einem die Fehler des Partners auf. Man sucht sich zu Hause einen Blitzableiter, weil man sich nachher vermeintlich besser fühlt.

Es gilt, das grosse Ganze zu betrachten und Muster zu erkennen. Frage dich einmal: Wie will ich als Partnerin sein? Wie will ich mich benehmen? Dasselbe gilt für Ihren Partner, dessen Provokation dein Verhalten in keiner Weise rechtfertigt, der aber dieselbe Wahl hat wie du: Steigt er mit ein und spielt mit? Oder schafft er es, sich zu distanzieren?

Nebst dem Blick für das grosse Ganze brauchst du Notfallmassnahmen: Zuerst gilt es, zu merken, dass man gerade in einem Film ist. Halte kurz inne, nimm einen Schritt Abstand und versuche, aus der Situation zu kommen. Wie kannst du deine (körperliche) Spannung herunterfahren? Sei es Treppen steigen, kalt duschen, etwas Scharfes essen oder Liegestütze machen: Finde eine Technik, die zu dir passt. Und Achtung, herunterfahren ist nicht gleich Ablenken. Beim Fernsehen oder Lesen etwa bleibt der Körper angespannt. Sobald die physische Spannung sich reduziert hat, gehst du zurück in die Situation und überlegst: «Worum ging die Diskussion? Und wie möchte ich nun damit umgehen?»

Halte kurz inne, nimm einen Schritt Abstand und versuche, aus der Situation zu kommen.

Dein Verhalten zu erkennen und die Situation langfristig zu verbessern, erfordert, im Moment zu sein. Ich denke aber, die Eskalation von der du schreibst, kann definitiv vermieden werden. Besprecht euch miteinander und achte darauf, in welchen Situationen es zum Streit kommt. Deine Taktik muss funktionieren, auch wenn dein Partner sich noch so schlimm aufführt und dich provoziert. Wer der Meinung ist, der Partner müsse einem helfen, der hat zu wenig Eigenmotivation. Du musst für dich selber entscheiden: So will ich mich nicht mehr verhalten.

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Titelbild: Gabriel Matula/Unsplash 

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