BITTERE WAHRHEITWie viel Ehrlichkeit ist angebracht?

Mit der Ehrlichkeit in der Beziehung verhält es sich wie mit dem Salz in der Suppe. Ohne schmeckt es nicht und zu viel versalzt einem ordentlich das Gaumenerlebnis. Die Dosis macht also das Gift. Doch wie viele Prisen Wahrheit verträgt die Partnerschaft?

Ehrlichkeit in der Beziehung: Wie viel Wahrheit verträgt die Liebe?

«Natürlich ist Ehrlichkeit in der Beziehung wichtig. Es ist doch die Grundlage jeder Partnerschaft.» Mit solch tugendhaften Sätzen erntete meine Freundin Lisa in unserer Mädels-Clique noch vor wenigen Wochen argwöhnische Blicke. Der Rest hatte nämlich eine etwas andere Meinung.

Heute weiss Lisa auch warum. Kurz nach unserem Treffen hat Lisas neuer Freund nämlich ganz ehrlich auf ihre Frage geantwortet, ob an den Gerüchten, die ihn beim Liebesspiel mit Kathrin (der gut aussehenden Blondine, auf die offenbar alle Männer der Stadt stehen) und ihrer Freundin beschreiben, was dran ist. Ja, meinte er schmunzelnd. Nun hat sich auch Lisas Meinung zum Thema Ehrlichkeit in der Beziehung geändert. «So genau wollte ich es gar nicht wissen», beschwert sie sich. «Das war eindeutig zu viel Information. Jetzt bekomme ich die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Zwischen uns ist seitdem nichts mehr wie vorher!». Damit bringt Lisa es auf den Punkt. Nach einer Überdosis Ehrlichkeit ist nichts mehr, wie es einmal war.

Wenn der Liebste findet, man hätte in der Lieblingsjeans einen unvorteilhaften Po, oder er erzählt, dass er natürlich hin und wieder mit anderen Frauen flirtet, wir uns aber keine Gedanken machen müssten, es bliebe ja immer bei einem harmlosen Gedankenspiel, ist es nicht nur mit den Illusionen, sondern oft auch mit dem Vertrauen vorbei. Die Wahrheit kann knallhart und manchmal zu viel für das zarte Pflänzchen der Liebe sein.

Im Fall von Lisa versuchen Freundinnen natürlich das Beste aus der Situation zu machen. Gutes Zureden und noch besserer Wein halfen jedoch nicht über die Tatsache hinweg, dass Lisa ihrem Freund seither kein Wort mehr glaubt. Und das obwohl – oder wahrscheinlich gerade weil – er doch absolut ehrlich zu ihr war. Lisa glaubt jetzt nämlich ihrer eigenen Wahrheit. Und in der steht ihr Freund noch immer auf Kathrin und ist darüber hinaus ein perverses Schwein, dem der kuschelige Sex zu Zweit auf Dauer nicht reichen wird. Seine Aussage, glücklich verliebt in Lisa – und zwar nur in Lisa! – zu sein und, dass der Dreier – in Wahrheit – nicht mehr war als eine peinliche Partysünde war, bei der in Folge zu vieler harter Getränke sonst gar nichts mehr wirklich hart war, lässt Lisa seither nicht mehr gelten. Und wozu Ehrlichkeit in der Beziehung fähig ist, erfahren wir ein paar Wochen später, als Lisa nach der Trennung «von diesem Schuft» reichlich Trost und noch mehr Wein brauchte.

Süss oder bitter? Die Wahrheit schmeckt jedem anders

Da sassen wir also wieder und diskutierten über Ehrlichkeit in der Beziehung. Und da Wein fast immer die Wahrheit spricht, kam nach der dritten Flasche des ehrlichen Tropfens eine ziemlich prekäre Wahrheit ans schummerige Licht unserer Lieblings-Bar: Lisa hatte selbst schon mal einen Dreier! Und zwar nicht nur als Folge eines Partygags, sondern als wiederkehrendes Liebesspiel mit ihrem langjährigen Freund. «Aber das ist doch etwas ganz anderes», wetterte sie gegen die allgemeine Sprachlosigkeit, die sich plötzlich in unserer sonst so redseligen Runde breit machte. Wow! Schon wieder sitzt die Wahrheit wie ein Schlag.

Nach kurzem Kopfschütteln macht sich bei uns bald das erste Kichern breit. Wir müssen über die Experimentierfreude unserer eigentlich recht zugeknöpften Freundin schmunzeln. Diese Wahrheit trifft uns unerwartet und wir erkennen Seiten an Lisa, von denen wir vorher nichts wussten. Doch: Wir verurteilen Sie nicht.

Und genau das ist das Zwiespältige an der Wahrheit: Der Grad ihrer Wirkung hängt nämlich nicht von der Information, sondern vom Empfänger ab. Während wir über Lisa schmunzeln müssen, würde ihr Ex-Freund diese Information vielleicht gar nicht zum Lachen finden. Oder vielleicht ist auch das Gegenteil der Fall und er hätte die Wahrheit über Lisas sexuelle Vergangenheit sogar aufregend gefunden. Und: Ist es überhaupt wichtig für die Beziehung? Lisa jedenfalls entschied sich dagegen, dieses Detail preis zu geben. Und stellt ihre eigene Überzeugung in Frage. Wie wichtig ist Ehrlichkeit in der Beziehung also wirklich?

Ehrlichkeit in der Beziehung: Die Dosis macht das Gift

Bei dieser Frage scheiden sich unsere Geister. Einig sind wir uns jedoch bei in einer Sache: Ehrlichkeit in der Beziehung muss sein – aber in gut dosierten Portionen. Niemand möchte lügen oder gar belogen werden, doch deshalb Ehrlichkeit in der Beziehung nur um ihrer selbst willen als absolut zu erklären, will auch niemand. Denn ist es nicht auch ein Zeichen der Liebe, wenn man die Wahrheit manchmal etwas mundgerechter aufbereitet? Haben wir nicht hin und wieder eine kleine Flunkerei, die von Herzen kommt, lieber, als die schonungslose Wahrheit, die Herzen zerstören kann?

Und wann ist für Ehrlichkeit in der Beziehung überhaupt der richtige Zeitpunkt? Vielleicht hätte Lisa die sexuelle Vorgeschichte ihres Ex-Freundes besser verkraftet, wenn sie erst Jahre später davon erfahren hätte? Dann hätte sie ihren Partner womöglich besser glauben können, dass es sich um einen einmaligen Ausrutscher gehandelt hat. Vielleicht war es zu früh für die Wahrheit? Und sollte nicht gerade Lisa mit ihrer Vorgeschichte die Wahrheit verkraften können?

Fragen, für die es jetzt zu spät ist. Denn auch das ist die Wahrheit: Lisa hat die Wahrheit nicht verkraftet. Ob und welche Art der Ehrlichkeit in der Beziehung also sinnvoll ist, muss jeder selbst entscheiden. Fakt ist: Ist die Wahrheit einmal ausgesprochen, ist nichts mehr, wie es einmal wa(h)r.


Text: Linda Freutel

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