BettgeschichtenKein Sex ist auch (k)eine Lösung!

Wenn ein Partner mehr Sex will, als der andere, schlittern viele Paare in die Krise. Und manchmal hört das Liebensleben einfach ganz auf. Aber kann das gut gehen? Ob eine Beziehung auch ohne Sex funktionieren kann und wann es sich doch lohnt, die Lust zurück zu erobern.

Beziehungen ohne Sex: ist das noch Liebe oder kanndas weg?

Manchmal wenn sie Sex hatten, sah sich Karen wie von oben da liegen. So als wäre sie gar nicht dabei und ihr Körper ein fremdes Ding. Karen (34 Jahre) ist seit zehn Jahren mit Klaas (37 Jahre) zusammen. Dass sie sich noch viele Jahre mehr das Bett teilen, ist für Karen keine Frage. Trotzdem haben die beiden darin schon seit langer Zeit keinen Sex mehr. Eine Situation unter der beide leiden, allerdings auf unterschiedliche Weise.

Dass mit Klaas nichts mehr im Bett läuft, ist ihre Schuld, sagt Karen. Sie ist es, der Sex nie so wichtig war. Sie ist es, die Klaas nicht geben kann, was er sich wünscht. Klar, am Anfang als beide noch superverliebt waren, hatten sie häufig Sex. Aber irgendwann, nach zwei, drei Jahren wurde es weniger. Erst nur noch einmal pro Woche, wenn sie es sich am Samstagabend wie immer schön gemacht hatten. Er hat gekocht, dann gab’s oft gute Musik, Wein und dann zwangsläufig Sex. Irgendwann aber fühlte Karen sich eigentlich nach dem Essen und dem Wein immer müde und wollte sich nur noch ins Bett kuscheln.

Auch wenn ihr die Lust fehlte, machte Karen Klaas zuliebe noch mit und manchmal wurde es dann auch währenddessen wirklich ganz schön, aber es fehlte ihr auch nicht. Schon bald fürchtete sie sich vor den ersten Berührungen, die für sie nur hiessen: Jetzt will er Sex! Und sie zuckte innerlich und bald auch für Klaas äusserlich sichtbar zusammen.

Klaas glaubt, dass Karen vielleicht nicht normal ist.

Karen ist das ganze Paket, sagt Klaas. Er habe sofort gewusst, sie ist es. Nur mit dem Sex hat es nie wirklich gut funktioniert.

Vor Karen hat Klaas eigentlich nie längere Beziehungen gehabt, aber einige Affären. Und der Sex war fast immer gut gewesen. Die Frauen waren offen und hatten Lust im Bett was auszuprobieren. Aber zusammen sein wollte er eigentlich nur mit Karen. Karen sieht auch ohne Schminke immer toll aus, sie ist sportlich und hat eine athletische Figur, wie ich es mag. Und sie ist wirklich clever und hat einen Humor, wie ich es noch bei keinem anderen Mädchen erlebt habe. Mit Karen macht einfach alles Sinn - bis auf Sex.

Als sie sich kennenlernten, haben sie zwar noch viel Sex gehabt, aber dass Karen mal die Initiative übernommen hätte oder ihm gesagt hätte, was ihr besonders gut tue, das kam eigentlich nur vor, wenn sie betrunken war. Klaas glaubt, dass Karen vielleicht nicht normal ist.

Verliebtsein ist ein Ausnahmezustand

Die Lust zwischen den Menschen ist ungleich verteilt. Wir essen auch nicht alle gleich viel, mögen dieselben Filme oder sind an den selben Körperstellen kitzelig. Und fast in jeder Beziehung findet sich das Muster wieder, in der der eine Partner glaubt, der andere wolle zu viel Sex und sich denkt: In der Liebe geht es doch um mehr als Sex! Während der andere glaubt: Wenn ich nicht begehrt werde, dann werde ich auch nicht geliebt! Beide haben auf gleiche Weise unrecht, aber noch kein Problem, wenn keiner darunter leidet.

Und dass Sex in längeren Beziehungen automatisch weniger wird, ist auch völlig normal. Wir können gar nichts dafür. Unser Körper ist so gemacht, erklärt die Schweizer Sexualtherapeutin Gabriela Kirschbaum: «In der Verliebtheitsphase sind die Gefühle gross, jedes Treffen ist extrem aufregend. Die Partner fühlen sich einander sehr verbunden. Sie sind voller Energie, freudig erregt und nehmen ihr Sexualleben besonders intensiv wahr. Doch kaum hat sich ein Paar aufeinander eingelassen, vergeht ein Grossteil der Lust.» (Lies auch: Libidoverlust: Keine Lust auf Lust)

Verantwortlich dafür sind vor allem die Hormone. Aus biologischen Studien weiss man, dass sich die Gehirnaktivitäten in den verschiedenen Phasen einer Beziehung verändern. Die Hirne frisch Verliebter werden mit den Glückshormonen Dopamin, Noradrenalin und Serotonin überschüttet, die für das Gefühl sorgen wie im Rausch durch die Welt zu gehen und einen an nichts mehr anderes denken lassen, als den anderen. Und gleichzeitig setzt der Körper eine grosse Menge an Testeron und Östrogen frei, die das Verlangen nach Sex kräftig ankurbeln.

Was bleibt von der Liebe ohne Sex?

Nach der Verliebtheitsphase wirkt der Hormoncocktail dagegen nicht mehr aufputschend, sondern beruhigend und festigend. Vor allem das Bindungshormon Oxytocin und Fürsorgehormon-Vasopressin werden jetzt im Gehirn ausgeschüttet und sorgen dafür, dass sich eine stabile Bindung aufbauen kann. (Übrigens werden diese beiden Hormon auch beim Orgasmus ausgeschüttet, weshalb Paare die regelmässig Sex haben sich gefühlsmässig oft näher fühlen und eine positivere Wahrnehmung voneinander haben.)

Soweit so schlecht. Denn der Sex wird nicht nur mit der Beziehungsdauer stetig weniger, manchmal hört er ganz auf. Aber können Paare ohne Sex dauerhaft glücklich werden? Was bleibt von der Liebe ohne Sex? Freundschaft? Aber reicht das? Oder ist Sex einfach hoffnungslos überschätzt? Schliesslich nennen wir ihn nicht ohne Grund die schönste Nebensache der Welt. Und wenn es in einer Beziehung an Harmonie, Vertrauen und Kommunikation fehlt, kann das auch Sex nicht kitten.

Eine Beziehung ohne Sex ist theoretisch möglich

Eine Beziehung ohne Sex muss nicht zwingend scheitern. Darüber sind sich die meisten Psychologen einig. Paartherapeut Ulrich Clement erzählt im Interview, dass die meisten Paare glauben, es sei nicht der Sex, der ihre Beziehung zusammenhält: «Wenn man Paare, die lange zusammen sind, fragt, was sie richtig machen, reden sie nicht von Leidenschaft, sondern von Respekt, Verständnis, Nähe, einander kennen.» Aber was unser Verstand sagt, ist das eine, was das Gefühl sagt, ist das andere.

Auch die feinste Speise, die man zu oft serviert kriegt, schmeckt einfach irgendwann nicht mehr so gut. Manchmal hat man sie auch über. Dann ist es vielleicht besser, es kommt seltener auf den Tisch. Aber nie, Herr Clement?

«Gute Paare sagen: Wir haben vielleicht nur noch alle sechs Wochen Sex, unsensationellen, aber herzlichen. Wir haben andere Aufgaben, die uns verbinden, wir bleiben zusammen. Ihnen kann man nur Glückwünsche aussprechen.» sagt Paartherapeut Ulrich Clement.

Kein Sex ist eine Option, und nicht unbedingt die schlechteste

Wenig und weniger Sex ist also nicht schlimm, sagt der Paartherapeut. Aber steht es um Beziehungen, die gar keinen Sex mehr haben? Auch hier entwarnt eine wissenschaftliche Stimme. «Es ist per se nichts Schlimmes, wenn sich der Sex in einer Beziehung gänzlich einstellt. Es ist vielmehr der Druck von aussen, der suggeriert, dass jeder ein Sexleben haben sollte, in dem es dauernd spannenden und erfüllten Sex gibt. Das entspricht aber nicht der Realität», beruhigt der Wissenschaftsautor Jörg Zittlau.

Ähnlicher Meinung ist auch die Schweizer Sexualtherapeutin Gabriela Kirschbaum. Auch sie sagt, dass seltener oder gänzlich verebbter Sex kein K.O.-Kriterium für eine Beziehung sein muss. «Jedenfalls dann, wenn das Paar sich einig ist und die Beziehung von ausreichend anderen Qualitäten gestützt wird.» Soweit die Theorie. Die Praxis, das bestätigt auch die Therapeutin, sieht anders aus. In der Realität ist eine Beziehung ohne Sex in der Regel nicht frei von Problemen.

Kein Sex ist deshalb grundsätzlich nicht die perfekte Lösung für eine Liebesbeziehung, aber sicher «eine Option, und nicht unbedingt die schlechteste», wie Paartherapeut Clement sagt. Vorausgesetzt, beide Partner sind sich einig, dass die positiven Dinge ihrer Beziehung den fehlenden Sex kompensieren. Mit anderen Worten, keiner leidet darunter.

Vielleicht ist Sex doch wichtiger für die Qualität einer Beziehung, als wir denken?

Karen und Klaas sprechen kaum noch über Sex. Wenn beide zufällig einen Film schauen, steht Klaas meistens auf, holt sich was aus dem Kühlschrank oder geht eine Zigarette rauchen.

Sonst ist oft alles gut. Nur manchmal streiten sie sich. Karen weiss, dass sie dann ganz sensibel sein muss, weil Klaas jede kleine Kritik zum Beweis nimmt, dass sie ihn doch nicht mehr so fest liebt.

Am Anfang ihrer Beziehung hatte Karen nach einem Streit noch oft Sex mit Klaas. Danach war er immer wie ausgewechselt. Er war fröhlich, stand früher mit dem Rad auf und holte ihren Lieblingskaffee von Starbucks oder klaute besonders hübsche Blumen in anderen Gärten. Jetzt räumt Karen die Schuhe, die Klaas zu ihrem Ärger immer quer über den Flur abschüttelt, einfach wortlos weg und beklagt sich auch nicht mehr, dass er nur selten Lust hat, ihre Familie zu besuchen. Sie fährt einfach alleine.

Klaas macht Karen jetzt auch nur noch selten Komplimente über ihr Aussehen. Aber wahrscheinlich ist das normal nach zehn Jahren, denkt Karen. Wenn man sich im Badezimmer einmal beim Pinkeln zugeschaut hat, ist da nicht mehr so viel mit Geheimnissen.

Aber irgendwas fehlt.

Karen hätte gerne ein Kind. Das würde sie als Paar vervollständigen und auf eine neue Ebene stellen. Aber nur deshalb Sex mit Klaas zu haben, käme ihr falsch und auch unromantisch vor. Klaas Gefühle sind ihr wichtiger.

Neuere wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Paare in Befragungen die Bedeutung von Sex eher runterhandeln als überhöhen. Leidenschaftlicher Sex - dafür weniger Harmonie oder ein unzertrennliches Zusammengehörigkeitsgefühl - dafür abgekühlte Leidenschaft? Die Mehrheit der Befragten würde sich wohl für Letzteres entscheiden. Die Meinung, dass Sex in längeren Beziehungen nicht so wichtig ist, da eine Beziehung auf anderen Qualitäten fusse,  wird von vielen Paaren mit Kopfnicken abgesegnet.

Das machte die Forscher stutzig. Und sie suchten einen neuen Weg, die Bedeutung von Sex für die Qualität einer Beziehung zu ermessen. Denn es ist bekannt, dass wir in Befragungen dazu neigen, das zu sagen, was wir als sozial erwünscht betrachten.

Und als die Bedeutung von Sex nicht direkt abgefragt wurde, sondern eher intuitiv, zeigte sich ein anderes Bild. Nämlich, dass Paare die regelmässig Sex hatten, ihren Partner emotional positiver gegenüberstanden, als solche, die nur selten oder gar keinen Sex mehr hatten. Daraus schliessen die Forscher, dass die Häufigkeit von Sex durchaus einen Einfluss auf die Qualität einer Beziehung hat. Interessant übrigens dabei für alle, die sich fragen: Wie oft ist oft genug? Die Studie stellte ab einer Häufigkeit von einmal Sex pro Woche keine weitere Verbesserung der Beziehungsqualität fest.

Sex: Lieber geplant als gar nicht?

Was wir über Sex und Liebe in einer Beziehung denken und was wir bewusst oder unbewusst fühlen, muss also nicht zusammenhängen. Deshalb sind auch nicht alle Paartherapeuten davon überzeugt, dass sie den Konflikt von Karen und Klaas auflösen lässt. «Aus meiner Erfahrung lassen sich so unterschiedliche Bedürfnisse in Bezug auf die Frequenz auch nicht durch eine erfolgreiche Sexualtherapie vereinen. Möglich wäre eine Annäherung, aber ich vermute, dass beide trotzdem nicht glücklich in Bezug auf ihre Erotik würden», schreibt die systemische Paar- und Sexualtherapeutin Christiane Jurgelucks auf ihrem Blog über Lust und Liebesfragen.

Das Spiel zwischen Jäger und Gejagtem

Eine Patent-Lösung für die Therapie dieses Problems kennt Jurgelucks nicht. Als Therapeutin versuche sie in diesem Fall zunächst durch eine gemeinsam verabredete Sexpause das Muster zu durchbrechen, zwischen einem Partner, der den anderen begehrt und dem Partner, der das Begehren abwehrt und immer mehr unter Druck gerät. Wenn das Spiel zwischen Jäger und Gejagtem beendet werde, könnte wieder Raum für ein erotisches Verlangen entstehen. Häufig funktioniere das, manchmal sogar richtig gut, schreibt die Paartherapeutin. Aber nicht immer.

Eine andere Therapie-Methode sind Verabredungen zum Sex. Vorausgesetzt, beide Partner wollen sich darauf einlassen. Und immerhin soll der Appetit ja irgendwie beim Essen kommen. Nicht nur der Paartherapeut Clement jedenfalls hält Sex-Termine für keine allzu schlechte Idee. Er sagt: «Die Lust ist ja nicht so, dass sie immer da ist und vor Kraft strotzend Zugang verlangt. Man kann sie auch einladen.» Kollegen Ines Schweizer sagt, dass das beste Rezept für ein erfülltes Sexleben, Sex ist.» Denn wenn man Sex von seinem Sockel stosse und ihn in den Alltag integriere, lege man die erdrückenden Erwartungen ab und könnte anfangen sich fallen zu lassen und Sex wieder geniessen. Und David Schnarch ist sogar überzeugt, dass «Schlechter Sex besser ist, als gar kein Sex.» Denn dann habe man wenigstens gemeinsam die Chance daran zu arbeiten, anstatt sich in Affären oder neue Beziehungen zu flüchten, die unvermeidlich irgendwann wieder beim selben Ort landen: dort wo der Sex rar und langweilig ist.

Wie wäre es dann mit Kuscheln. Erstmal, jedenfalls.

Karen käme sich allerdings eher etwas merkwürdig vor, wenn sie Klaas nach jahrelanger Flaute plötzlich zum Sex-Date bitten würde. Kann für eine Beziehung dieser Zug schon abgefahren sein? Und wie würde Klaas sich vorkommen? Darf er jetzt? Will sie jetzt?

Die Brugger Sexualtherapeutin Gabriela Kirschbaum rät Paaren, die schön länger eine Beziehung ohne Sex führen, daher einfach einen Gang runter zu fahren: «Häufig fehlt nicht nur der Sex in einer Beziehung, sondern auch Körperkontakt an sich.» Daher müsse ja nicht gleich eine Verabredung zum Sex sein, die darauf ausgelegt ist, dass Paare tatsächlich wieder miteinander schlafen. Die emotionale, bestätigende, liebende und vereinende Wirkung von Nähe verlange nämlich nicht, dass es bei einer körperlichen Begegnung immer auch zum Geschlechtsakt als solches kommt. Kuscheln, Berührungen im Alltag oder ein gemeinsames Einschlafen könnten in einer Beziehung ohne Sex der erste, wichtige Eisbrecher sein und die Liebesqualität bereits wieder deutlich steigern.

Karen lebt mit Klaas wie Bruder und Schwester. Miteinander, aber auch nebeneinander. Selbst kleine Berührungen sind ihr fremd geworden. Allerdings ist es auch genau diese Art der Zärtlichkeit, die sie vermisst. Sie würde gerne wieder dieses innige Gefühl spüren, wenn Klaas sie küsst. Aber weil sie Angst hat, damit das Signal zu senden, sie wolle auch sofort Sex, lässt sie sich häufig bloss auf ein kurzes, spitzes Küsschen ein. Karen geht es nicht um Sex. Jedenfalls nicht jetzt. Sie will Klaas wieder spüren lernen. Es wird nicht leicht, aber sie nimmt sich vor, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.

Bild: unsplash - pexels.com

1 Kommentar +

Weitere Artikel