Leserfragen an Dania Schiftan«Mein Partner will mit anderen schlafen, aber ich möchte das nicht»

Monogamie kann funktionieren – muss aber nicht. Sexologin und Paartherapeutin Dania Schiftan steht Leserinnen von Femelle.ch Red und Antwort rund um Liebe, Sex und Beziehungen und weiss, was zu tun ist, wenn sich der Partner nach anderen sehnt.

«Mein Partner will mit anderen schlafen, aber ich möchte das nicht»

Liebe Dania Schiftan

Ich habe schon seit 9 Jahren einen Freund, wir sind schon seit dem Gymi zusammen. Er hatte vor mir, mit 16, noch mit zwei anderen Mädchen Sex. Er hat mich damals entjungfert und ist seither mein einziger Sexpartner. Seit ein paar Monaten macht er hin und wieder Anspielungen, dass er gerne mit anderen Frauen schlafen würde.

Ich verstehe das überhaupt nicht: Wir haben eine tolle Beziehung, der Sex ist gut und wir können über alles sprechen. Er meint, es habe nichts mit der Beziehung an sich zu tun – das kann ich nur schwer glauben.

Wenn man glücklich ist, wieso kann man dann nicht einfach monogam sein und zufrieden, mit dem was man hat? Klar kann ein Seitensprung, Dreier, Paartausch oder was auch immer wieder Pep hineinbringen. Aber das brauchen wir eigentlich nicht, wir sind ja noch mega jung und nicht seit 30 Jahren verheiratet. Ausserdem: Was passiert, wenn man merkt, dass einem in der Monogamie was gefehlt hat?

Ich weiss jetzt nicht, wie ich mit dieser Zwickmühle umgehen soll, denn wenn er mit jemand anderem schläft, könnte ich nicht mehr mit ihm zusammen sein. Jetzt frage ich mich: Wird er mich früher oder später eh betrügen?

Michelle, 25

Über Dania Schiftan

Dania Schiftan beantwortet Leserfragen

Als Dr. in Sexologie (USA) und Psychotherapeutin (FSP, Eidg. anerkannt) mit eigener Praxis in Zürich arbeitet Dania Schiftan seit 2008 als selbständige Sexual- und Psychotherapeutin.

Nebst ihrer Praxistätigkeit bietet Dania Schiftan seit einigen Jahren auch eine Online Therapie an.

Hier geht es zu Dania Schiftans Webseite.

Liebe Michelle

Was du erlebst, durchlaufen die allermeisten Paare. Ganz egal, wie lange und seit welchem Alter sie zusammen sind. Die meisten Paare haben eine Beziehungsvereinbarung darüber, ob man emotional und/oder sexuell monogam lebt oder nicht. Bei vielen wandelt sich diese Vereinbarung über die Jahre, wird also neu diskutiert und gelockert oder gefestigt. Die Frage ist also nicht, wie diese Vereinbarung lautet, sondern ob man sich daran hält oder sich frei fühlt, sie zu brechen.

Der Grund dafür, warum es so viele Betrügereien gibt, ist weil Menschen ihre Vereinbarungen kennen, sie aber dennoch umgehen. Das ist etwas vom Falschesten, was man tun kann. Und dabei geht es nicht darum, ob man mit anderen schlafen darf oder nicht. Sondern es geht darum, wie loyal, verlässlich und integer ich meinem Partner gegenüber bin. Wie sehr kann man sich auf mich verlassen und wie oft sind Abmachungen hinfällig?

Sich Gedanken über Erwartungen und Wünsche zu machen, darüber zu verhandeln und Vereinbarungen zu treffen, ist extrem wichtig. Viele Paare führen diese Diskussion aber nie, weil man sich davor fürchtet, dass die Wünsche des Partners von den eigenen abweichen.

Der Grund dafür, warum es so viele Betrügereien gibt, ist weil Menschen ihre Vereinbarungen kennen, sie aber dennoch umgehen.

In einer Beziehung braucht es immer wieder die Bereitschaft, die eigene Sexualität zu hinterfragen: Wie zufrieden bist du mit unserem Sex? Was wünschst du dir? Vielleicht könnt ihr zusätzlich etwas machen, was bisher nicht stattgefunden hat. Möchte dein Partner etwas machen, beispielsweise bestimmte Praktiken, welche du nicht auszuprobieren magst, musst du dir überlegen: Hat mein Partner ein Anrecht darauf, dass all seine sexuellen Wünsche erfüllt werden?

Die Wünsche des Partners zu verstehen ist nicht gleichgesetzt damit, sie auch umsetzen zu wollen. Hast du zwar Verständnis, möchtest ihm aber keinen Freipass geben, weil du darunter leiden würdest oder Angst hast, ihn danach zu verlieren, musst du Nein sagen. Das birgt das Risiko, dass dein Partner tatsächlich nicht glücklich oder einverstanden ist mit Ihrer Entscheidung.

Was du auf keinen Fall tun darfst, ist dem Partner zuliebe Ja sagen und Nein meinen – also nicht vollständig einverstanden sein und deinen Freund damit auf die Probe stellen. Der Dreier oder Paartausch, den du nennst, klingt für mich nach Kompromiss. Dinge zu tun, die man selber nicht will, nur damit man den Partner behält und ein Fremdgehen verhindert, ist keine gute Idee. Nicht wenige Paare schliessen solche Deals ab und machen dem Partner später Vorwürfe. Dabei sollte dieser im besten Fall nicht nur bei einem bleiben, weil man ihm einen Freipass gegeben hat.

Dass du das Bedürfnis nach Sex mit anderen nicht hast, ist übrigens egal. Es ist nicht unfair, wenn dein Partner mit einer anderen Person schlafen darf und du nicht, weil es dich nicht reizt. Eine Beziehung ist schliesslich nie hundertprozentig gleich. Wieso sollte ich mich benachteiligt fühlen, wenn ich dieses Bedürfnis gar nicht verspüre? Vielleicht wirst du aber auch positiv überrascht und merkst, dass Sex mit anderen auch dir Spass macht.

Du vertrittst die weitverbreitete Meinung, das Bedürfnis mit anderen zu schlafen, hänge damit zusammen wie glücklich man ist. Diese Aussage stimmt so nicht unbedingt. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum man trotz Liebe gerne Sex mit anderen haben möchte: Freude an Sex mit verschiedenen Menschen; Fremdbestätigung; Aufregung und vieles mehr. Wieder andere fühlen sich nicht nur von ihrem Partner angezogen – und das ist auch gut so.

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum man trotz Liebe gerne Sex mit anderen haben möchte.

Es ist ganz normal, wenn man sich ausmalt, mit anderen ins Bett zu gehen. Viele haben ja auch nicht nur eine Freundin, sondern mehrere, verschiedene Kolleginnen für unterschiedlichen Themen und Bedürfnisse. Wieso soll also ein Partner alle meine sexuellen Bedürfnisse alleine abdecken können? Ob man diesen Bedürfnissen nachgeht oder nicht, muss man halt einfach in Ruhe diskutieren.

Klar, es ist ein sehr heikles und intimes Thema, das vielen Angst macht. Es ist aber halb so wild, selbst wenn wir vom Worst-Case ausgehen: Sie erlauben sich, mit anderen zu schlafen, Ihr Partner findet daran Gefallen und verliebt sich – das kann passieren! Es kann allerdings auch passieren, dass er morgen in eine Bar geht und sich unsterblich verliebt. Man fordert es nicht mehr heraus, nur weil man mit anderen schläft.

Diese Antwort klingt nach einer Ermutigung zu einer offenen Beziehung. So ist sie aber nicht gemeint. Es ist eine Variante seine Glaubenssätze zu verändern und herauszufordern. Es ist aber genau so eine Herausforderung, bei seiner Meinung zu bleiben und dazu zu stehen. Entgegen den Wünschen seines Partners zu handeln, braucht viel Mut.

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Titelbild: Justin Groep/Unsplash

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