BEST FRIENDS«Freunde sind wichtiger als Beziehungen»

Dass Freunde uns glücklicher und ausgeglichener machen, ist längst bewiesen. Warum sie mittlerweile aber auch Familienstrukturen ersetzen und wichtiger werden als Paarbeziehungen, erklärt die Therapeutin Eva Fischer im Interview mit Femelle.

Wahre Freundschaft: «Ein Freund ist eine Person, die man liebt»

«Du bleibst jetzt erst einmal bei mir», sagt Elli und nimmt ihre Freundin in den Arm. Katharina steht mit Sack und Pack vor Ellis Tür. Kurz darauf sitzt sie vor einer Tasse Tee und fühlt sich schon nicht mehr ganz so verloren. «Alles wird gut», sagt Elli und Katharina kann nicht anders, als ihrer Freundin zu glauben.

Gute Freunde sind unbezahlbar. Und finden im richtigen Moment meist die richtigen Worte. Wir fühlen uns in ihrer Gegenwart stärker, glücklicher und können so sein, wie wir sind. Sie kennen unsere Macken, wissen meistens was wir denken und lachen selbst über unsere schlechtesten Witze. Freunde sind Balsam für die Seele! Und lassen uns länger leben, wie Studien belegen. Wahre Freundschaft lohnt sich also, weiss auch die Therapeutin Eva Fischer und erklärt im Gespräch mit Femelle, warum Freundschaften wichtiger sind als Beziehungen.

Eva Fischer, Therapeutin, Zürich

Über Eva Fischer

Aufmerksamkeits- und Bewusstseinsschulung sind wichtige und erfolgreiche Arbeitsinstrumente einer modernen Psychotherapie. Die erfahrene Therapeutin mit Praxis in Zürich begleitet Paare und Einzelpersonen mit Kompetenz, Mitgefühl und Humor durch schwierige Lebensphasen. www.praxisweinberg.ch

Wie würden Sie einen Freund definieren?

Ein Freund ist eine Person, die man liebt und die verlässlich ist. Es ist zwar keine Paarliebe, aber auch eine Art von Liebe. Und natürlich ist ein Freund ein Mensch, dem man vertraut. Er ist da, wenn man ihn braucht.

Welche drei Eigenschaften sollte ein guter Freund denn mitbringen?

Loyalität, Integrität und Offenheit. Das sind alles Eigenschaften, die vertrauensbildend sind und zu Liebe führen.

Zu Beginn sind Freunde noch Fremde. Wie sucht man sich seine Freunde aus?

Man sucht sich ähnliche Menschen. Denn ist mir ein Mensch ähnlich, gibt es weniger Verständigungsschwierigkeiten. Der andere weiss, wovon ich spreche und ich muss mich nicht erst erklären. Treffe ich einen Menschen, der mich zwar fasziniert, mir aber sonst unähnlich ist, besteht die Gefahr, dass diese Faszination schnell vergeht. Gleichartigkeit wirkt auf den ersten Blick vermutlich langweilig, ist als Basis aber tragfähiger. Was sich ähnlich ist, fügt sich nun mal besser zusammen.

Wie wichtig sind Freunde?

Sehr wichtig. Nicht nur für den gegenseitigen Austausch; ein Freund nimmt einen, wie man ist. Freundschaft ist etwas Vorbehaltloses.

Was meinen Sie mit vorbehaltlos?

Ein Freund verurteilt nicht. Er hört zu. Auch wenn der Andere etwas macht, das einem nicht passt oder was man anders machen würde, ändert das an der Freundschaft nichts. Eine Freundschaft verträgt das.

Verträgt eine Freundschaft denn mehr als die Liebe?

Unter Umständen ja. Weil wir nicht die gleichen Ansprüche an eine Paarbeziehung haben wie an eine Freundschaft. Einer Paarbeziehung, in der sich nicht auch eine tiefe Freundschaft entwickeln kann, fehlt etwas Wesentliches.

Worin unterscheiden sich diese Ansprüche?

In der Paarbeziehung muss der Partner mehr einbringen und abdecken. Wir erwarten beispielsweise nicht, dass uns unsere Freunde glücklich machen müssen – in der Paarbeziehung ist das leider oft der Fall.

Viele pflegen zwar Ihre Paarbeziehung, aber nicht Ihre Freundschaften.

Das stimmt. Freundschaften müssen auch gepflegt werden. Allerdings auf eine andere Art als die Paarbeziehung. Es gibt Freundschaften, die Jahre überdauern und man sieht sich zweimal im Jahr. Freundschaft hat weniger mit häufigem Kontakt als mit Nähe zu tun. Wichtig ist, dass man sich unvoreingenommen begegnet und eine Verbindung existiert, an der man wieder anknüpfen kann. Bei Freunden zählt weniger die Häufigkeit des Kontakts als die innere Verbindung.

Sind Freundschaften denn weniger wichtig, gleich wichtig oder wichtiger als Paarbeziehungen?

Freunde sind wichtiger. Das hat damit zu tun, wie Liebesbeziehungen heute gelebt werden. Man bleibt ja nur noch selten ein Leben lang zusammen, der Partner ist austauschbar. Wenn man den Partner verliert, sind die guten Freunde da. Daher sollte man seine Freunde nicht wegen des Partners aufgeben. Selbst, wenn der Freund den Partner nicht mag – oder umgekehrt. Auch wenn das eine schwierige Situation ist, sollte man die Freundschaft weiterhin pflegen. Man muss ja nicht zu dritt an einem Tisch sitzen.

Freunde werden also immer wichtiger. So wichtig, dass sie Familienbande ersetzen?

Ganz bestimmt. Schliesslich hat man in der Kleinfamilie keine Auswahl mehr. In der Grossfamilie gab es immer Personen, denen man besonders nahe stand und die man sich als Vertrauenspersonen auswählen konnte. Freundschaften ersetzen heute oft fehlende Familienstrukturen.

Frauen unterhalten sich stundenlang, Männer sitzen schweigend bei einem Bier nebeneinander. Ein Klischee?

Männerfreundschaften decken Männerbedürfnisse ab und Frauenfreundschaften decken Frauenbedürfnisse ab.

Und worin unterscheiden sich diese?

Männer unternehmen gerne etwas miteinander. Das heisst nicht, dass sie nicht miteinander sprechen, aber die gemeinsamen Aktivitäten stehen im Vordergrund. Frauen ist der emotionale Austausch wichtiger. Männer verhalten sich in Konfliktsituationen auch anders. Sie sagen sich die Meinung und alles ist wieder gut. Sie sind auch weniger nachtragend als Frauen. Und wenn sie zueinander in Konkurrenz stehen, dann eher beruflich. Frauen führen oft einen persönlichen Konkurrenzkampf.

Ganz gleich ob Männer- oder Frauenfreundschaft: Wie spricht man heikle Themen an?

Am besten stellen Sie Fragen. Damit sagen Sie etwas über sich selbst aus. Und Fragen sind ja keine Kritik, sondern Interesse. Wenn Sie beispielsweise die Partnerwahl Ihrer Freundin nicht nachvollziehen können, könnten Sie fragen: Was siehst du an dem Mann, das ich nicht sehe?

Aber ist die Liebesbeziehung nicht ein Thema, das die Freunde nichts angeht?

In meinem Verständnis nicht. Ich möchte, dass meine Freundin mich anspricht und unter Umständen Ihre Zweifel äussert. Ich vertraue ihr ja und vielleicht bringt sie einen Aspekt ein, den ich noch gar nicht beachtet habe.

Gibt es denn Themen, in die man sich nicht einmischen darf?

Es kommt immer darauf an, wie man etwas sagt. Aber wer soll einem denn den Spiegel vorhalten, wenn nicht der beste Freund? Die Vertrauensperson? Gibt es in einer Freundschaft Themen, die unausgesprochen bleiben, gibt es immer einen Sektor, der ausgespart bleibt. Und Tabuzonen sind immer etwas Trennendes. Man muss ja nicht gleicher Meinung sein. Aber wenn man sich kennt, weiss man, wie man den anderen erreicht. Ich glaube, gute Freunde wissen schon, wie sie miteinander umgehen können. Und auch wenn man mal in ein Fettnäpfchen trampelt, aber im Gespräch bleibt, entstehen selten so tiefe Wunden, dass die Freundschaft auseinander geht.

Was sind die häufigsten Gründe dafür, dass eine Freundschaft zerbricht?

Meistens geschieht einen Vertrauensbruch. Wenn die Grundfeste verletzt werden oder sich ein Freund illoyal verhält. Wenn etwas passiert, das man nicht begreift und darüber nicht sprechen kann. Vielleicht entwickelt man sich einfach in eine andere Richtung. Die Gründe für das Ende einer Freundschaft sind denen einer Paarbeziehung sehr ähnlich. Eine Freundschaft ist ja auch eine Liebesbeziehung.

Kennen Sie das Rezept für eine lebenslange Freundschaft?

Das gibt es eigentlich nicht. Wichtig ist aber sicherlich die Offenheit, Veränderungen beim anderen zu akzeptieren. Die Umstände verändern sich. Die Menschen verändern sich nicht grundsätzlich, der Charakter und das innerste Wesen bleiben. Und ich glaube, man muss sich immer wieder auf das Verbindende, nicht auf das Trennende beziehen.

Interview: Nina Grünberger

Bild: iStock

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