Malafemminas KolumneRaupe vs. Schmetterling

Auch Freundschaften kennen Krisen. Sie halten bei der x-ten Verwandlung manchmal nicht mit. Den Traum eines neuen gemeinsamen Sonnenaufgangs soll man aber nicht abwinken.

Freundschaften können sich wie Paare mit der Zeit auseinanderleben.

Grüezi, darf ich mich vorstellen: Ich bin im Moment gerade wieder eine Raupe. Ich fresse mich voll, sehe aus wie das Männchen von Michelin in der Horizontalen und setze alles daran, nicht gesehen zu werden. Als ich noch ein Schmetterling war, war ich im Freundinnen-Schwarm zu Hause. Ich wurde bewundert für mein schönes Orange, mein samtes Braun und meine zarte Taille. Ich lobte auch jede Farbnuance, die sich bei den anderen entdecken liess. Leider bin ich heute als Raupe mehrheitlich Grau, und das nicht mal in 50 Schattierungen.

Können Raupen und Schmetterlinge befreundet sein? Leider nein, ist meine Erfahrung. Raupen werden nicht auf Schmetterlingsfeste eingeladen. Man müsste auf ein tieferes Niveau sinken, gerade wenn man sich im Steigflug amüsieren will. Auch Schmetterlinge, die Sprosse für Sprosse auf der Karriereleiter nach oben flattern, sind nicht mit Raupen befreundet, da in der Welt der ehrgeizigen Gaukler, so eine Raupe ein Fremdkörper ist. Und Fremde haben in diesen Zeiten sinkende Kurse.

Ich vermisse in einsamen Momenten meine fliegenden Schmetterlinge. Zum Beispiel den schwarzweissen mit gelben Fleck, der mir von Bildern in Museen und Tönen in Konzerten berichtete. Oder den blauschimmernden, der oft im Airport Flugzeuge boardete, um den Horizont zu erreichen. Mir fehlt mein tibetisches Pfauenauge, das sich immer um ein paar Stunden verspätete, dann aber zeitlose Innigkeit feiern konnte. Mir fehlt der pinke Partyschwärmer, der sich an Feten so unheimlich schön entfaltete.

Doch trotz aller Sehnsucht nach meinem Schmetterlingsleben, werde ich noch ein Weilchen eine Raupe bleiben. Ich konnte nach dem letzten Mal, als ich meine Flügel verloren habe, einfach nicht mehr auf die Wiederholtaste drücken und ein Paar neue entfalten: Einen neuen Mr. Right suchen, ein neues Leben aufbauen, eine neue Liebe in mein Herz lassen.

Was gibt es noch, fragte ich mich und bin als Räuplein auf Entdeckungsreise gegangen. Ich bin mit Sigmund Freud durch mein Dickicht an Neurosen gewandelt, habe mit Jung und meinem Schatten getanzt, war auf schamanischen Pfaden in der Unterwelt zu Besuch und hatte jede Woche ein anderes Krafttier an meiner Seite. Ich habe auch neue Freundinnen-Falter gefunden, solche die Eisbären, Schnecken und Jaguare zu ihrem Kreis zählen. Dort bei ihnen fühle ich mich wohl. Ich muss nicht fliegen können, um in ihren Augen ganz zu sein

Im Film Julie & Julia von Nora Ephron fragt Julie ihre BFF: Ist es normal, dass ich meine Freundinnen nicht mag? Total normal, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen. In diesem Film macht Julie eine Metamorphose durch, so hysterisch, so schmerzhaft, so gefährlich wie sich Wandlungen nun mal anfühlen für denjenigen, der aus dem alten Rahmen gefallen ist und einen neuen sucht wie für sein ganzes Umfeld. Nicht jede hält da mit.

Max Frisch, war zwar ein verkorkster Macho, hat aber in seinem Buch «Mein Name sei Gantenbein» eine kluge menschliche These aufgestellt: Wir sind verurteilt so zu sein, wie unser Freunde uns sehen. Aber nicht verurteilt unsere Freundinnen zu sehen. Darum bleibe ich noch ein Weilchen eine Raupe im Aufbruch und sehe meine Schmetterlingsmädchen einfach von Ferne. Winke, winke.

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Malafemmina

Steckbrief  Malafemmina

Steckbrief Malafemmina, Kolumnistin femelleMalafemmina ist eine blutjunge Seele in einem 49 Jahresringe zählenden Körper, die denkt, dass Denken völlig überbewertet ist.

Vita: Werbetexterin/Konzepterin, Kolumnistin, Dozentin, Coach, Mutter, Napoletanische Seconda, Selbständige Unternehmerin, Möchtegern-Autorin, Ex-Raucherin, Geschieden, Schrebergärtnerin

Soulmates: Carrie und Co., Elizabeth Gilbert J.K. Rowling, Miuccia Prada, Jane Campion, Tilda Swinton, Scarlett O’Hara, Vivienne Westwood, Anna Wintour, Diane Keaton, Angelina Jolie, Judy Dench, Stephenie Meier, Milena Moser, Miss Friday,?Sigmund Freud, Friedeman Schulz von Thun, Vasco Rossi

Lieblingsdroge: Humor ist ihr Prozac

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