Leserfragen an Dania Schiftan«Kann man nur durch Beckenboden-Anspannung zum Orgasmus kommen?»

Den Beckenboden angespannt, schon hat man einen Orgasmus. Geht das wirklich so fix, wie die Freundin einer Leserin berichtet? Sexologin Dania Schiftan verrät es dir.

Beckenboden Orgasmus: «Kann man durch Anspannung des Beckenbodens kommen?»

Liebe Dania

Letztens habe ich mit Freundinnen über Beckenbodentraining gesprochen. Wir haben alle noch keine Kinder bekommen, haben aber während des Gesprächs bemerkt, dass wir eine ganz unterschiedlich trainierte Beckenbodenmuskulatur haben.

Eine meiner Kolleginnen hat behauptet, dass sie praktisch nur durch Anspannen des Beckenbodens zum Orgasmus kommen kann. Ehrlichgesagt glaube ich ihr das nicht. Ich glaube ich hatte noch nie einen vaginalen Orgasmus beim Sex – geschweige denn nur durch Anspannen von Muskeln.

Ist das wirklich möglich? Und wenn ja, wie schaffe ich das auch? Meine Kollegin macht keine Beckenbodenübungen und hat auch keine Liebeskugeln oder ähnliches zum Trainieren. Wie kann das sein?

Martina, 30

Über Dania Schiftan

Dania Schiftan beantwortet Leserfragen

Als Dr. in Sexologie (USA) und Psychotherapeutin (FSP, Eidg. anerkannt) mit eigener Praxis in Zürich arbeitet Dania Schiftan seit 2008 als selbständige Sexual- und Psychotherapeutin.

Nebst ihrer Praxistätigkeit bietet Dania Schiftan seit einigen Jahren auch eine Online Therapie an.

Hier geht es zu Dania Schiftans Webseite.

Liebe Martina

Naja, das mit dem Beckenboden ist so eine Sache. Lange war die Meinung vorherrschend, dass die Empfindung umso besser ist, je stärker der Beckenboden angespannt wird. Gehört, geglaubt, marschierten alle ins Pilates, ins Yoga oder ins Beckenbodentraining, um diesen sagenumwobenen Muskel zu trainieren.

In meinem neuen Buch «Coming Soon – in 10 Schritten zum vaginalen Orgasmus» löse ich das Rätsel auf und erzähle ausführlich, weshalb dem nicht so ist. Hier möchte ich dir gerne eine Kurzantwort geben.

Lange war die Meinung vorherrschend, dass die Empfindung umso besser ist, je stärker der Beckenboden angespannt wird.

Es ist nämlich so wie mit allen Muskeln: ein Muskel wird im angespannten Zustand wenig durchblutet, wird mit der Zeit immer tauber und empfindet wenig. Die Hauptaufgabe eines Muskels ist es ja, sich zu bewegen.

Und je mehr er sich bewegt, je verschiedener und je kontinuierlicher er sich in die Länge zieht oder sich verkürzt, desto mehr wird er durchblutet und spürt er. Ergo ist die Empfindung eines Muskels am stärksten, wenn er sich fest bewegt.

Es ist eigentlich wie beim Tanzen oder Musizieren: je diverser die Bewegungen, die du ausführst, desto mehr kommt dein Körper ins Schwitzen. Und genau gleich kommt auch die Vagina schwitzen, wenn sie vollumfänglich bewegt wird. Am besten passiert dies auf verschiedene Arten – Massage von innen, Massage von aussen, Massage durch die Atmung.

So steigt die Durchblutung massiv an, es werden möglichst alle Sensoren aktiviert, und die Empfindungen werden spürbarer. Kurzum: Ein Muskel arbeitet am besten, wenn er sowohl anspannen wie auch entspannen kann. Und das lernen die meisten eben nicht.

Ein Muskel arbeitet am besten, wenn er sowohl anspannen wie auch entspannen kann.

Daher laufen viele Damen mit angespanntem Beckenboden umher, ohne dies überhaupt zu merken. Wenn du das nun liest, wirst du «Aber...!» denken.

Es gibt durchaus ein «Aber»: Es gibt in der Tat Frauen, die das können, was deine Kollegin kann: wenn sie ihren Beckenboden ganz arg anspannen, zusätzlich die Beine ganz fest zusammenpressen oder etwas auf ihr Geschlecht drücken, kommen sie von 0 auf 100 zum Orgasmus.

Das funktioniert bei der Selbstbefriedigung meistens relativ gut – es ist eine sehr effiziente Methode, um schnell zu einer körperlichen Entladung zu kommen.

In der Paarsexualität fällt es den Frauen dann aber oft sehr schwer, weil sie über längere Zeit nicht eine so hohe Spannung aufbauen können; das funktioniert eine halbe oder maximal eine Minute. Somit ist das, was in der Selbstbefriedung sehr lustvoll sein kann, für eine etwas ausgedehntere Liebesnacht nicht sehr geeignet.

Mein Fazit für dich: Es soll nicht zu deinem Ziel werden, mittels Anspannen der Beckenbodenmuskulatur zum Orgasmus zu können, sondern durch ein bewusstes Training des Beckenbodens beim Sex mehr zu spüren und zu erleben. 

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Titelbild: Dphotographer/E+

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