Leserfragen an Dania Schiftan«Sex beim ersten Date – kann ich das wirklich tun?»

Sex beim ersten Date? Ein No-Go! Zumindest wurde das uns Frauen lange genug eingeredet. Doch was spricht eigentlich dagegen? Dania Schiftan erklärt, wie unsere Leserin – und wir alle – das schlechte Gewissen ein für alle Mal loswerden.

Mann und Frau schwarz weiss

Liebe Dania

Vor einiger Zeit habe ich mich von meinem Freund getrennt und beginne nun nach langem wieder zu Daten. Zwei, drei Dates hatte ich bereits und bei einem kam es beinahe zum Sex. In letzter Sekunde machte ich allerdings einen Rückzieher, weil ich mir irgendwie immer eingeredet habe, dass das ein absolutes No-Go ist, und man dies als Frau nicht tun kann. Im Nachhinein aber habe ich meine erschreckend altmodische Einstellung hinterfragt. Ich hatte eigentlich ganz klar Lust auf Sex! Daher hätte ich ihn, erstes Date hin oder her, vielleicht doch haben sollen. Was denkst du darüber und wie kriege ich das schlechte Gewissen los? Hast du einen Tipp?

Anonym, 27

Über Dania Schiftan

Dania Schiftan beantwortet Leserfragen

Als Dr. in Sexologie (USA) und Psychotherapeutin (FSP, Eidg. anerkannt) mit eigener Praxis in Zürich arbeitet Dania Schiftan seit 2008 als selbständige Sexual- und Psychotherapeutin.

Nebst ihrer Praxistätigkeit bietet Dania Schiftan seit einigen Jahren auch eine Online Therapie an.

Hier geht es zu Dania Schiftans Webseite.

Liebe anonyme Fragende

Eine ähnliche Frage hatten wir diesen Monat bereits von Lea, welche seit der Trennung von ihrem Freund eine Blockade spürt. Gerne möchte ich dir ans Herz legen, auch meine Antwort hierauf zu lesen.

 Du beschreibst es in deiner Frage allerdings ganz deutlich: Du hast genau gespürt was du möchtest: Sex beim ersten Date – hast aber aufgrund deiner gelernten, sozialen Werten und Normen darauf verzichtet.

Du hattest in dem Moment also ganz genau wahrgenommen, was deine Sichtweise auf das Thema ist, wie und mit welcher Moral du aufgewachsen bist, und was deines Erachtens richtig oder falsch ist. Doch gleichzeitig hast du gemerkt, dass du dich davon lösen möchtest. Und das ist dein gutes Recht! Du darfst neue Perspektiven kreieren und vor allem auch deine Gefühle dazu überdenken.

Am besten gelingt das, indem du es einfach machst – ohne zu viel darüber nachzudenken. Du schuldest übrigens auch deinem Gegenüber nichts. Du darfst dich jedes Mal, wenn du das möchtest, ein wenig mehr heranwagen. Du darfst natürlich auch von Anfang in die vollen gehen, die Initiative ergreifen und Sex haben – und danach schauen, wie es dir damit geht. Du darfst auch währenddessen abbrechen – wie auch immer: es stehen dir alle Varianten frei.

Ich plädiere dafür, Normen zu brechen respektive die Sexualität ein Stück weit nicht so ernst zu nehmen, und sich eher zu überlegen, ob man Lust hat oder nicht.

Ich plädiere dafür, Normen zu brechen respektive die Sexualität ein Stück weit nicht so ernst zu nehmen, und sich eher zu überlegen, ob man Lust hat oder nicht. Natürlich unter Berücksichtigung der Konsequenzen der gewählten Handlung.

Sollte dich das schlechte Gewissen oder böse Gefühl, welches dir die Norm vermittelt, beim Sex plagen, dann versuche, wieder zu deiner eigenen Wahrnehmung zu finden, zu geniessen, das Erlebnis schön zu finden, und weiterzumachen. Wenn es dich im Alltag plagt, dann geh in die Aktivität: mach Yoga, geh laufen, oder befriedige dich selbst. Das Gedankenkarussell bekommt nämlich erst dann richtig Futter, wenn du dich anspannst, deinen Körper dadurch in einen Angst-Modus versetzt und flach atmest.  

Übrigens sind sehr viele Frauen geprägt durch solche traditionellen Normen und Werte, und würden sich niemals nehmen, was sie gerne hätten. Bei einigen Frauen geht es sogar soweit, dass sie den Sex auch mit quasi akzeptiertem Partner nicht lustvoll geniessen, geschweige denn einfordern würden.

Diesbezüglich sind wir stark beeinflusst durch die vorhergehenden Generationen und stehen vor der grossen Aufgabe, uns dem zu stellen. Deine Frage ist also total berechtigt, aber du kannst aus genannten Gründen nicht erwarten, dass deine Gefühle von heute auf morgen weg sind. Du musst dich diesen ständig stellen, doch geh nur so weit, wie du es möchtest und übergeh dich selber nicht. Denk auch keineswegs, dass das arme Kerlchen sich ja schon so gefreut hat. Mach dich frei, von deinen Gedanken, und, so du willst, auch von deinen Kleidern. 

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Wir wählen einige eurer Fragen aus und lassen Sie von Sexologin und Therapeutin Dania Schiftan beantworten. Wie lang oder kurz du dich fasst, ist dir selber überlassen. Wenn du magst, kannst du uns deinen Vornamen und dein Alter verraten – das ist natürlich freiwillig.

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Titelbild: Jake Davies/Unsplash

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