SexfantasienWer schläft in Ihrem Kopf?

Sex ist überall, vor allem in den Köpfen. Insbesondere Männern unterstellt man 24/7 in Sexfantasien zu schwelgen. Zu Unrecht! Denn auch Frauen hängen erotischen Träumen nach. Wovon wir fantasieren und was das über uns aussagt, ist dabei immer noch ein grosses Geheimnis.

Die Sexfantasien von Frauen

Sind es wirklich Fesselspiele und Hiebe à la Shades of Grey oder doch der schöne Beau auf dem weissen Schimmel, die Frauen zum Träumen anregen? Klar ist, Sex beginnt im Kopf und damit in der Fantasie. Denn dort, wo uns keiner folgen kann, passiert das, was wir uns vielleicht am sehnlichsten wünschen, aber nicht auszusprechen wagen. Und das ist zuweilen schmutziger, moralisch fragwürdiger, aber auch skuriller, als man gemeinhin vermuten mag. Vor allem sind Sexfantasien unter Männern wie Frauen nichts Seltenes.

1973 nahm sich die Journalistin Nancy Friday dieser Frage erstmals an. Ihre bahnbrechende Interviewstudie «My Secret Garden: Women’s Sexual Fantasies» machte klar: Sexfantasien sind keine männlich Domäne und wovon wir träumen ist auch weit weniger zufällig und inviduell, wie man vielleicht glauben möchte. Insbesondere unter Feministinnen sorgte Fridays Entdeckung, nämlich dass ein Grossteil weiblicher Sexfantasien masochistischer, gewaltvoller und inzestuöser Natur waren, für Bestürzung. Manche Frauen schämten sich für Ihre Fantasien, andere wiederum betrachteten sie als «eine Technik, Befriedigung zu erlangen», erinnert sich Alice Schwarzer in der EMMA

Töchter träumen anders

Rund 25 Prozent aller Männer und Frauen haben sadomasochistische Sexfantasien. (Brett Kahr: Sex im Kopf, 2007)

Doch schon bald sollten sich die masochistischen Fantasien zunehmend in ihr Gegenstück verkehren. Zu diesem Ergebnis gelangte Friday Anfang der 90er in ihrem Buch «Women on Top: How Real Life Has Changed Women’s Sexual Fantasies». Dort machte sie anhand von Fallbeispielen deutlich, dass die Töchter ganz andere Fantasien hegten als ihre Mütter. Seit damals wissen wir, dass der gesellschaftliche Wandel auch unsere Sexfantasien prägt. Jetzt häufiger auftretende Vorstellungen in denen Frauen Männer sexuell dominieren und unterwerfen, verstand man als Produkt der fortschreitenden Emanzipation. Warum Frauen jedoch bis heute weiterhin häufig masochistische Träume haben, warum wir überhaupt relativ häufig sexuelle Gewaltfantasien haben und ob diese Symptome für eine psychische Störung sind, konnte Friday allerdings nicht beantworten.

Nach Friday wurde lange still geträumt. Sexfantasien waren selten Gegenstand wissenschaftlicher Studien bis der britische Psychologieprofessor Brett Kahr im Rahmen des «British Sexual Fantasy Research Project»  über 19 000 anonyme Interviews und abertausende Sexfantasien in einem Buch bündelte (Brett Kahr: Sex im Kopf, 2007). Heraus kam zunächst das, was man schon lange vermutet hatte: Eigentlich jeder hat sexuelle Fantasien. Insgesamt gaben 90 Prozent an regelmässig Fantasien mit sexuellen Inhalten zu haben. Darunter bejahten dies allerdings nur 84 Prozent der Frauen und 96 Prozent der Männer.

Trotz der Masse an Träumern sind Sexfantasien immer noch ein Tabu. Oder kennen Sie jemanden der über frei von der Leber weg über sein sexuelles Kopfkino spricht? Das Schamgefühl, vermutet Kahr, hindere sogar eine kleine Prozentzahl etwas vollkommen Natürliches, auch anonym, zuzugeben.

Sexfantasien: Wovon Frauen und Männer träumen

Zwar besagt das Vorurteile, dass sich vor allem das männliche Geschlecht in sexuellen Fantasien verliert, aber Kahrs Ergebnisse sprechen eine andere Sprache. Frauen stehen Männern in ihren erotischen Gedankenbildern um nichts nach. Und auch sie stellen sich dabei keineswegs immer zärtlichen Blümchensex vor.

  • 90 % gehen gedanklich fremd. Denn neun von zehn träumen über Menschen, mit denen sie nicht in einer Beziehung sind. Besonders häufig, nämlich in 40 % Fantasien, übernimmt ein Arbeitskollege oder die Arbeitskollegin die Hauptrolle im Kopfkino.
  • Über 30 % spielen gedanklich regelmässig eine sexuelle Dreierkonstellation durch (28 % der Frauen, 58 % der Männer), jeder Fünfte fantasiert von einer Orgie.
  • 22  % stellen sich vor, beim Sex beobachtet zu werden
  • 18 % der Männer wünscht sich seine Partnerin zu spanken, umgekehrt sind es nur 7 % der Frauen. Über die Hiebe würden sich 13 % der Frauen und 11 % der Männer angesichts ihrer Fantasien freuen.
  • 17 % der Frauen und 13 % der Männer haben homoerotische Gedanken, während sich nur 3 % als homosexuell bezeichneteten.

Spätestens seit Friday wusste man, dass auch Frauen-Fantasien hemmungslos und schmutzig sind. Auch Kahr bestätigt, dass inzwischen bei allen die Fantasien tabuloser geworden sind. Beispielsweise sei Analverkehr heute viel häufiger Fantasiegegenstand als noch vor fünf oder zehn Jahren. Nach und nach fallen Tabus – jedenfalls in den Köpfen der Männer und Frauen. Auslöser und Anreger hierfür sind täglich und überpräsent zu beobachten: Kaum eine Marmeladen-Werbung kommt noch ohne nackte Haut aus, erotische Romane wie Shades of Grey stürmen die Beststellerlisten, Hardcore-Pornos sind online rund um die Uhr kostenlos verfügbar. Sex scheint zugänglicher und selbstverständlicher denn je. Bei so viel Normalität müssen dann im Kopf nicht nur die Hüllen fallen, sondern auch die Hemmungen, um etwas Aufregung ins Spiel zu bringen.

Doch das ist nicht die eigentliche Nachricht, das hatte der erfahrene Psychotherapeut in vielen Sitzungen bereits gelernt. Viel erstaunlicher ist, das obwohl wir Sexualität inzwischen freier erleben und sehr viel grenzenloser erträumen, immer noch von tiefer Scham begleitet wird. «Gerade jüngere Menschen«, sagt Kahr, »denken immer, dass sie so aufgeklärt sind und so frei. Aber am Ende sind es genau sie, die am meisten unter ihren Fantasien leiden.» Häufig, aber eher harmlos bedrücken Fantasien, die uns lieb und teure Menschen, wenn auch nur in Gedanken, betrügen lassen. Denn obwohl Seitensprünge und Affären inzwischen zur Normalität gehören, ist das moralische Urteil dazu nicht gnädiger geworden.

Richtig belastend können Sexfantasien werden, wenn Sie uns von der Norm abweichend erscheinen (z.B. Sex mit Verwandten, Sex mit Tieren, Gewaltvorstellungen oder absurde Episodenträume). Ein Befragter konnte beispielsweise nur Erregung erlangen, wenn er sich zwei Frauen, die gegeneinander boxten vorstellte. Ein anderer fantasierte davon, von Britney Spears mit einem Fisch verprügelt zu werden. Wieder eine andere, träumte beim Sex mit ihrem Freund von einer rasanten Autofahrt mit Tom Cruise.

Denn der Vorteil der Sexfantasien, nämlich, dass sie uns frei machen von gesellschaftlichen Zwängen und unsere Träume, zumindest in der Fantasie, ausleben lassen, kann auch zum Nachtteil werden. Gerade weil wir unsere Sexfantasien meist für uns behalten, ist man immer nur selbst anders. Sind all diese Fantasien verrückt und die Menschen, die sie erträumen ein Fall für den Psychiater? Die Frage, die sich Frauen wie Männer stellen müssen, ist dabei in den Worten von Schwarzer aber eine ganz einfache: «Sind ihre Fantasien für sie selbst freudvoll oder bedrückend? Oder bedrückend freudvoll?».

Wohin mit den Träumen?

Klar, ist, wer unter seiner Gedankenwelt leidet, sollte sich Hilfe suchen. Doch dabei sind nicht alle sexuelle Fantasien beim Partner bestens aufgehoben, glaubt der Psychologe Kahr. Und nicht jeder Traum sei ein Wunsch, der auch in die Tat umgesetzt werden will. Das mag beruhigen, anhand der grossen Zahl von sexuellen Gewalt- und Inzestfantasien. Kahr vermutet, dass sexuelle Gewaltfantasien im Erwachsenenalter häufig von Übergriffen in der Kindheit herrühren. Später soll in den Sexfantasien eine schmerzvolle Erfahrung durch ihre Erotisierung verkraftbar gemacht werden. Kahrs tiefenpsychologische Analyse, die auf der Freudschen Theorie fusst, gilt allerdings als umstritten. Was sexuelle Gewaltfantasien letztlich bedeuten konnte auch die Wissenschaft bislang nicht klären, jedoch gilt als gesichert, dass was uns in unserer Vorstellung erregt, nicht zwangsläufig in der Realität tut.

Offenbarte Sexfantasien mit anderen Partnern, besonders wenn Sie bekannt sind, können zudem für unnötige Spannungen und Eifersucht sorgen. Stellen Sie sich vor sie haben ein harmlosen Disput mit Ihrem Liebesten, sagen wir mal über eine schlechtgemachte Sexszene in einem Schweizer Kinofilm und ihr Partner stichelt:« So geölt und geschmiert wie bei dir und deinem Kfz-Mechaniker läuft das natürlich nicht.» Autsch! Das tat weh. Ihren Partner hat ihre kleines Kopfkino mit dem Mechaniker offenbar einen Stich versetzt. Hier sollte man gut abwägen, ob die Beziehung wirklich schonunglose Offenheit verträgt. Manchmal ist es ja auch ganz schön ein paar Geheimnisse zu behalten. Auch das ist erotisch.

Wenn aber die Fantasie im Kopf schmutziger, die Hemmungen aber gleichzeitig nicht weniger werden, entsteht eine klassische Patt-Situation: Wohin mit all den intimen Sexfantasien, die doch irgendwie ans Tageslicht und am liebsten in die Praxis transportiert werden wollen? Good News für Träumer! Denn trotz so allerlei Abstrusem und vielleicht Unerklärbarem, wollen uns die meisten unserer Träume von unseren Wünschen erzählen. Experten raten in diesen Fall, was inzwischen auch wissenschaftliche Studien belegen. Nämlich, dass 71 Prozent der Sexfantasien von Männern und 84 Prozent der sexuellen Wünsche von Frauen sich erfüllen würden, wenn der Partner überhaupt davon wüsste.

Sexuellen Fantasien, die sich ohne Risiko und ohne anderen zu schaden leicht ausleben lassen, gehören nämlich nicht von der Scham aufgefressen, sondern an die richtige Adresse: Und zwar an den Menschen, dem man vertraut. Und genau damit hat man eine schöne Erkenntnis gewonnen. Nämlich die, dass es bei Sex eben nicht nur um Körperlichkeit und ungezügelte Hemmungslosigkeit geht, sondern um Nähe uns das Gefühl vertrauen zu können.

Bild: iStock

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