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FITNESS-POLIZEIActivity-Tracker im Check

Fitness Tracker wachen mit Argusaugen über unseren inneren Schweinehund. Das Versprechen: Mehr Sport, mehr Motivation und mehr Gesundheit durch digitale Selbstdisziplinierung. Zeit sich zu rächen: Activity Tracker im Test.

Vertrauen ist gut. Kontrolle besser. Vor allem wenn es um den inneren Schweinhund geht. Der nimmt es mit den Vorsätzen, gesünder, sportlicher und besser zu leben, nämlich meist nicht so genau, wie wir es mit unserer Bikinifigur tun. Doch diesen Sommer klappt es ganz sicher. Der Technik sei Dank arbeiten wir an einem besseren Ich.

Mit freundlichem Gruss aus Silikon Valley: Der gläserne Mensch hat gelernt sich selbst zu überwachen. Fitness Apps und Armbänder helfen ihm dabei sich bewusst zu werden über das, was er täglich tut, aber vor allem das, was er nicht tut. Und es dann doch zu tun, immer öfter und immer effizienter.

Activity Tracker: Selbsterkenntnis durch Zahlen

62 Minuten geträumt. 140 Minuten tief geschlafen, 168 Minuten leicht. Aufgewacht: dreimal. 3412 Schritte um 12 Uhr. 10.000 sollen es sein. Kurzes Lunch: 645 Kalorien. Langer Spaziergang in der Mittagspause: 6745 Schritte. Dann lieber Kräutertee statt Kaffee, das hält den Blutzucker niedrig.

Activity oder Fitness Tracker kommen in Form kleiner Armbänder oder Clips, die permanent am Körper getragen werden und uns mithilfe eingebauter Sensoren auf Schritt und Tritt überwachen. Programme auf dem Laptop oder Apps auf dem Smartphone werten aus: Wie viel Schritte gehen wir, wie viel Kalorien haben wir dabei verbraucht und haben wir auch gut und tief geschlafen?

Neben Schrittleistung, Kalorienverbrauch und Schlafintensität wird auch ausgewertet, was wir essen, Körperfettanteil, Blutzuckerspiegel, ob wir ausgeglichen oder gestresst sind.

Ein Selbstbelüger, der glaubt, das weiss man doch auch ohne Self-Tracking. Natürlich wissen wir, dass es gesünder ist mit dem Velo zur Arbeit zu fahren, anstatt unser Beine in der Tram übereinander zu schlagen. Nach dem Ausflug in die Fast Food Hölle, nehmen wir uns vor nächstes Mal in den sauren Apfel beissen. Dabei bleibt es aber auch, beim vorsätzlichen Vornehmen.

Activity Tracker halten uns Meisterinnen im Verdrängen unser wirkliches Tun vor Augen. Erfolge und Misserfolge immer vor dem Schirm. Kuschelsex: 150 verbrauchte Kalorien, Sportsex: 350 verbrauchte Kalorien. Spass für den Kontrollfreak, aber nicht das vorgebliche Ziel des Fitness-Trackings. Das digitale Verfolgen und Auswerten soll uns motivieren und sogar glücklicher machen. Zumindest Motivation und Leistungssteigerung gilt als erwiesen.

Self-Tracking: Leistung schwarz auf Screen

Das bestätigt die Wissenschaft, aber auch unsere eigene Erfahrung. Vom Hausaufgabenheft über Tagebücher und To-Do-Listen oder Zielvereinbarungen mit den Vorgesetzten: Leistungsbereitschaft und Leistung sind grösser, wenn man mit konkreten und realistischen, Zielen arbeitet und diese regelmässig überprüft. Joghurt statt Glace, Treppen statt Aufzug, um elf statt um halb zwölf ins Bett: alles easy - und hat einen sichtbaren Effekt. Die Daten zeigen es schliesslich schwarz auf Screen.

Und wie viel befriedigender ist es selbstgesteckte Ziele endlich zu erreichen, auch wenn es kleine sind, anstatt sich in Schuldgefühlen zu suhlen. Der Fortschritt ist die Belohnung.

Und wenn man das geschaftt hat, schafft man doch noch mehr. Und was schaffen eigentlich die anderen so? Auch das kann man natürlich überprüfen.

Die meisten Apps wollen ihre Daten auf Facebook, Twitter und Co. mit unseren Freunden teilen. Dann kontrolliert uns nicht nur der Activity Tracker, sondern auch unsere Freunde. Plötzlich von den anderen abgehängt zu werden, ist nun wirklich zu peinlich. Also laufen wir immer mehr: Erst 5 000 Schritte, dann 8 000, dann 10 000. Wir essen immer kalorienbewusster. Erst nur noch 1500 Kalorien, dann 1300, dann 1000. Und werden so zu gesünderen, fitteren und besseren Menschen, theoretisch.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Tracken macht erfinderisch. Wie viel besser wäre es hin und her zu gehen, während wir auf den Zug warten? Im Zug den Popo an- und abzuspannen und den Beckenboden zu trainieren? Pasta, Curry oder Sushi? Zumba oder Yoga? Wie einfach jetzt. Die Apps helfen uns richtig zu entscheiden, weil sie uns in eindeutigen Zahlen zeigen, was besser für unseren Körper ist.

Aber steckt im besten Körper auch der beste Mensch? Was, wenn wir beim Warten uns einfach mit einem anderen Menschen unterhielten? Oder ein gutes Buch lesen? Schritte: 0. Kalorienverbrauch: 0.

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