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Downton AbbeyAlle sind im Aristokraten-Fieber

«Downton Abbey» bricht alle Rekorde. Einschaltquoten, Fans und Kritiker sind sich einig: Die britische Kostümdrama-Serie trifft den Zahn unserer Zeit. Und das, obwohl (oder gerade weil?) sie in einer längst vergangenen Epoche spielt.

Downton Abbey

Die Pilotsendung von «Downton Abbey» spielt im April 1912, jenem Datum, an dem der legendäre Luxusdampfer Titanic kenterte und schliesslich sank. Mit diesem historischen Unheil beginnt auch die persönliche Tragödie der Aristokratenfamilie Crawley, die in ihrem Herrenhaus Downton Abbey eine bisher beschauliches Luxus-Leben geführt haben.

Es trifft den Clan hart, dass beim Schiffbruch auch der Cousin Patrick umkommt. Denn der sollte die älteste Tochter Lady Mary heiraten, damit der  hochherrschaftlichen Besitz in der Familie bleiben kann. Es beginnt eine Zeit des Umbruchs, der Unsicherheit um das Fortbestehen von Downton Abbey und der Suche nach einem neuen Erben, der Hof und Tradition würdevoll fortführt. Natürlich nicht ganz ohne böse Intrigen, Irrungen und Wirrungen der Liebe.

Das klingt einfach, wie jeder bekannte Jane Austen-Plot. Nur dass hier auch die Bediensteten eine gewichtige Rolle spielen. Und trotzdem ist die Serie fesselnder als alles bekannte im TV. Warum Downton Abbey so süchtig macht? Unsere Redakteurin macht sich an eine Erklärung.

Spannung zwischen den Zeilen

Was für die Serienhelden als ungewisse Krisenzeit erlebt wird, fasziniert zwar die heutigen Zuschauer, in einem Zeitalter von Bankenkrisen und Burnout will sich der moderne Beobachter aber nicht so wirklich davon schocken lassen, dass ein alt-englischer Adel bei der Suche nach einem Thronfolger für den privaten Luxus-Palast ins Schwitzen gerät. Aufregender ist es für unsere Generation wohl eher zwischen den Zeilen zu spionieren. Dort, wo die adeligen Fassade endet, greifen perfekt aufeinander abgestimmte Zahnräder sozialer Bindungen in einander und beginnt das Staunen der Adelssoap-Fans.

Einer für Alle. Und umgekehrt

Vom Grafen bis zum Kammerdiener: Im prunkvollen Downton Abbey leben sämtliche Sozialschichten Englands unter einem Dach. Eine Art Miniatur-Durchschnitt der Bevölkerung versucht (und schafft es auch) ein harmonisches und funktionierendes Miteinander zu leben.

Ziel ist dabei keineswegs die Abschaffung oder Gleichstellung gesellschaftlicher Ränge. Es geht vielmehr um Attribute, wie Loyalität und Verantwortung, die in Downton Abbey umso grösser geschrieben werden, je weiter die gesellschaftliche Schere im Laufe des ersten Weltkrieges und der fortschreitenden Industrialisierung auseinander spreizt. Gegenseitiges Vertrauen und Zusammenhalt ist die Basis von Downton Abbey. So ist es beispielsweise selbstverständlich, dass der Herzog für die Augenoperation der Köchin aufkommt und auch sonst ist die Fürsorge und Solidarität um das Personal gross.

Beneidenswert vorbildlich funktioniert in Downton Abbey das, was in unserer hoch entwickelten Realität hundert Jahre später irgendwie auf der Strecke geblieben zu sein scheint und vielleicht gerade deshalb mit Spannung und Faszination vor den Mattscheiben verfolgt wird: Ein Klassensystem, in dem jeder seinen Platz und Aufgaben kennt und es dennoch ein soziales Miteinander, anstatt eines Gegeneinanders gibt. Die Welt von Downton Abbey erscheint angenehm heil. Die Sorgen, Ängste und Nöte, die Krisen, die sich (besonders für Frauen) damalige Generationen gewiss nicht immer rosig angefühlt haben, wirken aus heutiger Sicht überschaubar unkompliziert.

Wenig Haut, viel Sexappeal

Das Erfolgskonzept der Ära von Downton Abbey scheint dem Motto «weniger ist mehr» zu folgen. Dass dieser Anspruch durchaus auch für die Mündigkeit der Frauen von damals gilt, tritt dabei fast unbemerkt hinter der Faszination zurück, dass die besagte Zauberformel der Zurückhaltung auch in Sachen Sexappeal Gültigkeit zu haben scheint. Serienfans sind begeistert, wie die hübsche Michelle Dockery in ihrer Rolle als Lady Mary immer attraktiver wirkt, je zugeknöpfter und distanzierter sie sich gibt. In einer Zeit, in der nackte Haut überpräsent geworden ist, feiert Verhüllung als reizvolles Tabu sein Comeback. Und hält unserer Generation damit einen Spiegel vor. Eine Welt, in der Anziehungskraft nicht über viel Haut, sondern viel Herz funktioniert, läd durchaus zum Mitmachen – oder wenigsten Zusehen – ein.

Downtown Abbey endlich auch bei uns

Die Macher der britischen Erfolgsserie sehen sich in dieser These zu recht bestätigt. Neun Emmys, ein Golden Globe und die besten Verkaufzahlen, die eine DVD-Box bei Amazon je erreicht hat, sprechen für sich. Ab dem 23. Dezember wird Downton Abbey endlich auch wieder im deutschsprachigen Fernsehen (ZDF) zu sehen sein. Insgesamt drei Staffeln sind derzeit erhältlich. Jedes Mal gratis mit dabei: Ein Heile-Welt-Gefühl, das über die Mattscheibe direkt in unsere Herzen flimmert. Und hier vielleicht nachhaltig ein Stück dazu beiträgt, dass auch die Welt von heute ein bisschen mehr Downtown Abbey-Flair bekommt. Das wäre doch schön, oder?

Text: Linda Freutel

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