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Aus der Community «Ich liebe Menschen! Aber ich will keinen Sex»

Wie ist das, wenn man keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen empfindet? Nathalie (26) ist asexuell und verspürt keinen Wunsch, mit jemandem zu schlafen. Wie sie ihre sexuelle Orientierung bemerkt hat und warum die Suche nach etwas, das man nicht kennt, sehr frustrierend sein kann.

Asexuelle sind in der Gesellschaft wenig sichtbar.
Asexuelle sind in der Gesellschaft wenig sichtbar. © Unsplash / Hannah Busing

It’s all about Sex: In der Parfümwerbung besprüht sich eine halb nackte Frau mit dem neusten Duft, auf Tinder wird nach dem nächsten One-Night-Stand gesucht und selbst auf dem roten Teppich züngeln die Stars so sehr, dass man sich denkt: Nehmt euch ein Zimmer!

Doch wie ist es eigentlich, wenn man auf Sex einfach keinen Bock hat und dieses aufgeladene Knistern beim Flirten gar nicht braucht? Wir haben uns mit jemandem aus der asexuellen Community unterhalten.

Nathalie, du bist asexuell. Was genau bedeutet das?

Ganz einfach heisst es, dass eine Person keine sexuelle Anziehung gegenüber einem anderen Menschen verspürt. Bei Asexualität handelt es sich um ein breites Spektrum mit vielen Zwischendefinitionen. In meinem Fall ist es die komplette Abwesenheit von sexueller Anziehung.

Das heisst, du fühlst dich nicht sexuell zu anderen Personen hingezogen?

Nein, so ein Verlangen kenne ich gar nicht. Ich war geschockt, als mir Freundinnen erzählt haben, dass Kerzenlicht, Abendessen und ein heisses Date Lust bereiten können. Das löst etwas bei euch aus? Für mich ist das einfach nicht nachvollziehbar.

Man kann dich also nicht mit einem Candle-Light-Dinner beeindrucken?

Ein gutes Abendessen löst auch in mir Glückshormone aus wie in allen anderen. Aber mehr in der Art, dass ich die Stimmung geniesse oder es gemütlich finde. Für mich ist das Gefühl, das ich gegenüber einer anderen Person empfinde, vergleichbar wie das, wenn ich ein megaleckeres Stück Kuchen esse.

Wie beschreibst du anderen deine Sexualität?

Wenn sich mein heterosexueller Bruder vorstellt, mit einem Mann zu schlafen, reagiert er eher abgeneigt. Diese Abneigung empfinde ich gegenüber allen Geschlechtern beim Gedanken an Sex.

Ist Asexualität eine Folge von Missbrauch?

Auch das gibt es. Und es ist völlig okay, wenn sich jemand infolge eines Traumas als asexuell identifiziert. Manche Menschen können diese Asexualität dann durch Therapie «überwinden». Die Definition von Asexualität ist aber einfach, dass es eine sexuelle Orientierung ist wie alle anderen auch.

Wie hast du gemerkt, dass du asexuell bist?

Mit etwa 20 hatte ich eine Beziehung. Als mein damaliger Freund gefragt hat, ob es sein könne, dass ich asexuell bin, habe ich geleugnet und bin wütend geworden. Ständig habe ich mir eingeredet, dass ich so bin wie alle anderen und ebenso einen Drang nach körperlicher Nähe verspüre.

Ich wusste immer, dass ich nichts tun muss, was ich nicht möchte. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Wissen, keinen Sex haben zu müssen und dem Wissen, dass man aber Sex wollen sollte. Dann fragt man sich: Warum will ich denn nicht?

Was hat deine Sicht geändert?

Tatsächlich die Medien. Ich hab parallel die Serie BoJack Horseman angesehen. Einer der Nebencharaktere dort ist asexuell. Mit der Figur konnte ich mich schnell identifizieren, denn sie reagierte auf die Frage, ob sie asexuell ist, genauso wie ich: leugnend und aufgebracht. Nach und nach realisierte der Charakter, dass er doch asexuell ist. Das hat auch mich zum Nachdenken angeregt.

Hast du deine sexuelle Orientierung geleugnet, weil Asexualität in der Gesellschaft nicht präsent ist?

Teilweise. Generell sind Menschen einfach sehr auf sich selbst fokussiert. Deshalb dachte ich, es geht allen so wie mir. Wenn mein Vater und mein Bruder darüber scherzten, dass sie eine Frau attraktiv finden, dachte ich immer, das sei gespielt. In Filmen wird das ja auch so gemacht. Ich dachte, sie meinen das als Witz. Schliesslich haben die beiden danach peinlich berührt gelacht. Ich habe mitgelacht und gar nicht verstanden, dass sie das ernst meinen.

Die Gesellschaft ist ganz klar übersexualisiert, das zeigen solche Beispiele. Als Asexuelle denkt man, die anderen tun nur so, als ob sie sich sexuell anziehend finden. Die Medien machen es vor und alle machen mit.

Du warst Anfang 20 als du gemerkt hast, du bist asexuell. Ist es generell so, dass man Asexualität eher als junge Erwachsene als im Teenie-Alter erkennt?

Es gibt sicher Leute, die das schon im Teenie-Alter oder eben sehr viel später erkennen. Das liegt daran, dass man immer die Erwartung hat, dass sich die Lust schon irgendwie verändert. Sätze wie «der Richtige kommt schon noch» höre ich bis heute – mittlerweile zum Glück sehr viel seltener als im Teenie-Alter. Heute weiss ich, dass ich einfach keinen Wunsch habe, mit jemandem intim zu werden.

Hast du versucht, eine Beziehung als Asexuelle zu führen?

Ich hatte mehrere Versuche einer Beziehung und hab mich jedes Mal total reingestürzt. Damals habe ich nach körperlicher Nähe gesucht. Ich war überzeugt, dass ich mich einfach durchprobieren muss und es sich mit dem Richtigen schon gut anfühlen wird. Die Beziehungen gingen aber immer aus anderen Gründen als meiner Sexualität auseinander – ich habe irgendwann einfach gemerkt, dass ich auch aromantisch bin und kein Interesse an einer Beziehung habe.

Wie hast du gemerkt, dass du aromantisch bist?

Das herauszufinden war sehr viel komplizierter, denn ich dachte mir: «Ich liebe Menschen!» Aber ich will keinen Sex. Lange dachte ich, dass ich panromantisch bin, weil ich alle Geschlechter gleich gerne mag. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass dieses Mögen bei null liegt.

Wie reagieren andere, wenn du sagst, du bist asexuell?

Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Ältere Generationen kommen oft mit lieb gemeinten Ratschlägen wie «Warte mal, bis du Kinder willst». Das geschieht zwar ohne böse Absichten ­– aber irgendwie fühlt man sich nicht ernst genommen. Gleichzeitig stosse ich auf viel Verständnis und auch auf den Wunsch, es verstehen zu wollen. Asexualität ist ein Begriff, den viele einfach nicht kennen.

Deshalb ist es völlig okay, Fragen zu stellen. Ich finde es auch toll, wenn man darüber Witze machen kann. Dann ist die Stimmung einfach ungezwungen und es führt dazu, dass die Asexualität als Normalität angenommen wird.

Findest du, Asexuelle sollten sich outen?

Ich persönlich sage nicht allen, dass ich asexuell bin. Es hat aber sehr geholfen, mit meinen Freunden und meiner Familie darüber zu sprechen, weil dadurch nicht ständig thematisiert wird, dass ich single bin.

Grundsätzlich finde ich, man muss sich nicht outen. Ausser vor dem Partner oder der Partnerin, mit der man eine Beziehung eingehen will.

Was wünschst du dir von der Gesellschaft?

Mein Ziel ist mehr Sichtbarkeit für die asexuelle Community. Ich will, dass mehr Leute mit Asexualität in Berührung kommen. Niemand soll denken, dass man sich zum Sex zwingen muss, weil es sich irgendwann richtig anfühlen wird. Wenn ich mit meinen Partnern intim wurde, habe ich dem zugestimmt. Trotzdem weiss ich heute, dass ich definitiv keinen Sex wollte. Ich wollte wollen. Das sind keine schönen Erfahrungen und die möchte ich gerne allen ersparen.

Asexuell in der Schweiz

Es ist wichtig, dass Asexuelle in der Gesellschaft mehr Sichtbarkeit bekommen. Wenn du eine asexuelle Person kennenlernst oder sich jemand in deinem Umkreis outet, stell ihr ruhig Fragen, wenn sie sich damit wohl fühlt. Je mehr darüber gesprochen wird, desto eher stellt vielleicht jemand fest, dass er oder sie vielleicht keinen Sex will. Auch kann es helfen, sich in der Community auszutauschen und sich mit Menschen zu treffen, die ebenfalls asexuell sind. Eine Anlaufstelle ist aroace.ch. Ob a, demi, gray oder auf der Suche, hier kannst du dich mit anderen über ihre Erfahrung austauschen.

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