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BIOIDENTISCHE HORMONTHERAPIE«Hormone bestimmen, ob wir uns wohl fühlen»

INTERVIEW Einst krebserregend, heute das neue Anti-Aging Wunder. Hormontherapien während der Wechseljahre, allen voran Behandlungen mit bioidentische Hormonen, machen derzeit eine wundersame Rehabilitation durch. Im Gespräch mit Femelle erklärt Gynäkologe Dr. P. Dörffler, wie bioidentische Hormone unsere Lebensqualität verbessern können.

Was bringt die Hormonersatztherapie mit bioidentischen Hormonen. Wir haben nachgefragt.

Der deutsche Endokrinologe Martin Wabitsch glaubt, dass wir uns drei Dinge anschauen müssen, um zu verstehen, wer wir sind: Unsere Umwelt, unsere DNA und unsere Hormone. Was sagen Hormone über einen Menschen aus?

Eigentlich nichts. Der Hormonspiegel erlaubt keine Schlüsse auf unsere Persönlichkeit. Aber natürliche Hormone steuern viele Prozesse in uns. Dabei können sie Beschwerden hervorrufen oder dafür sorgen, dass es keine gibt. Insofern bestimmen Hormone, ob wir uns wohl fühlen.

Trotzdem sind wir schnell versucht unsere Launen, besonders die schlechten, den Hormonen in die Schuhe zu schieben. Verliert eine Frau die Kontrolle, hört man schon mal: «Oh, die kriegt wohl bald ihre Mens.» Haben Hormone uns so fest im Griff?

Man muss da sehr vorsichtig sein. Natürlich, eine vertraute Person kann das manchmal sehr zutreffend erkennen. Auch Mütter erzählen mir, dass sie ihre Ehemänner oder Kinder vor der Menstruation manchmal unberechtigt anschnauzen. Denn es gibt tatsächlich hormonell bedingte Gefühlsschwankungen, im positiven wie im negativen Sinne. Wir können uns durch Hormone absolut euphorisch und zufrieden fühlen und es gibt Beeinflussungen, wie das Prämenstruelle Syndrom, wo eine bunte Vielfalt an körperlichen wie seelischen Beschwerden auftauchen kann. Aber zu sagen «Die spinnt mal wieder», ist natürlich grundsätzlich eine Unterstellung. Und manchmal ist es ja auch angebracht, dass man endlich mal aus der Haut fährt und sagt: «So nicht mein Freund!».

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Frauensache mit Gynäkologe Dr. P. Dörffler

Frauensache auf femelle mit Dr. D. DörfflerEr darf sich zurecht als Mann bezeichnen, der die Frauen versteht. Von München hat es den erfahrenen Frauenarzt Dr. P. Dörffler nach Zürich, genauer gesagt Affoltern am Albis verschlagen. Hier hat er seine eigene Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe. Auf Femelle.ch beantwortet er jetzt Fragen rund um die Frauengesundheit. Richten Sie Ihre Fragen bitte an redaktion@Femelle.ch.

Weitere Infos zu Dr. P. Dörffler finden Sie unter: frauenarzt-affoltern.ch

Menstruation, Schwangerschaft und Geburt wären ohne das Wirken von den Sexualhormonen nicht möglich. Manchmal machen Sie das Leben aber auch unmöglich. Stichwort: PMS (Prämenstruales Syndrom). Warum erkennen wir uns vor der Mens manchmal nicht wieder?

Tatsächlich weiss man das nicht so genau. Die Ursache von PMS ist trotz vieler Forschung nicht bekannt.

Wenn man nicht weiss, woher die Beschwerden kommen, wie ist dann eine Behandlung überhaupt möglich?

Weil wir die Ursache nicht kennen, müssen wir symptomatisch behandeln und jede Beschwerde wie Kopfschmerzen, Magenkrämpfe oder Schläfrigkeit einzeln anschauen. Dabei sind die Therapieansätze sehr vielfältig. Manchen Patienten helfen natürliche Mittel wie Brennnesseltee oder Johanniskraut, manche finden über Sport und gesunde Ernährung zu einem körperlichen Ausgleich, teilweise verabreicht man auch natürliche Gelbkörperhormone oder empfiehlt die Pille.

Wie kann eine Hormontherapie, denn inoffiziell ist die Pille das auch, jungen Frauen bei Zyklusbeschwerden helfen?

Die Pille verhindert nicht nur Schwangerschaften, sondern reguliert auch den Zyklus. Sie enthält in der Regel zu gleichen Teilen Östrogen und Gelbkörperhormone, dadurch wird die Aktivität der Eierstöcke gestoppt und Schwankungen des Hormonspiegels verhindert. Insofern kann die Pille für eine Beschwerdefreiheit während der Menstruation sorgen.

Die häufigsten Symptome des Prämestruellen Syndroms (PMS)

Die häufigsten körperlichen Symptome des Prämenstruellen Syndroms sind Wassereinlagerungen, Gewichtszunahme, Hautunreinheiten, Durchfall, Magenkrämpfe, Völlegefühl aber auch Appetitlosigkeit sowie Rücken- und Kopfschmerzen. Zu den psychischen Beschwerden gehören Stimmungsschwankungen, Antriebsarmut, Ängste, Traurigkeit, aber auch Hyperaktivität. Beim PMS können zudem auch Stresssymptome und Vitaminmangel hineinspielen.

Am Beispiel der Pille zeigt sich wie gross der Einfluss von Hormontherapien auf unseren Körper sein kann. Mithilfe von Geschlechtshormonen lassen sich  beispielsweise auch Männer zu Frauen und Frauen zu Männern quasi umprogrammieren. Führt man dabei jedoch zu viele weibliche Geschlechtshormone zu, steigt das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Wer mit Hormonen behandelt, hat also ein ebenso mächtiges wie gefährliches Werkzeug in der Hand?

Das erhöhte Herzinfarkt und Schlaganfallrisiko infolge von Hormontherapien bezieht sich allerdings auf die synthetischen Hormone. Gerade diese haben jahrzehntelang für viel Unruhe gesorgt. Sie kennen die amerikanische WHI-Studie von 2002?

Man glaubte, festgestellt zu haben, dass bestimmte Hormone Brustkrebs befördern. Und das zu einer Zeit, in der man Hormontherapien während der Menopause fast schon automatisch verschrieb.

Diese Annahme ist aber wegen vieler wissenschaftlicher Fehler in der Studie wieder relativiert worden. Ursprünglich war die Untersuchung nämlich als Bluthochdruckstudie angelegt. Man hatte Frauen mit Bluthochdruckproblemen Hormone verabreicht, weil man prüfen wollte, ob diese für eine Besserung sorgen. Weil aber während der Studie unter den Probandinnen vermehrt Brustkrebs auftrat, hat man die Studie verfrüht abgebrochen und vermutet, die Hormone wären dafür verantwortlich. Das ist natürlich wissenschaftlich unseriös, denn dazu müsste man die Probandinnen zuvor auf Brustkrebs untersuchen und auch eine Risikoanalyse machen. Zudem trugen alle Studienteilnehmerinnen schon aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands ein höheres Brustkrebsrisiko. Die Testpersonen waren durchschnittlich über 60, überwiegend fettleibig, sie litten unter erhöhtem Bluthochdruck, viele rauchten. Das alles sind Faktoren, die einen Brustkrebs begünstigen. Und dann muss man ja auch sagen, dass ein Brustkrebs viele Jahre braucht, um zu entstehen. Hier wurde aber schon Brustkrebs innerhalb des ersten Studienjahres gefunden.

Trotzdem hat diese Studie ein grosses Medienecho ausgelöst und viele Frauen verunsichert. Hat man einen Nerv getroffen?

In den Medien sind Bad News ja immer Good News. Und man muss schon sagen, dass die synthetischen Hormone damals relativ einseitig beschuldigt wurden Krebs zu verursachen. Brustkrebs hat sehr viele unterschiedliche Ursachen, die hier überhaupt nicht berücksichtigt wurden. Nichts desto trotz wurde die Art der verwendeten Hormone zurecht kritisiert. Denn die verabreichten synthetischen Hormone besitzen eine völlig andere Strukturformel wie die, die im Menschen natürlich vorkommen.

Heute fürchten wir uns wieder weniger vor der Hormontherapie, obwohl ein Restrisiko für Krebs vorhanden ist. Wie kommt das?

Hormone können Krebs auslösen, aber das tun sie wesentlich seltener als infolge der WHI-Studie angenommen. Ein Vergleich: Rauchen erhöht das Brustkrebsrisiko um den Faktor 90, Kinderlosigkeit und nie gestillt zu haben um den Faktor 40 bis 45 und eine Behandlung mit synthetischen Hormonen in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren um den Faktor 2 bis 5. Um das Restrisiko so gering wie möglich zu halten, empfiehlt man heute Hormonbehandlungen möglichst früh zwischen 40 und 50 Jahren und nicht länger als zehn Jahre. Es gibt allerdings auch hormonanhängige Krebse. Ein Brustkrebs, der aufgrund von verschiedenen Ursachen heraus entsteht, kann natürlich, wenn er hormonabhängig ist, und das ist er etwa zur Hälfte, unter Hormoneinfluss wachsen und zwar schneller wachsen. Andererseits ist diese Art von Brustkrebs eher gutartig, er streut seltener und ist besser therapierbar.

Kleines ABC der Sexualhormone

Östrogene (Estrogene) sind weibliche Sexualhormone. Ihre therapeutische Anwendung in der Medizin ist sehr vielseitig. Sie werden vor allem zur hormonalen Empfängnisverhütung, bei Menstruationsstörungen und bei Wechseljahrbeschwerden eingesetzt. Das bekannteste und wichtigste Östrogen ist das Östradiol (Estradiol.

Das Sexualhormon Progesteron (Gelbkörperhormon) ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Gestagene und häufig zur Behandlung von weiblichen Brustschmerzen, bei Progesteronmangel, bei Menstruationsbeschwerden und bei Fruchtbarkeitsstörungen indiziert.

Gleichzeitig gibt es die Möglichkeit bioidentische, sogenannte natürliche oder naturidentische Hormone, statt den gewöhnlichen synthetischen Hormonen einzunehmen. Ist Bio immer besser?

Um die Idee der bioidentischen Hormone zu erklären, muss ich ein wenig ausholen. Natürlicherweise schüttet unser Körper Hormone im Alter von 15 Jahren bis 45 Jahren aus. In dieser Zeit erleben wir unsere Blüte des Leben. Wir haben die wenigsten Krebse und wir haben die wenigsten Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems. Hormone sind also in dem Alter, in dem wir uns sehr wohl fühlen und die Hauptaktivität haben,  sehr gut und sehr satt vertreten. Mit Beginn der Wechseljahre schwächen sie dann spontan ab. Man glaubt, dass der Grund für diesen natürlichen Hormonmangel in unserer rasant gestiegenen Lebenserwartung liegt. In der Römerzeit betrug diese etwa 25 Jahre, im Mittelalter 30, um 1900 lag sie bei knapp über 40 und heute rund hundert Jahre später ist sie mit 84 doppelt so hoch. Man kann also annehmen, dass von unserer körperlichen Ausstattung her eine Lebenserwartung von 80 Jahren nie vorgesehen war. Durch die höhere Lebenserwartung erleben wir jetzt Phasen von zirka 30 bis 40 Jahren, wo wir spüren, dass die Power nachlässt und Haut wie Psyche durchlässiger werden. Warum also nicht mit natürlichen Hormonen diesen Hormonmangel sanft ausgleichen und unsere Blütephase ein klein wenig verlängern?

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