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Ist Bio immer besser? Bioidentische Hormone im Fokus

Könnte man nicht dasselbe über Hormontherapien mit synthetischen Hormonen sagen?

Bioidentische Hormone, die nach dem Vorbild der natürlich im Körper vorkommenden Hormone gebildet sind, haben im Gegensatz zu synthetischen Hormonen keine negativen Begleiterscheinungen. Schon die Vorstellung, ein anderes Hormon zu geben, als es der Natur entspricht , erscheint mir widersinnig. Warum sollte ich meinem Körper ein Plagiat geben?

Was sind Bioidentische Hormone?

Bioidentische Hormone sind Wirkstoffe, die mit den Hormonen, die der Körper selbst herstellt,  von der Struktur und der Funktionsweise identisch sind. Hierbei handelt es sich vor allem Sexualhormone wie Östradiol, Progesteron oder Testosteron. Die bioidentische Hormonersatztherapie geht von der Annahme aus, dass bioidentische Hormone nebenwirkungsarm und wirksamer als synthetischen Hormone. Als synthetische Hormone werden Wirkstoffe bezeichnet, die künstlich aus chemischen Derivaten hergestellt sind. Das heisst synthetische Hormone sind von Ihrer Strukturformel den natürlich im Körper vorkommenden Sexualhormonen ähnlich, aber nicht gleich.

Quelle: Pharmawiki

Nicht alle Medizin-Wissenschaftler sind von bioidentischen Hormonen überzeugt. Hauptgrund der Kritik ist, dass es über bioidentische Hormone bislang keine aussagkräftigen, wissenschaftlichen Studien gibt.

Die notwendigen Erfahrungen mit bioidentischen Hormonen haben wir durchaus schon von der Pharmaindustrie, die neben ihren reinsynthetischen auch bioidentische anbietet, obwohl sie das offiziell so nicht bezeichnet. Zum Beispiel werden natürliche Hormone erfolgreich im Rahmen von Kinderwunsch-Therapien eingesetzt. Auch bei PMS kann die Gabe von natürlichen Gelbköperhormonen helfen, den Zyklus zu stabilisieren. Bioidentische Hormone werden im Grunde schon lange und immer mehr eingesetzt, denn bio ist natürlich in. Wir erleben eine Zeit in der wir uns wieder auf unsere Ursprünge rückbesinnen und das Natürliche suchen. Und es ist auch sehr viel Unsicherheit und Misstrauen gegenüber den synthetischen Pharmazeutika da, weil oft die Transparenz fehlt.

Das ist verständlich, macht aber bioidentische Hormone an sich nicht besser, sondern nur das Vertrauen in sie grösser.

Das stimmt vom Grundsätzlichen her. Grundsätzlich ist die Aufnahmeart von bioidentischen Hormonen in Salebn- und Gelform aber weniger belastend, weil sie direkt über die Lymphbahnen zu den Zielorganen gelangt, ohne bei der Leber vorbei zu müssen. Synthetische Hormone, die es meist nur in Pillenform zum Schlucken gibt, müssen dagegen zuerst von der Leber verarbeitet werden. Bioidentische Hormone werden auch viel niedriger dosiert.  Während eines Eisprunges beispielsweise, haben sie etwa einen Östradiol-Wert von etwa 500 Pikogramm und wenn wir heute eine Patientin mit bioidentischen Hormonen einstellen, dann erreichen wir idealerweise Werte zwischen 100 und 180 Pikogramm. Es gibt aber auch Frauen, die bereits bei einer niedrigen Dosierung von 60-80 Pikogramm sagen, ich fühl mich jetzt pudelwohl. Etwa ein Drittel von dem, was wir in jedem Zyklus durch den Eisprung entwickeln, reicht nach meiner Erfahrung aus, um die Beschwerden, die durch das Ausbleiben der natürlichen Hormone entstanden sind, auszugleichen und mehr Lebensqualität zu erreichen.

Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass bioidentische Hormone nicht organisch, sondern nach dem natürlichen Vorbild hergestellt sind.

Das ist richtig. Die meisten bioidentischen Hormone werden aus dem in der Yamswurzel vorkommenden Diosgenin teilsynthetisch hergestellt. Aus Diosgenin können dann von der Strukturformel her absolut identisch die Östradiole und Progesterone hergestellt werden. Und weil wir die bioidentischen Hormone in Rezepturapotheken selbst herstellen lassen, können wir die Dosierung noch genauer festlegen und besser individualisieren. 

Vor allem in Amerika hat die Hormontherapie mit bioidentischen Hormonen einen Boom erfahren. Prominente Gesichter wie Oprah Winfrey schwören darauf. Östradiol gilt als das Anti-Aging-Versprechen schlechthin.  So liest man das Östradiol die Libido steigert, die Collagenbildung stimuliert, freie Radikale fängt, gegen Herzinfarkt und  Alzheimer schützt und und und. Wenn ich das so höre, möchte ich das unbedingt auch haben, am besten wie NIVEA überall mal drauf schmieren. Kann es eigentlich sein, das bioidentisches Östradiol all das kann?

Die Anti-Aging–Industrie die sich seit etwas 20 Jahren austobt, hat viele Versprechungen nicht einhalten können. Es gab eine grosse Vitamineuphorie, es gab die Mineraleuphorie und Ende der 90er Jahre eine grosse Hormoneuphorie. Das alles hat sich nicht bewahrheitet. Wenn man aber heute fragt, was kann den Alterungsprozess tatsächlich verlangsamen, dann weiss man, dass die einzige Methode, die wirklich funktioniert, das sogenannte Weglassen der Abendmahlzeit, das Dinner-Cancelling ist. Das müsste man aber im Grunde ab dem 15. Lebensjahr anfangen und das kann man in der hiesigen Gesellschaft auch nicht verankern, weil ein Grossteil der Lebensfreude verloren ginge. Alle anderen Methoden die Anti-Aging versprechen, können Altersbeschwerden höchstens lindern. Wie werden also nicht älter, weil wir Hormone zu uns nehmen. Davon muss man sich ganz klar distanzieren.

Sie empfehlen sie aber trotzdem.

Weil Hormone unsere Lebensqualität auf jeden Fall verbessern können.  Das wissen wir zum Beispiel aus zwei kleineren Studien in Schweden und Norwegen. Hier hat man älteren Menschen in einem Seniorenheim bioidentische Hormone gegeben  und festgestellt, dass diese im Vergleich mit anderen Mitbewohnern, die keine Hormone bekamen, sehr viel länger selbständig lebten und seltener Demenz entwickelten. Um das endgültig abzusichern, müsste man aber noch langfristigere und umfassendere Studien machen. Aus meiner eigenen Erfahrung weiss ich aber, dass sehr viele Menschen sich schon mit sehr kleinen Dosen wohler fühlen. Ich hatte zum Beispiel eine 95-Jährige Patientin, die sagte: «Ohne Hormone bin ich nichts.»

Interview: Nathalie Riffard, 28.08.2014

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