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Meinung «Menstruationsferien würden Frauen auf lange Sicht schaden»

Die spanische Regierung hat einen Gesetzesentwurf für Menstruationsferien eingereicht, der nun vom spanischen Parlament bestätigt werden soll. Spanien ist damit das erste Land in Europa, das Menstruationsferien ins Gesetz aufnimmt. Die Idee: Wer während seiner Periode an starken Schmerzen leidet, soll bei vollem Lohn zu Hause bleiben dürfen – jedoch auf ärztliche Anweisung. Eine Debatte wurde losgetreten, gerade Feminstinnen und Feministen befürworten das Konzept. Doch ein solches Gesetz wird Frauen langfristig schaden, findet Redaktorin (und Feministin) Jenny.

Frau sitzt vor Laptop und trinkt Tee
Frau sitzt vor Laptop und trinkt Tee © Getty Images / supersizer

Die Periode kann sich ziemlich übel anfühlen. Ohne Medikamente halte auch ich es kaum aus. Wenn die Krämpfe zu stark sind, muss ich mich übergeben. So geht es vielen Frauen. Etwa ein Drittel aller gebärfähigen Frauen leidet unter starken Menstruationskrämpfen oder anderen Regelbeschwerden. Und trotzdem schleppen sich die meisten Frauen zur Arbeit, wenn sie bluten. Spanien hat nun als erstes europäisches Land beschlossen, dass Frauen Anspruch auf Menstruationsferien haben sollen. Die Idee dahinter: Wenn man sich bei starken Schmerzen ein oder zwei Tage freinehmen kann, fühlt man sich bei der Arbeit wohler und arbeitet folglich produktiver.

In der Theorie müsste das Ganze gut funktionieren. Der amerikanische Berater für Mitarbeiterengagement, Tom Rath, sagt zum Beispiel: «Die erfolgreichsten Unternehmen richten ihre Aufmerksamkeit jetzt auf das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter, um dadurch emotionale, finanzielle und Wettbewerbsvorteile zu erhalten.» Menstruationsferien würden dafür sorgen, dass Frauen sich wohler fühlen und produktiver seien, wovon auch das Unternehmen profitiere – tönt erst mal nach einer simplen Lösung. Aber der Feminismus schneidet sich damit ins eigene Fleisch.

Indirekte Diskriminierung ist kaum zu vermeiden

Ein solches Gesetz fördert indirekte Diskriminierung von Frauen. «Wenn Frauen wegen ihrer Periode grundsätzlich mehr Urlaub nehmen können und ein Arbeitgeber im Einstellungsprozess die Wahl zwischen einem männlichen und einem weiblichen Bewerber hat, ist die Chance bei einer solchen Regelung gross, dass er sich für den Mann entscheidet», sagt Brigitte Leeners vom Universitätsspital Zürich gegenüber der Handelszeitung. Die Regierung Spaniens betont zwar, man müsse auch Gleichstellungspläne in den Betrieben überwachen und so ausbauen, sodass Menstruationsferien kein Grund sind, auf eine Frau im Betrieb zu verzichten. Aber wie soll das gehen?

Die Periode könnte dann, wie auch schon die Möglichkeit einer Schwangerschaft, indirekt ein Grund zur Diskriminierung sein. Am Ende lässt sich nicht belegen, wieso eine qualifizierte Frau ein Job-Angebot nicht bekommen hat. Und so können Menstruationsferien die Periode stigmatisieren – und so das Gegenteil von ihrem ursprüngliche Ziel bewirken. Im schlimmsten Fall wird die Periode dann als «Frauenkrankheit» gesehen.

Wer starke Schmerzen hat, soll sich nicht rechtfertigen müssen

«Der Zyklus einer gesunden Frau beeinträchtigt nicht ihre kognitiven Fähigkeiten», erklärt Leeners. Eine Frau ist nicht weniger produktiv als ein Mann, nur weil sie gerade menstruiert. Aber wer an starken Schmerzen leidet, kann sich nicht konzentrieren und soll sich krankschreiben lassen – und das können Personen unabhängig vom Geschlecht auch in der Schweiz. Je nach Betrieb muss erst am 3. Tag des Ausfalls ein ärztliches Attest eingereicht werden.

Viele Frauen, die an starken Krämpfen und Schmerzen leiden, haben Krankheiten wie Endometriose. Doch die Menstruationsferien greifen hier nicht, denn die Schmerzen können unabhängig von der Periode ausgehen und unregelmässig auftreten.

Wer soll Menstruationsferien bekommen?

Auch ist unklar, wie so ein Gesetz überprüft oder umgesetzt werden kann. Holt man sich ein ärztliches Attest und das gilt für immer? Was ist mit Frauen in den Wechseljahren oder mit Personen, die eine sehr unregelmässige Periode haben? Dürfen sie dann trotzdem einmal im Monat die freien Tage beanspruchen oder nur dann, wenn sie tatsächlich ihre Periode haben? Wie geht man mit Frauen um, die sich für viel Geld eine Spirale einsetzen lassen haben und dadurch keine Periode mehr haben? Werden sie ausgeschlossen?

Ein Blick nach Südkorea zeigt, wie man damit umgehen kann: Laut Artikel 71 des Arbeitsgesetzbuchs bekommen Frauen, die ihren Menstruationsurlaub nicht wahrnehmen, eine finanzielle Entlohnung. Doch haben wir dann nicht wieder eine ähnliche Lage wie jetzt schon, sodass Frauen, die an starken Periodenschmerzen leiden, einen finanziellen Nachteil erhalten?

Menstruationsferien sind ein Privileg

Nehmen wir kurz an, wir hätten bald ein solches Gesetz in der Schweiz. Dann stellt sich die Frage, welche Arbeitnehmerinnen die Menstruationsferien wirklich wahrnehmen würden. Und das ist am Ende vom Job abhängig. Denn viele Mitarbeitenden schleppen sich auch krank zur Arbeit, weil so viel zu tun ist oder sie Angst haben, ersetzt zu werden. Wer hingegen einen sehr sicheren Arbeitsplatz hat, wird sich vermutlich eher krankschreiben lassen – selbst dann, wenn die Schmerzen eigentlich auszuhalten sind. So werden die Menstruationsferien zum Privileg, das sich nicht jede leisten kann.

Klar ist: Wir brauchen innovative Ideen und müssen uns überlegen, wie wir Frauen im Job unterstützen können. Doch Menstruationsferien wie in Spanien können nicht der richtige Weg sein. Es ist gut, dass über die Periode gesprochen wird und wir solche Debatten führen. Für mich steht ausser Frage, dass sich Frauen mit starken Beschwerden krankschreiben lassen können. Aber auf lange Sicht schadet ein Gesetz wie dieses Frauen und fördert die Diskriminierung am Arbeitsplatz. Menstruationsferien als solche sind nicht zielführend. Frauen brauchen nicht noch mehr Steine im Weg, sondern Ideen die sie voranbringen und unterstützen. An der Arbeitskultur muss sich etwas ändern, aber nicht durch ein Gesetz, das dagegen spricht, Frauen einzustellen.

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