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Aus der Community «Sprüche wie 'ein bisschen bi schadet nie' habe ich satt»

Ob in Fernsehserien, Büchern oder in Werbungen – homosexuelle Paare sind längst in der Gesellschaft angekommen. Bei der Repräsentation von Bisexualität besteht allerdings noch Aufholbedarf. Lia und Lukas erzählen im Interview, wie sie die Sichtbarkeit ihrer Community wahrnehmen.

Jede Person definiert ihre sexuellen Vorlieben anders.
Jede Person definiert ihre sexuellen Vorlieben anders. © No Revisions / Unsplash

Das B in LGBTQ+ steht für eine Gruppe von Menschen, die wir beim Gedanken an die queere Community oft vergessen. Auch im öffentlichen Leben begegnen wir nur sehr selten Menschen, die auf mehr als ein Geschlecht stehen. Das macht es für Bisexuelle umso schwieriger, sich mit ihren Vorlieben auseinanderzusetzen.

Lia (25) und Lukas (27) sind bisexuell. Wir haben die beiden getroffen und uns über die Repräsentation von Bisexualität unterhalten. Sie haben uns verraten, wie sie sich in der Gesellschaft wahrgenommen fühlen, wo es noch Verbesserungspotenzial gibt und was sie sich von der Community wünschen.

Wie definiert ihr Bisexualität für euch?

Lia: Ich persönlich fühle mich sexuell zu Frauen hingezogen und spüre da einen Kick. Zu Männern fühle ich mich eher romantischer hingezogen.

Lukas: Bisexualität ist ein Spektrum. Das heisst, jede Person für sich selber entscheidet, wie ausgeprägt die sexuellen und romantischen Interessen an den verschiedenen Geschlechtern sind.

Es heisst immer wieder, dass Bisexualität einfach ein Trend ist. Was hältst du davon, Lukas?

Lukas: Wenn du dich mit dem Label identifizieren kannst, sollst du dir auch dieses geben können. Dabei spielt es keine Rolle, wie fest man sich für dasselbe und wie fest für die anderen Geschlechter interessiert. Ob es sich dabei um einen Trend handelt oder nicht, ist doch egal. Wichtig ist einfach, dass die Leute dein sexuelles Interesse ernst nehmen – und das ist nicht immer der Fall.

Hast du auch schon erlebt, dass du nicht ernstgenommen wurdest, Lia?

Lia: Ja, immer wieder. Beispielsweise sprach ich mit einer Arbeitskollegin über Tinder-Dates. Sie wusste nichts von meinen sexuellen Vorlieben und ging davon aus, dass ich ein Date mit einem Mann hatte. Ich habe dann gesagt, dass ich ein Date mit einer Frau hatte, worauf sie mich einfach angrinste. Menschen können sich irgendwie nicht vorstellen, dass man auf mehr als ein Geschlecht stehen kann. Homosexualität und Heterosexualität scheint in den meisten Köpfen zu funktionieren, Bisexualität aber ist für viele nicht nachvollziehbar.

Ist die Unsichtbarkeit bisexueller Personen Grund dafür?

Lia: Ich denke schon. Bi-erasure – also die Unsichtbarkeit von Bisexualität – ist ein grosses Problem. Häufig mangelt es an Verständnis dafür, dass es Bisexualität überhaupt gibt. Meiner Meinung nach ist das grösstenteils auf die Fehlende Repräsentation zurückzuführen. Im Fernsehen, in Büchern oder in Werbungen werden bisexuelle Menschen nur sehr wenig gezeigt. Ich finde es deshalb umso wichtiger, wenn Personen aus dem öffentlichen Leben zu ihrer Bisexualität stehen.

Lukas, was hättest du selber gerne über Bisexualität gewusst?

Lukas: Ich hätte gerne früher gewusst, dass es Bisexualität überhaupt gibt und hoffe, dass sich diesbezüglich noch viel mehr tut. Es ist wichtig, auch schon Kindern zu zeigen, welche sexuellen Orientierungen es überhaupt gibt, statt immer nur heteronormative Beziehungsformen zu unterrichten.

Hat sich etwas in den letzten Jahren geändert?

Lukas: Ich habe das Gefühl, dass bis vor ein paar Jahren Bisexualität quasi inexistent war. Durch Social Media hat sich das zum Positiven geändert. Es würde mich aber sehr freuen, wenn mehr bisexuelle Männer zu ihrer sexuellen Orientierung stehen würden. Es gibt deutlich mehr bekannte bisexuelle Frauen als Männer. Dass beispielsweise die langjährige Ex-Präsidentin der LOS (Lesbenorganisation Schweiz), Anna Rosenwasser, bisexuell ist, freut mich sehr und hilft auch der Community.

Lia, was wünschst du dir von der queeren Community?

Lia: Ich finde die queere Community akzeptiert Bisexuelle immer mehr und das ist nice. Wenn aber meine eigene Sexualität innerhalb der queeren Community hinterfragt und nicht ernst genommen wird, finde ich das nicht nur schade, sondern auch sehr verletzend. Wir müssen kritisch bleiben, Dinge hinterfragen und unsere Forderungen stellen.

Welche Aussagen über Bisexualität könnt ihr nicht mehr hören?

Lukas: Ich finde es schade, dass ich als bisexueller Mann oft als schwul bezeichnet werde und man mir meine Identität aberkennt. Ich hätte kein Problem, mich als schwul zu outen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, nur noch mit Männern sowohl romantische wie auch rein sexuelle Beziehungen zu führen. Zur Zeit fühle ich mich jedoch mit dem Label «bi» wohl und es ist mit meinen derzeitigen Vorlieben stimmig. Ich entscheide selbst für mich, wie ich meine Vorlieben auslebe.

Lia: Sprüche wie «ein bisschen bi schadet nie» habe ich echt satt. Die Beziehung mit einer Frau gilt oftmals als Phase des Ausprobierens, vor allem, wenn diese zwischenzeitlich eine Beziehung mit einem Mann führen.

Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit auch bisexuelle Personen mehr akzeptiert werden?

Lukas: Grundsätzlich sollte einfach gleichgeschlechtliche Liebe, sei diese sexuell oder romantisch, enttabuisiert werden. Ich bin überzeugt davon, dass man so Bisexualität endlich ernster nehmen und weder als Verheimlichung einer vermeintlichen Homosexualität noch als Sich-Selber-Kennenlernen abgestempelt würde.

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