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AsexuellKeine Lust auf Sex

Ist ein Leben ohne Lust lustlos? Nach was verlangt man, wenn man kein Verlangen hat? Funktioniert Liebe ohne Sex? Wo entstehen Gefühle – im Herzen oder in der Hose? Ist Libidolosigkeit eine Krankheit? Ein Trend? Oder eine Anti-These zur versexten Gesellschaft? Was ist Asexualität? Der Versuch einer Antwort.

Asexuell: Keine Lust auf Lust

Sex ist allgegenwärtig. Ob auf bewegten oder unbewegten Bildern, im TV, auf Plakaten, beim Einkaufen, im Bus oder sonst wo – erotische Bilder sind unausweichlich. Ihre Aussage: Sex macht glücklich. Wer Sex hat, ist erfolgreich. Sex ist alles. Zumindest sagen das die einen. Inzwischen werden immer mehr leise Stimmen laut, die das Gegenteil behaupten.

Asexualität schubst Sex von seinem Thron, macht ihn zur Nebensache, trennt Lust von Liebe und hat Verlangen nach Nichts und Niemandem. Asexuell orientierte Menschen machen einen kleinen, geschätzten Bevölkerungsanteil von ein bis zwei Prozent aus, schaffen es damit aber die restlichen 99 Prozent der vermeintlich immer freizügigeren Welt mit ihrem Statement zu erschüttern.

Sex? Mag ich nicht!

«Die Aussage, keine Lust auf Sex zu haben, schlägt bei den Menschen ein wie eine Bombe. Man kommt sich vor, als hätte man die grösste Perversion von allen und ein moralisches Tabu gebrochen, wenn man sich öffentlich zu Asexualität bekennt», sagt die bildhübsche Simone Dreger, 24 Jahre alt, Studentin aus Zürich.

Simone geht es im Kern wie anderen Asexuellen. Sie weiss zwar was Sexualität ist, empfindet aber weder Lust noch Verlangen. Sie hat sich nicht aus religiösen oder moralischen Gründen zur Asexualität entschieden. Eigentlich hat Simone auch nichts gegen Sex, aber eben auch nichts dafür übrig. «Es ist wie bei jemandem, der keine Tomaten mag. Man weiss, dass sie vielleicht gesund sind und anderen Menschen schmecken. Man selbst mag sie aber einfach nicht. Und isst sie daher auch nicht», sagt die Schweizerin.

Asexualität ist freiwillig

Asexualität ist also eine Frage des Geschmacks und damit etwas Freiwilliges. Genau hierin liegt der Unterschied von Asexuellen zu Asketen, aber auch zu Menschen, die aus biologischen Gründen (Errektionsstörungen, hormonelle Ungleichgewichte, etc) sexuell desinteressiert sind.

Asexuelle Menschen haben keine Lust auf Sex, obwohl sie rein körperlich dazu fähig wären. Mehr noch: Asexuelle Menschen können sogar sexuell motiviert sein. Sie können teilweise ein Verlangen zur Masturbation spüren – jedoch niemals das Verlangen nach körperlichen Intimkontakt mit einem anderen Menschen. Teilweise liegt sogar Küssen und Streicheln ausserhalb der asexuellen Vorlieben.

Sexualität hat viele Formen

Die Unlust auf Sex ist quasi eine weitere Form sexueller Orientierung. Neben Homo-, Hetero- und Bisexuellen gibt es eben auch Asexuelle. Ob der Einfachheit dieser Tatsache, ist es umso erstaunlicher, warum gerade Asexuelle teilweise auf derart heftige gesellschaftliche Kritik oder Ungläubigkeit stossen.

Während Homosexualität längst salonfähig ist, outen sich erst jetzt immer mehr asexuelle Menschen – und das grösstenteils auch noch nicht in der realen Welt, sondern in den unpersönlichen, aber geschützten Räumen des Internets. Immer mehr Foren bieten die Möglichkeit des Austauschs und der Information. «Sich öffentlich zu äussern trauen sich aber noch immer nur wenige», bestätig Simone.

Asexualität ist keine Krankheit

Asexuell orientierte Menschen ernten vor allem den Vorwurf, abnormal zu sein. Die wenigsten wollen und können verstehen, dass es Menschen ohne Lustempfinden und Verlangen gibt. Im Internet wird Asexualität dabei teilweise sogar als Krankheit betitelt. «Menschen, die solche Aussagen tätigen, fehlt dabei jedoch eine wichtige Information», sagt Simone und ergänzt: «Asexuelle Menschen sind nicht glücklicher oder unglücklicher als Menschen anderer sexueller Orientierung.»

Sie empfinden keinen Leidensdruck. Zumindest was die Asexualität angeht, sind die meisten mit sich im Reinen. Es sind vielmehr die gesellschaftlichen Wertungen, die Selbstzweifel, Scham und Trauer hervorrufen und viele Asexuelle in psychotherapeutische Betreuung treiben. Eine Bürde, die wohl alle tragen, die Tabus beginnen zu brechen.

Asexualität und Liebe: Eine gute Verbindung

Asexualität ist – wie wohl die meisten Tabuthemen – für viele Menschen ein Buch mit sieben Siegeln. Es fehlt vielen das Wissen und damit das Verständnis. «Das ist auch der Grund, warum viele Asexualität mit der Unfähigkeit zur Liebe verwechseln», berichtet Simone.

Dabei sind lustlose Menschen durchaus zu tiefen, emotionalen Bindungen und Beziehungen fähig. Sie verzichten einzig auf die Möglichkeit, dieser Liebe körperlichen Ausdruck zu verleihen. Dabei hat keiner gesagt, dass Liebe immer etwas mit Körperlichkeit zu tun haben muss. Im Gegenteil: Dass Sex ohne tiefe Liebe funktionieren kann, ist nichts Neues. Warum sollte dann nicht Liebe auch ohne Sex funktionieren? Ist Liebe nicht ohnehin etwas Freies? Dann sollte sie wohl auch jeder so leben können, wie er möchte. Ob mit Sex. Oder ohne. Sex ist eben doch nicht alles.

Text: Linda Freutel

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