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Erika Lust im GesprächSie zeigt, dass guter Porno möglich ist

Interview Sie ist das preisgekrönte Beispiel, dass guter Porno möglich ist. Jetzt hat Erika Lust ihren ersten erotischen Roman «Nächte in Barcelona» vorgelegt und sich damit einen Mädchentraum erfüllt. Mit Femelle sprach die Filmemacherin über die Macht von Fantasie und Fiktion.

Sie zeigt, dass guter Porno möglich ist. Erika Lust über die Macht von Fantasie und Fiktion.

Dem Klischee nach kaufen hauptsächlich sexuell frustrierte Frauen erotische Literatur. Weil Sie keinen Sex haben, müssen sie über ihn lesen.

Das Klischee über einsame Single-Ladies, die niemanden ausser ihrer Katze zum Streicheln haben und deshalb erotische Literatur brauchen, um sich zu befriedigen, ist so alt wie überstrapaziert. Und es repräsentiert uns, die erotische Literatur lesen, nicht im Geringsten. Wenn uns der aktuelle Boom in der Erotikszene etwas zeigt, dann, dass sich sehr viele verschiedene Menschen an erotischer Literatur erfreuen. Zu unterstellen, dass Sex immer besser ist als jede andere erotische Erfahrung, ist einfach dumm. Jede Frau wird dir sagen, dass schlechter Sex nie besser ist als ein grossartiges, sinnliches Buch. Erotische Romane, Comics, Bilder oder Pornofilme füttern deine Fantasie und können dich so inspirieren Neues auszuprobieren, neue sexuelle Vorlieben zu entdecken oder neue Erfahrungen mit deinem Partner zu machen.

Natürlich hast du «50 Shades of Grey» gelesen. Wie hat es dir gefallen?

Ich muss ehrlich sein. Ich habe das erste Buch nie zu Ende gelesen. Ich bin kein Fan von, wie ich es nenne, «50 Shades männlicher Fantasien». Neben der Tatsache, dass es fürchterlich geschrieben ist, halte ich es nur für ein weiteres Märchen im Ledergewand. In keiner Weise fühlte ich mich mit der weiblichen Hauptfigur irgendwie verbunden: Eine Jungfrau, die sich nur deshalb auf einen regelfreien BDSM-Lebensstil einlässt (Anm. d. Red.: Die Abkürzung «BDSM» steht für «Fesselspiele & Dominanz, Dominanz & Unterwerfung, Sadismus & Masochismus»), weil sie einen heissen Millionär von seinem  «perversen» Dämon befreien soll. Komm schon! Du kannst mit mir darüber streiten, ob der Sex heiss ist, vielleicht ist er es. Aber für mich ist das die Entsprechung von schlechtem Porno – ein Stereotyp nach dem anderen, keine echten Charaktere und ein furchtbar schlechtes Skript.

Dennoch, seit «Shades of Grey» boomt der Markt für erotische Literatur. Bist du der Autorin E. L. James dankbar, dass sie es geschafft hat erotische Inhalte wieder auf die Bestsellerlisten zu setzen?

Absolut. Wie auch immer man zum Buch steht, es lässt sich nicht verleugnen, dass die Trilogie erotische Literatur zur Sensation der Popkultur gemacht hat. James Romane zeigen, Frauen konsumieren sexuelles Material. Sie denken an Sex, sie lesen und fantasieren darüber und verschaffen sich so Befriedigung – genau wie es Männer auch tun. Das sollte im 21. Jahrhundert eigentlich keine revolutionäre Erkenntnis sein, aber wenigstens wurde es deutlich, nach dem jedermanns Schwester, Mutter, Freundin und Chefin «Shades of Grey» gelesen, und was noch viel wichtiger ist, darüber gesprochen hat!

Who the Fuck is Erika Lust?

Sie schaut aus wie die nette Nachbarin von nebenan und sie ist eine Porno-Regisseurin. Eine mit Preisen überhäufte sogar. Denn Lust gelang, was viele nicht für möglich hielten. Ästhetische Pornografie mit glaubwürdiger Handlung zu drehen. Eigentlich hatte Lust eine Karriere in der internationalen Politik geplant, aber Porno sei zu wichtig, um ihn allein den Männern und dem Mammon zu überlassen. Jetzt hat die Filmemacherin mit «Nächte in Barcelona» ihren ersten erotischen Roman geschrieben und sich nichts weniger vorgenommen, als den feministischen Gegenentwurf zu «Shades of Grey» vorzulegen. www.erikalust.com

Du selbst sagst, «Shades of Grey» ist nichts anderes als ein schon bekanntes «Märchen im Ledergewand». Was ist plötzlich so spannend an erotischer Literatur?

Ich glaube, dass es sich um eine sehr alte Aufregung handelt, die nach jahrelangem technologischen Fortschritt und unserer zunehmenden Abhängigkeit davon, wieder an die Oberfläche kam. Das Erstaunliche daran ist, dass das geschriebene Wort, etwas das scheinbar überholt ist, die Vorstellungskraft ebenso anregen kann wie audiovisuelle Inhalte im Netz. Lesen ist ein grossartiges Hilfsmittel für Sex, das wir auch im modernen Zeitalter nicht übersehen sollten.

Gerade online gibt es sonderbare und schräge Sachen. Erst kürzlich berichteten wir von einem neuen Erotik-Genre, dass sich «Monster Porn» nennt. In diesen erotischen Kurzgeschichten werden Frauen von wilden Fabelwesen verschleppt und missbraucht. Warum wollen wir in der Fantasie erleben, was uns im wirklichen Leben zerstören würde?

Meiner Erfahrung nach klafft eine grosse Lücke zwischen Begierde und Realität. Ausgehend von meinem Projekt Xconfessions.com, einer Seite auf der Menschen anonym über ihre Fantasien sprechen und Sexbeichten ablegen können, mache ich jeden Monat aus meinen Lieblingsfantasien einen Kurzfilm. Zum Beispiel schreiben viele Leute auf Xconfessions, dass sie ihren Mann oder ihre Frau gerne mit einer anderen Person beim Sex beobachten wollen. Sie schreiben aber auch, dass sie Angst vor ihren Gefühlen haben, wenn dieser Traum wahr würde. Unabhängig davon, ob es einem letztlich gefällt, glaube ich, dass Fantasien an der Realität zu testen ein unglaublich guter Weg ist, die eigene Sexualität zu erforschen. Du liebst es über BDSM zu lesen? Es ist deine Entscheidung, ob das etwas ist, das in deinem Kopf erotischer ist als in deinem Bett. Wenn du dich aber dazu entschliesst es auszuprobieren, bereite dich darauf vor, dass Lust und Schmerz für dich in Wirklichkeit doch nicht zusammen passen oder dass du Platzangst bekommst, wenn man dich fesselt. Vielleicht nervt es dich auch, wenn dein Partner dich herum kommandiert. Andererseits könnte es dein Sexleben auf ein neues Level an Intimität und Lust bringen, das du nie mehr missen willst. Sicher ist nur, du wirst es nie heraus finden, wenn du es nicht versuchst.

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