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Der weibliche OrgasmusZwischen Hysterie und Hochgefühl

Der weibliche Orgasmus sollte eigentlich nur ein Geschlecht um den Verstand bringen. Nämlich uns Frauen. Tatsächlich treibt er aber ganze Generationen von Männern in den Wahnsinn. Die Geschichte des weiblichen Höhepunkts aus männlicher Perspektive kennt viele Tiefpunkte. Gut, dass wir Frauen es eigentlich längst besser wissen...

Der weibliche Orgasmus: Mythen und Missbrauch

Einer der bekanntesten Vertreter männlicher Theorien zur weiblichen Sexualität ist Sigmund Freud. Bis heute haben die Worte des Vaters der Psychoanalyse grosses Gewicht. Dass sie deshalb immer richtig sind, sei nicht gesagt. Im Gegenteil: Neben Penisneid und Frigidität, sind seine gedanklichen Ergüsse zum Thema Orgasmus eher denkwürdig. Glaubte er doch, dass der durch die Stimulation der Klitoris erreichte Orgasmus als psychosexuell unterentwickelt anzusehen sei. Klitoris-Orgasmen seien was für unreife Mädchen, psychosexuell reife Frauen dagegen, hätten vaginale Orgasmen.

Des einen Freud ist des andern Leid. Denn leider ist diese längst überholte These immer noch fest in Köpfen vieler Frauen und Männer verankert. Klappt es trotz Marathon-Schäferstündchen und Kamasutra-Lexikon nicht mit dem vaginalen «Oh!», nagt das an der Psyche beider Geschlechter. 

Was für Männer funktioniert, funktioniert noch lange nicht für Frauen

Denn glaubt man Freud, sind wohl fast alle Frauen psychosexuell unterentwickelt. Dabei haben aktuelle Studien schon die schiere Existenz des vaginalen Orgasmus in Frage gestellt. Als gesichert gilt, dass vaginale Orgasmen eher die Ausnahme als die Regel sind. Schätzungsweise 70 bis 80 Prozent aller Frauen erreichen nur durch die direkte Stimulation der Klitoris einen Orgasmus. Durch die bis in die 70er Jahre andauernde männliche Besetzung des Themas Sex, scheinen Frauen allerdings die Idee durchaus einverleibt zu haben, dass der vaginale Orgasmus König ist.

Denn vorgetäuschte Orgasmen, sind nicht nur ein probates Mittel, um unliebsamen Sex abzukürzen, sondern auch, um das männliche Selbstvertrauen - und damit einhergehend, die Beziehung nicht zu erschüttern. Denn eines darf zur männlichen Ehrenrettung durchaus auch mal gesagt werden: Der romantischen Idee, dass der Höhepunkt am besten gemeinsam während der Penetration zu erfolgen habe, sind beide Geschlechter gleichermassen zum Opfer gefallen. Orgasmus-Flauten sind deshalb in den meisten Fällen gar kein biologisch oder medizinisches Problem, sondern vielmehr eine Sache der Kommunikation.                                                                  

Orgasmen auf Rezept

Neben Freud gaben noch weitere, nicht minder bekannte Köpfe ihre maskuline Meinung zum weiblichen Urgefühl zum Besten. Besonders beliebt - und wie wir heute wissen völliger Blödsinn - waren die Thesen des griechischen Philosophen Platons. Der gewiss antike Denker behauptete, dass von der Gebärmutter eine Wirkung ausginge, die Frauen hysterisch, launisch, nervös und sogar ernsthaftkrank machen könne. Und dies immer dann, wenn sie nicht regelmässig mit dem Samen eines Mannes gefüllt würde. Denn ohne das männliche Sperma, entwickle Gebärmutter ein wildes Eigenleben, das schlimmstenfalls das Gehirn der Frau angreife. Klingt alienmässig, war aber über das Mittelalter hinaus anerkannt.

Das nicht totzukriegende Klischee, dass «übellaunige» Frauen einfach ein Mann fehlt, wurde bereits also schon vor fast 2000 Jahren gestreut. Der aus dem 2. Jahrhundert stammende Befund des griechischen Arztes Galen begründete beispielsweise eine Behandlungsform der so genannten weiblichen Hysterie, die bis ins 19. Jahrhundert zur Anwendung kam und heute noch für die bekannten Machismen taugt. Weil zufolge Galen «chronischer Sexmangel» bei besonders leidenschaftlichen Frauen zur Hysterie führe, wurde verheiraten Frauen Geschlechtsverkehr verschrieben, Single-Frauen die Heirat und Nonnen die vaginale Massage.

Vibratoren sind die beste Medizin

Der Höhepunkt innovativer Leistungen um den Frauen-Orgasmus wurde im 19. Jahrhundert erreicht, allerdings ohne es zu wissen. Um Frauen von ihrer Hysterie zu heilen, praktizierten Mediziner standardmässig die entspannende Wirkung der Vagina-Massage. Man möchte gerne Mäuschen gewesen sein, als sich eine Gruppe von Ärzten bei einer Fachtagung ausgetauscht haben muss, wie wirksam das Handanlegen sei. Ärzte verschrieben manuelle Genitalmassagen gegen weibliche «Hysterieanfälle», Kopfschmerzen oder Nervosität.

Allerdings kam man(n) dabei nicht mal auf die Idee, dass Frauen Gefallen an dieser Arzneiform finden könnten. Im viktorianischen Zeitalter scherte man sich nicht um klitorale oder vaginale Orgasmen. Von weiblichen Orgasmen war ohnehin nie die Rede. Sexuelles Lustempfinden war den Männern vorbehalten, dachte Mann.

Derweil muss sich die weibliche «Hysterie» unter den Damen der Gesellschaft schnell als erstrebenswertes Leiden herum gesprochen. Und die Mediziner hatten buchstäblich alle Hände voll zu tun. Doch während die manuelle Genitalmassage der Gesellschaft durchaus eine Vielzahl entspannter Frauen bescherte, überkam die hilfsbereiten Ärzte bald ein Zustand der Erschöpfung. Müde Finger und strapazierte Armmuskeln gaben den Anlass für eine neue Erfindung: 1869 entwickelte der amerikanische Arzt George Taylor die erste dampfbetriebene Massagemaschine, die er den «Manipulator» taufte, kurz den Prototyp des heutigen Vibrators. Der dampfbetriebene Manipulator war allerdings für den häuslichen Betrieb zu gross geraten, weshalb er bald von kleineren und mechanisch betriebenen Massegeräten abgelöst wurde. Bis in die 1920er Jahre wurde der Vibrator in allen Grössen und Formen als rein medizinische Gerät beworben und vertrieben.

Orgasmen als Pflicht an der Gesundheit

Auch wenn Vibratoren als medizinische Geräte angepriesen wurde, hatte es sich unter vorgehaltener Hand natürlich längst herum gesprochen, dass man für ein wenig Entspannung nicht unbedingt krank sein muss. Weil man das aber im puritanisch geprägten Amerika und damals nicht minder konservativen Europa nicht laut sagen durfte, entwickelte die Massage-Industrie intelligente Verkaufsstrategien. Insbesondere Frauenzeitschriften waren beliebte Orte für Werbebotschaften wie der hier abgebildete «Life is Vibration» Anzeigentext von 1910. Hier wird die Anwendung des Vibrators als Pflicht an der eigenen Gesundheit verkauft: «Das Geheimnis des Lebensalters wurde durch die Vibration gelüftet. Ruhmreiche Wissenschaftler sagen, dass wie dieser wunderbaren Kraft nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unsere Lebensstärke verdanken. Vibration fördert Leben und Lebenskraft, Stärke und Schönheit. (...) Lass deinen Körper beben und mache es gut. Du hast kein Recht ungesund zu leben.»

Filmtipp: „In guten Händen“ ist ein Kinofilm, der die Geschichte des Orgasmus lustvoll und lustig anschaulich macht

Schnipp, Schnapp: Hysterie ab

Zwar waren die ersten Prototypen der Vibratoren mit einer Oberfläche aus Marmor oder Metall sicherlich nicht nur lustvolles Ausnahmevergnügen, aber im Vergleich mit einer anderen verbreiteten Behandlungsform durchaus eine sehr sanfte Methode. Die Geschichte um die weibliche Hysterie kennt auch sehr traurige Kapitel. Die Beschneidung der Klitoris galt nämlich ebenso als Heilmittel des weiblichen Leidens. Bis heute werden in Frauen vor allem strengen islamischen Kulturen auf diese Weise ihrer Weiblichkeit beschnitten.

Der Höhepunkt von heute

In den meisten westlichen Industrieländern haben die Horrorgeschichte des weiblichen Höhepunkts heute zum Glück ein Ende gefunden. Geblieben sind nur ein paar kleinere Geheimnisse rund um den weiblichen Orgasmus. Und mal wieder ist es vor allem das männliche Geschlecht, das sich diesem Rätsel stellt. Wohl auch, weil wir Frauen zwar fleissig die derbsten Cosmo-Tipps beflissentlich lesen, aber im Bett unser gesammeltes Wissen oft nicht so richtig teilen wollen.

Moderne Männer wollen aber wissen: Wo findet der weibliche Höhepunkt eigentlich statt – nur an der Klitoris, in der Vagina oder am G-Punkt? Und gibt es den überhaupt? (Die heutige Sexualforschung sagt mehrheitlich Nein.) Fragen über Fragen – die Männer das Hirn zermatern. Und genau deshalb haben wir eine Bitte: Liebe Männer, lasst es diesmal etwas ruhiger angehen. Schön, dass ihr Euch Gedanken über unsere Lust macht. Es würde uns aber mehr Freude bereiten, wenn ihr nicht so viel denken, sondern mehr handeln würdet. Ihr wollt wissen, wie der weibliche Orgasmus aussieht? Dann nehmt es selbst in die Hand. Wir helfen Euch diesmal auch.

Bild: Hemera

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