Disney-SyndromGibt es noch echte Traumprinzen?

Frauen machen Männer zu Hirngespinsten statt zu Herzensangelegenheiten. Schuld sind die perfekten Prinzen aus Hollywoods Traumfabrik, mit denen sich echte Männer nicht messen können. Frauen haben schlicht zu hohe Erwartungen an die Liebe. Unsere Redakteurin hofft aber trotz Disney-Syndrom auf ein Happy-End.

Zu hohe Erwartungen an Traummänner wegen Disney-Syndrom.

Neulich im Café. Ich kam mit einer attraktiven, erfolgreichen und witzigen Frau ins Gespräch. Wir teilten einen Tisch und augenscheinlich das gleiche Leiden: Wir waren alleine hier und nicht unbedingt glücklich darüber. Dass wir beide ungern Single sind, stand schnell fest, nur unsere Erklärungen dafür, gingen auseinander. Die hübsche Blonde behauptete nämlich, ihr Alleinsein läge schlichtweg daran, dass ihr der Richtige einfach noch nicht über den Weg gelaufen sei. Ich fragte mich, ob das wirklich stimmen kann? Waren alle Männer, die ihr zuvor begegnet sind die Falschen? Gibt es nur den einen Richtigen? Und wo ist er? Wie findet man ihn? Kommt er auf einem weissen Pferd? Oder kommt er vielleicht nie?

Das Disney-Syndrom: Übersteigerte Erwartungen

Auf der Jagd nach dem Traumprinzen haben Frauen vielleicht unterschiedliche Strategien, aber alle haben dafür ein umso klareres Bild von ihm vor Augen. Sie wissen haargenau, wie ihr Märchenmann aussehen soll. Sogar wie er sprechen, lachen und was er verdienen soll, ist in der Vorstellungen fix, doch in der Realität bisher leider nicht auffindbar. Doch wie kann es sein, dass obwohl Frauen heute gebildeter und unabhängiger denn je sind, immer noch Märchengeschichten verfallen?

Der Paarpsychologe Wolfgang Hantel-Quitmann sieht in der Emanzipation selbst den eigentlichen Grund für die schwierige Suche nach Mr. Right: «Nachdem Frauen lange Jahrhunderte untergeordnet waren, behaupten sie sich jetzt selbst. Das Pendel schlägt weit auf die andere Seite aus. Die Ansprüche sind derart extrem, dass sie oft kaum zu erfüllen sind», so der Psychologe.

Frauen müssen heute nicht mehr heiraten, um in der Gesellschaft anerkannt zu werden. Sie müssen es auch nicht mehr, um sich versorgt zu wissen. Wo früher Sicherheit und Stabilität als häufigster Grund für eine Beziehung stand, steht heute Feuer und Romantik. Doch das kann schnell verfliegen. Nur eine Relikt aus voremanzipierten Zeiten, wollen Frauen nicht abschütteln. Männer sollen mindestens genauso gebildet, angesehen und vermögend sein wie sie.

Märchen bleiben Märchen

Das Disney-Syndrom lässt moderne Märchenprinzessinnen immer wieder auf der Suche nach ihrem Mr. Right scheitern. Zu klein ist die Vernunft und zu gross ist der Glaube an hässliche Frösche, die durch einen simplen Kuss zu hübschen Prinzen mit reichlich Kröten werden. Aber sind es wirklich nur wir Frauen, die sich in solche Märchenwelten entführen lassen? Glaubt man den Ergebnissen einer Forsa-Studie, scheint es tatsächlich so zu sein. Danach würden nämlich nur die Hälfte aller Frauen nach fünf Jahren Ehe ihren Mann noch einmal heiraten. Dagegen würden 80 Prozent der Männer mit ihrer Frau erneut vor den Altar treten. Männer gehen eben realistischer an die Sache heran.

Luft und Liebe: Beides nicht greifbar

Wer weniger erwartet, kann auch weniger enttäuscht werden. So einfach ist das. Romantik, überschäumende Gefühle und den Befreiungsschlag der grossen Liebe sucht man bei all dieser Pragmatik jedoch vergebens. Aber kann es nicht sein, dass gerade im Unrealistischen und vielleicht sogar im Unerreichbaren die grosse Erfüllung liegt? Es heisst doch nicht ohne Grund, dass Vorfreude die schönste Freude ist. Oder um es mit der Textzeile von Anett Louisans Chanson «Der den ich will» zu sagen: «Es braucht diesen flüchtigen Schmerz. Mein rast- und besitzloses Herz, will höllisch vermissen, statt halten zu müssen, es will sein Idol nicht verlier'n».

Vielleicht tragen Traumprinzen ihren Namen deshalb, weil man sie gar nicht finden, sondern ewig von ihnen träumen will. Sehnsucht hat auch immer etwas mit Sucht und Suchen zu tun. Und vielleicht ist es kein Haschen nach Wind, sondern sturmfeste Tatsache, dass die unerfüllte Liebe die grösste Liebe ist? Warum gönnt uns Frauen dann niemand dieses Luftschloss? Besser ein Luftschloss, als gar kein Dach über dem Kopf.

Mal ehrlich: Unterm Strich sind wir Frauen mit unserem Disney-Syndrom ganz zufrieden und aalen uns sogar manchmal gern in unserer herzzerreissenden Suche und Sehnsucht. Andernfalls würden wir doch etwas ändern, oder? Denn wir sind vielleicht verträumt, aber deshalb noch lange nicht blöd.

Bild: Hemera

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