Was erotische Fantasien über unsere Kindheit aussagen

Was haben erotische Fanatsien mit unserer Kindheit zu tun? Psychologen sagen, Menschen können Grundkonflikte erotisieren.

Bild: Alexandre Daulanoy via Flickr (CC BY-SA 2.0)

Am liebsten nichts. Das ist tönt doch irgendwie pervers. Aber auch unsere erotischen Fantasien sind nicht nur Wunschkonzert. Warum wir fantasieren und was wir fantasieren und was das mit unserem Leben zu tun hat, ist auch ein spannender Streit in der Forschung.

Einig sind sich die Forscher darüber, dass wirklich erregende Sexfantasien, die wie einem Muster gleich immer wiederkehren, sich bereits in unserer Kindheit ausbilden. Der Psychoanalytiker Jack Morin (Lesetipp: Jack Morin - Erotische Intelligenz. Die Erschliessung der inneren Quellen sexueller Leidenschaft) glaubt, dass aus den Konflikten des Kindes die Leidenschaft des Erwachsenen zu verstehen sei. Die Paartherapeutin Jurgelucks erklärt das so: «Menschen haben die Fähigkeit innere Konflikte zu erotisieren.»

Jetzt sind wir aber neugierig! Jurgelucks bebildert das für uns mit einer erotischen Fantasie einer ihrer Patientinnen. Ihre erregendste Fantasie sei es gewesen in einem Stall unter vielen anderen Frauen wie eine Kuh mit einem Metall-Halsband nackt angekettet zu sein. Dann käme ein Mann in Lederhosen herein und gehe nach dem er sich unter den anderen Frauen umgeschaut hat direkt auf sie zu - und gibt ihr einen Klatsch auf den Po.

Warum findet die Frau das so erregend? Der Mann in Lederhosen, habe sie unter all den anderen Frauen bewusst ausgewählt, deutet die Therapeutin. Das ergibt psychoanalytisch betrachtet,  noch mehr Sinn, wenn Jurgelucks erzählt, dass die Frau in einer Familie mit vielen Geschwistern aufwuchs. Sie war kein Wunschkind, auch nicht so hübsch wie es sich die Mutter gewünscht habe. Zumindest glaubte sie das und sei mit dem Gefühl nicht gewollt und auch nicht begehrenswert zu sein aufgewachsen. Und dieser Mann in Lederhosen, geht direkt auf sie zu, sucht sie aus und gibt ihr das Gefühl etwas Besonderes zu sein. Eine Fantasie, wie Jurgelucks bemerkt, bei Frauen sehr, sehr häufig anzutreffen sei.

Wenn erotische Fantasien zerstörerisch wirken

Erotische Fantasien können der Schlüssel zu einem besseren Liebesleben sein, aber ihr fiktionaler Charakter kann auch ins Gegenteil umschlagen. Wir begegnen dem Phänomen beispielsweise bei Pornosucht – und befragen die Pornoregisseurin Erika Lust dazu. Wann ist es zu viel Fantasie und zu wenig Wirklichkeit? «Guter Porno inspiriert dich guten Sex mit jemand anderem zu haben, wohingegen schlechter Porno nur zum Masturbieren anregt», sagt Lust. Spätestens wenn die  erotische Fantasie so übermächtig werde, dass sie Beziehungen und gemeinsame Erfahrungen mit anderen unmöglich mache, sei sie ein Problem. Am Beispiel Pornosucht zeigt sie sich in heruntergelassenen Hosen allein vor dem Bildschirm. Nicht dass Frau Lust, was gegen Selbstliebe hat: «Selbstbefriedigung ist natürlich fantastisch, wir sollten es alle tun, aber Sex ist eine menschliche Erfahrung die wundervoll ist, wenn man sie teilt. » Gilt das auch für unsere Fantasien?

Jein. Die Erotik verträgt auch ein paar schmutzige Geheimnisse. Zum Beispiel, wenn es dich beim Sex noch mehr erregt, wenn du dir vorstellst er dein Partner sei der Sänger von Gotthard. Behälst du diese Fantasie für dich, bleibt sie dein geiler Trip in die Freiheit. Die Gedanken sind frei... Deinen eigentlichen Partner würde das dagegen wahrscheinlich eher verunsichern und vielleicht würde er es in den schlimmsten Momenten gegen dich verwenden. Da hilft dann nur noch viel Humor. Aber die Fantasie wird nicht mehr dieselbe sein.

Andere erotische Fantasien wiederum verdienen es sich gemeinsam an Wirklichkeit zu testen. Solche, die nicht nur absurde Träume sind, und in deiner geheimen Oberstube ganz allein ihr wildes Eigenleben führen können, sondern solche, die vielmehr Wünsche sind.

Vielleicht fändest du es erregend, wenn dich dein Partner mit heissem Wachs beträufelt?

Aber über sexuelle Wünsche offen zu sprechen schreibt sich nur immer so leicht in Drehbücher rein, die man für andere schreibt. Sexualtherapeutin Sonja Borner findet, dass es hilft, wenn du das Gespräch über erotische Fantasien scheinbar zufällig eröffnest und immer nur einen kleinen Happen deiner Fantasie anbietest. «Du, Schatz ich habe gerade gelesen, das Sex mit Wachs im wahrsten Sinnes des Wortes heiss sein soll!» Und dann kommt eins zum anderen...

Vielleicht aber sagt ihr Partner auch, dass er es noch nie verstanden hat, warum Frauen beim Sex Schmerzen empfinden und unterdrückt wollen, aber am nächsten Morgen soll jeder bitte seine eigenen Hemden bügeln. Autsch, für dich und deine Gefühle! Manche Experten raten dagegen, das Gespräch lieber am Küchentisch zu beginnen, weil die Szenerie dafür sorgt, dass alles sachlich bleibt.

Welchen Ort du wählst hängt deshalb wahrscheinlich viel mehr davon ab, um was für eine Fantasie, es sich handelt. Eine eher harmlose Fantasie die du auch einer Freundin beim Pflicht-Oder-Wahrheit-Spiel anvertrauen würdest? Oder eine, die du besser auf der Chaiselongue deines Therapeuten sicher vermutest. Und dann braucht es einfach Mut.

«Das wirklich schwierige ist nicht, die richtigen Worte zu finden, sondern die innere Schwelle zu überwinden, sich zu zeigen.», sagt Paartherapeut Ulrich Clement. Und das gibt’s nicht ohne Risiko - im Leben, in der Liebe und beim Sex.

Auch Erika Lust empfiehlt bei Sexträumen zu unterscheiden zwischen Begierde und Wirklichkeit. In ihrem preisgekrönten Kurzfilmprojekt Xconfessions bebildert sie seit Jahren die geheimen erotischen Fantasien ihrer Anhänger. «Zum Beispiel schreiben viele Leute auf Xconfessions, dass sie ihren Mann oder ihre Frau gerne mit einer anderen Person beim Sex beobachten wollen. Sie schreiben aber auch, dass sie Angst vor ihren Gefühlen haben, wenn dieser Traum wahr würde.»

Unabhängig davon, ob einem eine erotische Fantasie im echten Leben letztlich gefällt, glaubt Erika Lust, dass Fantasien an der Realität zu testen ein unglaublich guter Weg sei, mehr über die eigene Sexualität herauszufinden.

«Du liebst es über Spanking zu lesen? Deine Entscheidung, ob das etwas ist, das in deinem Kopf erotischer ist als in deinem Bett. Wenn du dich aber dazu entschliesst es auszuprobieren, bereite dich darauf vor, dass Lust und Schmerz für dich in Wirklichkeit doch nicht zusammen passen. (...) Andererseits könnte es dein Sexleben auf ein neues Level an Intimität und Lust bringen, das du nie mehr missen willst.»

Sicher ist, wir werden es nur herausfinden, wenn wir es versuchen.

Titebild: Unsplash

Weitere Artikel