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SCHULTER AN SCHULTERRaubt uns die moderne Rollenverteilung den Sex?

Paare, die sich die Aufgaben im Haushalt 50/50 teilen, haben weniger Sex. Schafft zu viel Gleichheit in der Partnerschaft Gleichgültigkeit im Bett? Über die feinen Unterschiede.

je gleicher Mann und Frau sind, desto mehr verliert sich die sexuelle Anziehungskraft: Ist die moderne Rollenverteilung Schuld?

Wer die Brötchen verdient und wer sie backt, ist eine Frage zwischen Mann und Frau, die seit Jahrzehnten verhandelt wird und bis heute keinen befriedigenden Abschluss gefunden hat. Denn gerade als wir nach jahrzehntelangen und aufreibenden Diskussionen über die Rollenverteilung in der Partnerschaft eine Einigung gefunden haben (Wir sind gleichberechtigt!), taucht ein neues Problem auf: Gerade die, die alles 50/50 machen, schlafen eher Rücken an Rücken ein. Denn je gleichberechtigter die Rollenverteilung, desto seltener wird der Sex.

Die Studie «Egalitarianism, Housework and Sexual Frequency in Marriage» dazu wurde 2013 im American Sociological Review veröffentlicht und besagt genauer, dass Paare umso weniger Sex haben, je mehr der Mann Aufgaben erfüllt, die nach klassischer Rollenverteilung als weiblicher verstanden werden. Sprich: Je öfter der Mann saugt, wäscht und die Kinder versorgt und je weniger er vermeintliche Männer-Sachen, wie Löcher in Wände bohren, Kistenschleppen und das Auto reparieren erledigt, desto mehr verabschiedet sich die Libido aus der Beziehung.

Müssen wir jetzt wieder alles alleine bügeln? Dabei haben wir doch genau über dieses Thema zwei Generationen lang gestritten und danach gab es wahrscheinlich auch keinen Sex, oder? Tatsächlich zeigen andere Studien, dass gleichberechtigte Paare grundsätzlich glücklicher miteinander leben und sich seltener scheiden lassen. Nur die Hoffnung, dass das Liebesleben von der modernen Rollenverteilung unmittelbar profitiert, wurde nicht erfüllt.

Wer soll heute oben liegen? 

Die Paartherapeutin Esther Perel (und Autorin des Buches «Wild Life: Die Rückkehr der Erotik in die Liebe») glaubt, dass die moderne Rollenverteilung einen Zustand in der Paarbeziehung herstellt, der im Schlafzimmer eher abtörnt. Kurz: Gleichberechtigung und Konsens im Bett funktioniere nicht.

In der Lust gehe es gerade nicht um friedliche Harmonie und einvernehmliche Absprachen, sondern um Reibung, das Sprengen von Tabus und manchmal auch das Gefühl von Macht und Ohnmacht. Denn ganz oft, mache uns nachts an, wogegen wir tagsüber zu demonstrieren würden. (Lesen Sie auch: Warum wir uns nach dem Tier im Mann sehnen)

Je weniger sich die Geschlechter unterscheiden, desto weniger Verlangen haben wir nach dem anderen Geschlecht, sagt auch die Soziologin und Mitautorin der Studie Julie Brines. Die moderne Rollenverteilung lasse Unterschiede zwischen Mann und Frau verschwinden, die immer noch für die sexuelle Anziehung wichtig sind. Ein Mann, der Wäsche faltet, wirke einfach (noch immer) nicht so sexy, wie einer der, mit verschwitzter Haut Holz hackt. Und Männer, deren Frauen alles alleine wuchten, fühlen sich vielleicht auch nicht mehr gebraucht?

Was wollen wir eigentlich?

Spinnt man diese Theorie weiter, fällt der Rückschluss auf den lodernden Shades-of-Grey-Hype nicht schwer: Raue und mächtige Mannsbilder wie Christian Grey, denen wir uns milionenfach in unseren sexuellen Fantasien unterwerfen, stehen jedenfalls in den Charts derzeit ganz weit oben - und machen die Verwirrung perfekt. Erst wollen eine gleichberechtigte Rollenverteilung und endlich weg von den alten Gender-Klischees. Und jetzt – da wir erreicht haben, was wir wollten – finden wir unsere «neuen Männer» plötzlich nicht mehr heiss?

Unterwerfungsfantasien habe es wahrscheinlich zu allen Zeiten gegeben, sagt die Sexologin Pepper Schwartz. Nur jetzt, da Frauen im echten Leben mehr Macht haben, scheint es attraktiver die Macht und die damit einhergehende Verantwortung mal für eine Stunde im Schlafzimmer abzugeben. «Je mehr Macht du in deiner Ehe und je mehr Verantwortung du in den anderen Bereichen deines Lebens hast, desto sexier wird Unterwerfung».

Auch Sexualtherapeut Ulrich Clement kennt die Studie, vermag die heikle Erkenntnis allerdings zu entschärfen. Nur weil gleichberechtigte Paare weniger Sex haben, hiesse das nicht, dass dieser auch schlechter sei. Und er hat die Studie auch genau gelesen: denn nicht bei allen Paaren mit moderner Rollenverteilung herrscht Flaute im Bett, sondern nur bei Paaren, die jede Aufgabe im Haushalt durch zwei teilen (Einmal wäscht sie, einmal wäscht er.). Dass strikte 50/50-Regelungen schon organisatorisch aufwendiger sind, und deshalb mehr Diskussionsstoff liefern, leuchtet ein. Und wenn beide, beides machen, gibt es immer irgendeinen Grund um aneinander herum zu nörgeln.

Für Clement bedeutet die Studie eben nicht - und das ist die gute Nachricht, dass eine moderne Rollenverteilung zwangsläufig für ein Stimmungstief im Bett sorgt, sondern das man Gleichberechtigung nicht mit Gleichmacherei verwechseln soll. Denn, das erfährt man aus der Studie auch: Paare haben kein schlechteres Sexleben, wenn jeder für seinen Bereich zuständig ist. Gerecht verteilt, aber man teilt sich nicht die gleichen Aufgaben. Er kocht, sie wäscht.

Gleichmacherei hemmt die Lust

Wer will schon immer nur mit sich selber Sex haben? Das wird schnell fad, ist aber das Dilemma moderner Paare, die sich ihre Partner immer häufiger nach Ihrem Ebenbild aussuchen: dieselben Werte, dieselbe soziale Herkunft, dieselben Hobbies. Jede digitale Partnerbörse erlaubt heute, sich den Partner genau nach den eigenen Vorlieben auszusuchen. Aber besonders für Paare die ihre Ichs zu einem Wir verschmelzen («Also wir essen nur Biogemüse.») wird es schwierig, glaubt Clement. Paare, die sich nicht in allem ähnlich seien, ertragen «Unterschiede nicht nur besser, sondern sie finden sie sogar interessant. Sie haben in aller Regel das lebendigere Leben und ihre Beziehung erweist sich auch als entwicklungsfähiger.»

Es braucht also nichts weniger als ein Ideal an Unterschied, denn zu viel ist auch wieder schlecht. Siehe Patriarchat. Puh! Es sind nämlich mal wieder die feinen Unterschiede, auf die es ankommt. Und zwar sowohl beim Lesen und Werten einer Studie, als auch beim Leben und Lieben in einer Partnerschaft.

Was ist also die Moral von der Geschichte? Vor allem, dass das Thema Rollenverteilung noch immer nicht zu Ende diskutiert ist. Ob das schlimm ist? Sehen wir es positiv: Immerhin haben Mann und Frau sich noch einiges zu sagen!

Foto: iStock

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