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Libidoverlust«Schatz, ich hab' Migräne»

INTERVIEW Sex macht Spass. Sex macht schön. Sex hält jung. Doch was ist, wenn man trotzdem keine Lust hat? Sexualtherapeutin Ines Schweizer erklärt, warum der Libidoverlust in längeren Beziehungen ganz normal ist und warum die beste Lust-Therapie nichts mit Sex zu tun hat.

Alles ausser Sex! Sexualtherapeutin Ines Schweizer erklärt, warum der Libidoverlust völlig normal ist.

Sexuelle Erregung ist ein natürlicher Trieb des Menschen. Lust ist wie Appetit haben. Und manchmal hat man eben keinen Hunger, auf Sex. Das ist normal. Und wenn man in einer längeren Beziehung ist, sogar sehr wahrscheinlich. «In allen, wirklich allen, Beziehungen wird die Lust im Laufe der Zeit weniger. Je länger ein Paar zusammen ist, desto wahrscheinlicher und stärker ist der Libidoverlust.» erklärt die Luzerner Sexual- und Psychotherapeutin Ines Schweizer.

Aus ihrer langjährigen Erfahrung als Therapeutin weiss sie, dass das Verlangen nach drei bis fünf Beziehungsjahren ihren Tiefpunkt erreicht, aber auch bei wem die Unlust besonders zuschlägt. Nämlich bei uns Frauen. «Zwar ist der Libidoverlust auch unter Männern immer häufiger zu beobachten, doch Frauen sind noch immer deutlich öfter von der Lustlosigkeit betroffen.»

Und genau darauf hat niemand Lust! Libidoverlust ist ein grosses Leidensthema. Denn die meisten Paare wünschen sich die Lust auf Lust zurück. Und genau hier beginnt oft ein Schmerzensgeschichte, in der sich Frauen unter Druck gesetzt fühlen, in der Männer hilflos erscheinen und sich beide Partner schleichend voneinander entfernen.

Lust ist Kopfsache

Lust-Gefrustete drehen sich oft im Kreis. Sie spüren, dass Sie kein Verlangen nach Sex haben, blockieren innerlich und weisen Intimitäten mit dem Partner zurück. Weil sie glauben ihrem Partner damit zu verletzen, fühlen sich schuldig. Sex gehört doch zu jeder Beziehung, warum hab ich kein Verlangen? Wird mein Partner sich bald umorientieren? Was stimmt mit meinem Körper nicht? Wenn die Lust ausbleibt, denken wir viel darüber nach und bekommen so noch mehr Frust, denn Schuldgefühle und Druck sind Gift für die Lust.

Auch wenn das Kribbeln am Körper ausbleibt, der Libidoverlust spielt sich meist in der Psyche ab. Natürlich kann Unlust auch hormonelle oder andere körperliche Ursachen haben. So wirkt beispielsweise die Einnahme der Anti-Baby-Pille auf das Lustempfinden. Auch Stillen, Zyklusbeschwerden oder Krankheiten beeinflussen die Libido. «All diese Faktoren sollten daher mit einem Arzt besprochen werden. Doch nach meiner Erfahrung bilden sie den seltensten Grund für Libidoverlust», erklärt Schweizer. «In den meisten Fällen ist es allein der Kopf, der für tote Hose sorgt. Keine sexuelle Störung basiert derart häufig auf psychischen Faktoren, wie der Libidoverlust.» Aus diesem Grund setzt Schweizer in der Behandlung ihrer Patienten mit Libidoverlust nicht in deren Schlafzimmer, sondern in deren Seelenleben an.

Libidoverlust als Beziehungsbarometer

Das ist eine gute Nachricht. Um die Lust zurück zu gewinnen brauchen wir keine Hormonspritzen, Lustpillen oder G-Punkt-Therapien, die Formel für guten Sex klingt eigentlich ganz einfach. «Wer ein lustvolles Sexualleben führen will, muss einfach auch sonst lustvoll leben», sagt die Expertin. Also Tantra-Massagen für die Libido zum Frühstück, Liebeskugeln für die Libido im Büro und Erotische Filme für die Libido zum Nachtprogramm? Überhaupt nicht. Gemeint ist damit nicht die Lust im sexuellen Sinne, also die Libido, die es in den Alltag zu integrieren gilt, sondern in erster Linie die Lebenslust. Es geht um Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Freude im Leben. Eben um all die Dinge, die man beim Sex auf körperlicher Eben spüren will. So ist nicht guter Sex der Schlüssel zum Glück, sondern Glück der Schlüssel zu gutem Sex.

Denn das vor allem Frauen in dauerhaften Beziehungen unter Libidoverlust leiden, glaubt Schweizer, liegt laut einerseits daran, dass ihr Alltag ? und damit ihr Kopf ? ständig gefordert ist. Den Kindern, der Karriere, der Beziehung und sich selbst gerecht werden zu müssen, nimmt die Leichtigkeit. Und killt die Libido. Hinzu kommt, dass Frauen oft feinfühliger sind. Probleme in der Beziehung übertragen sich beim weiblichen Geschlecht direkt ins Bett. «Nicht selten ist der Libidoverlust der Frau ein Indikator dafür, dass auch sonst etwas in der Beziehung nicht stimmt», sagt Schweizer. Unlust ist nur die Folge, nie aber die Ursache des Problems. Erst wenn man dieses erkennt und behandelt, kann man auch die Lust wieder zurück gewinnen.

Endlich, langweiliger Sex!

Neben Stress und Beziehungsproblemen gibt es noch einen weiteren Lusttöter. Und zwar ist das der Fernseher. Genauer gesagt: Die völlig überzogenen Liebesszenen in Filmen und Werbungen. Denn die dort gezeigten erotischen Feuerwerke der Ekstase sind letztlich nur eine schöne Vorstellung, die die Fantasie beflügeln, aber der Lust auch die Flügel stutzten, wenn man beim akrobatischen Liebesspiel aus dem Bett fällt. «Sexualität wird in der Regel viel schlichter gelebt, als man glaubt.», beschwichtigt Ines Schweizer unsere Sorgen nicht genügend Puste für Sportsex zu haben. «Machen Sie sich bewusst, dass kaum ein anderer Lebensbereich derart mit Normen und Erwartungen überbefrachtet ist, wie die körperliche Liebe und lassen Sie sich davon nicht fremdsteuern. Die Wahrheit ist: Man kann durchaus weniger exotische Dinge tun - Hauptsache, sie tun beiden Partnern gut. Denn Sex spielt sich letztlich nur zwischen zwei Menschen ab: Sie und Ihrem Partner.»

Die Libido wird weniger, je länger die Beziehung dauert. Das ist so und wichtig zu akzeptieren, wenn wir eine dauerhafte und ehrliche Partnerschaft führen wollen. Langeweile gehört zu einer monogamen Beziehung dazu. Wir unterschätzen dabei nur oft, wie gesund sie für ein erfülltes Sexleben sein kann. Die Routine im Bett wird besser, je öfter wir den selben Menschen lieben. Und wir bekommen auch eher was wir wirklich wollen, glaubt Schweizer. «Das Vertrauen ist in einer stabilen, gewachsenen Partnerschaft gross genug, um offen über Wünsche, Ängste und Anregungen zu sprechen. Und nur wer wirklich ehrlich formulieren kann, was ihm fehlt oder was er sich wünscht, kann auch das bekommen, was ihm Lust verschafft und befriedigt.»

Über Ines Schweizer, Sexual- und Psychotherapeutin

Sexualtherapeutin Ines Schweizer verrät was man gegen Libidoverlust tun kann.Schon während ihres Psychologie-Studiums in Fribourg und Nünberg-Erlangen war Ines Schweizer von der Sexualität der Menschen fasziniert, so dass sie ihrem Forscherdrang mit einer Doktorarbeit an der Medizinischen Hochschule in Hannover über sexuellen Phantasien im Zusammenhang mit Persönlichkeitsmerkmalen nachging. Zurück in der Schweiz hat sie an der Universität Zürich ihre Ausbildung zur Psychotherapeutin absolviert und arbeitet seit dem in Luzern in eigener Praxis als Sexual- und Psychotherapeutin. Paare, Frauen und Männer aus Luzern und Umgebung suchen die Praxis auf, um entweder ihre sexuellen Probleme zu bewältigen, oder einfach, um sich coachen zu lassen, neue Ideen und Anregungen für ihr Leben im und ausserhalb des Schlafzimmers zu erhalten.

www.therapie-luzern.ch

Lust-Liste: So überwinden Sie den Libidoverlust

Mach Dir Lust!

Lust beginnt bei einem selbst. Nur wer sich gut, sexy und lustvoll fühlt, strahlt das auch aus und kann sich selbst und den Anderen geniessen. Tun Sie also etwas für Ihr Ego. Dafür müssen Sie nicht Spitzen-Dessous und Stöckelschuhe schlüpfen. Tun Sie lieber das, was Ihnen persönlich gut tut. Vielleicht fühlen Sie sich nach dem Sport wohl in ihrer Haut. Oder nach dem Coiffeur? Oder Sie schäumen bei lauter Musik und beim Tanzen über vor (Lebens-)Lust?

Selbst ist die Frau.

Jeder ist selbst verantwortlich für sich. Und für seine Lust. Erwarten Sie nicht, dass Ihr Partner hellsehen kann. Nur wenn Sie ihm sagen oder zeigen, was Ihnen Lust verschafft, kann er diesen Wunsch erfüllen. Woher Sie das wissen? Indem Sie es selbst ausprobieren. Masturbation fördert die Libido.

Fantasieren Sie!

Gönnen Sie sich Ihre eigenen Lusterlebnisse. Das kann in körperlicher Form stattfinden ? oder im Kopf. Erlauben Sie sich Fantasien. Denn wenn der Kopf in Wallung ist, folgt der Körper von allein.

Appetit kommt beim Essen.

Es klingt vielleicht unromantisch, hilft aber. Verabreden Sie sich zum Sex oder gehen Sie auf Zärtlichkeiten ein, auch wenn Sie glauben gerade nicht in Stimmung zu sein. Nehmen Sie sich Zeit und schrauben Sie die Erwartungen herab. Es muss nicht immer gleich zum Äussersten kommen. Oft kommt die Lust von ganz allein, wenn man sich dem Partner regelmässig mit ein paar Streicheleinheiten widmet. Wie wär es also heute Abend mit einer kleinen Partner-Massage?

Kopf aus, Herz an!

Und nun vergessen Sie alles. Vergessen Sie diesen Text. Vergessen Sie Regeln. Denken Sie nicht an Anweisungen. Lust ist ein natürlicher Trieb. Schluss mit Denken, es ist Zeit zu fühlen.

Interview und Text: Linda Freutel, 03.06.2014, Foto: iStock, Thinkstock

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