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Hotel MamaWenn Volljährige nicht ausziehen wollen

Es gibt tausende Vogelarten auf der Welt. In der Schweiz vermehrt sich aber nur eine besonders komischer Vogel: der Nesthocker. Warum du diesem Trend gegenüber misstrauisch sein solltest und sich ein Schubs aus dem Nest lohnt.

Kinder loslassen: so wichtig ist es, dass Nesthocker das Hotel Mama verlassen

In Europa herrscht Nesthocker-Alarm! Laut einer Studie des europäischen Statistikamts leben 75 Prozent aller unter 24-Jährigen bei ihren Eltern. Von den 25- bis 34-Jährigen geniesst immer noch rund ein Viertel Vollpension im Hotel Mama, Tendenz ist steigend.

Europameister im Nesthocken sind die Italiener. Dort leben satte 70 Prozent der unter 30-jährigen bei der Mami. Grund für  die ausgedehnte Kinderstube ist allerdings nicht nur eine übertriebene Anhänglichkeit von Sohn und Mutter, die im italienischen als «Mammismo-Phänomen» bezeichnet wird, sondern auch Wohnungsknappheit und ein desolater Arbeitsmarkt.

Wie ist die Lage in der Schweiz, wo Arbeitslosigkeit kein allzu grosses Problem darstellt? Betrachten wir die Zahlen des europäischen Statistikamtes, entwickelt sich das Nesthocken auch hierzulande zum Trend. Lebten 1980 nur 20 Prozent der unter 25-jährigen zu Hause, sind es heute rund 50 Prozent. Die Zahl der Nesthocker ist im europäischen Vergleich zwar geringer – die Hälfte der Schweizer Jugendlichen ziehen mit 21 Jahren von zu Hause aus.

Aber all zu weit zieht es sie nicht fort. Die Schweizer sind keine wirklichen Meister im Abnabeln: Die Umfrage des Vergleichsdienstes Comparis.ch zeigte, dass 70 Prozent der Jugendlichen nach dem Auszug im selben Kanton wie ihre Eltern wohnen, 28 Prozent leben sogar in der gleichen Ortschaft.

Mehr als nur Muttersöhnchen: Nesthocker sind Bumerangs oder Strategen

Einerseits befinden sich unter den Nesthockern tendenziell häufiger Söhne als Töchter, andererseits sind sie inzwischen mehr als nur ein «Muttersöhnchen». Einige Nesthocker gehören zu der so genannten «Generation Bumerang». Diese Spezies zieht für Lehre, Studium oder Liebesglück aus und wenn dies nach einigen Jahren sein Ende findet, wieder ins Elternhaus zurück.

Daneben es gibt auch die so genannten «strategischen Nesthocker»: Der deutsche Hochschulforscher Tino Bargel bezeichnet so Studierende, die aus finanziellen und praktischen Gründen daheim bleiben. Wofür die stressige Wohnungs- und Nebenjobsuche, wenn das Studium nur ein paar Jahre dauert? Zuhause wohnen spart Geld und Zeit, so die Ansicht vieler Studierender. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik bevorzugen rund 40 Prozent der Schweizer Studierenden Mamis Wohnheim.

Angst vor dem loslassen: Psychologen warnen vor Spät-Adoleszenz

Doch es gibt unter den Daheimlebenden auch die «Nesthocker de luxe», die kein Klischee auslassen: Sie beteiligen sich nicht am Haushalt und lassen sich auf Bestellung bekochen wie in einem Hotel mit Vollpension, nur das sie dafür meist nichts berappen. Die Eltern kümmern sich zudem häufig um Ihre Versicherungen und Finanzen.

Auch wenn es manchen Müttern und Vätern Freude bereitet, ein lebenlang für Ihre Kinder zu sorgen, tun sie Ihrem Nachwuchs keinen Gefallen, wenn sie nicht loslassen können. Die Psychologin Christiane Papastefanou zeigte mit ihrer Langzeitstudie «Die Situation von Spätausziehern aus entwicklungspsychologischer Perspektive», dass Jugendliche kaum noch einen Grund dafür sehen, von zu Hause auszuziehen. Papastefanou warnt im Focus vor einer «Spät-Adoleszenz», da Spätauszieher der Zeit ihres Lebens hinterher hinken würden.

Alles verzögere sich mit dem verspäteten Auszug: das autonome Selbstwertgefühl, die Partnerwahl oder die Gründung einer eigenen Familie. Bei den Eltern von Nesthockern spielt hingegen das «Empty-Nest-Syndrom» eine fatale Rolle: Selbst wenn die Eltern über ihr Kind nörgeln, trauen sie sich nicht, ihren geliebten Spatz aus dem Nest zu schubsen. Sie haben Angst, ihr Kind zu verletzen, aber auch davor, nicht mehr gebraucht zu werden.

Manchmal ist es aber auch die übertriebene Fürsorge, deren vor allen Dingen Mütter anheimfallen. Wenn der Sohn von der Arbeit kommt, dampft schon das Lieblingsessen aus der Küche, die Hemden liegen gewaschen und gebügelt im Schrank und die Toilette müssen die geliebten Boys auch nicht schrubben. Auch wenn es gut gemeint ist, tun Mütter ihren erwachsenen Kindern damit nichts Gutes. Im Gegenteil: Sohnemänner die Ihre Mütter über alles stellen, tun sich besonders schwer Verantwortung für Ihr eigenes Leben zu übernehmen. Ihre Entwicklung stagniert auf Teenager-Niveau.

Auch in den USA ist das Nesthocker-Phänomen weit verbreitet. US-Eltern praktizieren mittlerweile das so genannte «Downsizing», den liebevollen Rausschmiss aus dem Zuhause. Eine gängige Downsizing-Methode ist,die Verkleinerung des Nests: Die Eltern verkaufen ihr Haus und ziehen in eine kleinere Unterkunft, sodass es für das Kind im wahrsten Sinne des Wortes zu eng wird. Laut der Comparis-Umfrage verlassen auch 5 Prozent der Schweizer ihr Elternhaus, weil ihre Eltern sie sanft hinausschubsen.

Nesthocker in der Wirtschaft: Der Muttersöhnchen-Index

Aus dem Nesthocker-Phänomen machen sich viele einen Spass. Der amerikanische Hedge-Fonds-Manager Boaz Weinstein errechnete während der anhaltenden Schuldenkrise den so genannten «Muttersöhnchen-Index»: Umso höher die Nesthockerquote, desto schlechter funktioniert die Wirtschaft. Stellt sich die Frage was zuerst da war? Nesthocker oder Schuldennest? Denn Nesthocker können auch ganz ungewollt wieder im Elternnest landen.

Laut der Globalife-Studie von Hans-Peter Blossfeld, Leiter des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg, trägt vor allem die unsichere Jobsituation von Berufseinsteigern zum Nesthocker-Phänomen bei. In derartigen Fällen sollten die Eltern ihren Nachwuchs nicht wegschieben, sondern unterstützen. Denn aus psychologischer Sicht ist das Nesthocken nur bedenklich, wenn die Kinder von ihren Eltern emotional stark abhängig sind.

Humorvolle Inspiration für verzweifelte Eltern: So gelingt der Schubs

  • Dem Kind zu signalisieren, dass es ausziehen soll, ist nicht leicht. In der bitterbösen fanzösischen Komödie «Tanguy» von Étienne Chatiliez haben die Eltern einige absurde Ideen, wie sie ihren Sohn aus dem Nest vertreiben können.
  • In Loriots Komödie «Ödipussi» wohnt der 56-jährige Paul Winkelmann noch immer zu Hause und erfüllt alle Klischees eines Nesthockers: Junggeselle, unselbstständig und permanent unter Muttis Obhut.
  • In der amerikanischen Love Comedy «Zum Ausziehen verführt» ziehen die Eltern alle Register. Sie engagieren die hübsche Paula, damit sie Ihren 35.jährigen Sohn endlich flüge macht. Sie spielt Ihm die grosse Liebe vor, um ihn zum Wohnungswechsel zu bewegen. Eine Geschichte nicht ohne Happy-End!

Bild: Unsplash

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