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OFFENE BEZIEHUNGWie viel Untreue verträgt die Liebe?

Bedeutet grenzenlose Liebe, dass auch die Treue keine Grenzen kennt? In offenen Beziehungen darf jeder tun, worauf er Lust hat und was ihm Lust bereitet. Freiheit für die Liebe oder ein Freibrief zum Betrug? Die Geschichte einer offenen Beziehung.

Offene Beziehung: Wie viel Untreue verträgt die Liebe?

Frank wollte die offene Beziehung von Anfang an. Anja war jedoch skeptisch. Und sogar vor den Kopf gestossen, sie fühlte sich nicht richtig geliebt von ihrem neuen Freund. Das war vor drei Jahren. Heute trifft sich Anja – ebenso wie Frank – hin und wieder mit anderen. Sie hat sogar Sex mit Fremden und fühlt sich damit erfüllter und zufriedener denn je. Mehr noch: Die offene Beziehung hat ihr Vertrauen und ihre Liebe zu Frank wachsen lassen. Wie das funktioniert? Wir haben nachgefragt.

Spielregel 1: Safer Sex

Das Wichtigste ist, dass Sex ausserhalb einer Beziehung immer geschützt stattfindet. Es geht dabei nicht nur um das Ausschliessen einer Schwangerschaft, sondern vor allem um das Vermeiden von Infektion und Übertragung von Krankheiten.

Eine offene Beziehung kam für Anja anfangs nicht in Frage, weil sie diese als Lizenz zum Seitensprung verstand. Sie fürchtete darum, von ihrem Freund nicht ausreichend geliebt und begehrt zu werden und, dass die Beziehung, sobald man ihr die Pfeiler der Treue nehmen würde, zum Zusammenbrechen verurteilt war. Anja ist aus heutiger Sicht sehr froh, dass Frank diese Meinung zunächst akzeptiert hat und ihrem Wunsch nach Treue nachgekommen ist.

So hatte die Beziehung und Liebe Zeit zu wachsen. Und Anja ausreichend Gelegenheit, sich Gedanken über Franks ursprünglichen Wunsch nach einer offenen Beziehung zu machen. Denn je sicherer, selbstverständlicher, vertrauter und alltäglicher ihre Partnerschaft mit Frank wurde, desto mehr bemerkte Anja, dass sie sich mit dem Konzept «offene Beziehung» immer besser anfreunden konnte. Mehr noch: Anja bemerkte ihre Neugier auf Flirts und andere Männer. Manchmal hat sie sich sogar gefragt, wie ein fremder Mann küssen würde, wie er sich anfühlt und riecht. Wie aufregend diese Erfahrung sein könnte. Und Frank? Den liebt sie trotzdem über alles. Er hat mit diesen Gedanken nichts zu tun. Im wahrsten Sinne des Wortes. Obwohl sie ein erfülltes gemeinsames Sexleben haben, kommt er in manchen Phantasien einfach nicht vor. Anjas Liebe ist absolut und exklusiv. Ihre sexuellen Fantasien nicht.

Spielregel 2: Ehrlichkeit

Eine offene Beziehung basiert auf absolutem Vertrauen. Und Vertrauen gibt es nur dann, wenn die Partner absolut ehrlich miteinander umgehen. Lassen Sie es nicht zu, dass Misstrauen oder Zweifel bei Ihrem Partner entstehen und sprechen Sie alles aus, was Sie denken und fühlen.

Eine offene Beziehung setzte Einigkeit voraus

Also beschloss Anja das Thema wieder aufzugreifen und Frank von ihren Gedanken zu berichten. Nach etlichen Gesprächen über das Thema «offene Beziehung», die nicht ohne gelegentliche Verunsicherungen und teilweise sogar mit Streitigkeiten verliefen, waren sich beide einig: Sie lieben einander, haben aber durchaus Interesse an sexuellem Kontakt zu anderen und sie wollen sich nicht in einer scheinheiligen Sicherheit einer treuen Beziehung wähnen, bei der am Ende jemand fremdgeht, weil er den sexuellen Fantasien und Verlockungen eines Tages nicht mehr stand halten kann. Der Versuch «offene Beziehung» wurde gestartet.

Erste Fremdkontakte und ihre Folgen

Die ersten Kontakte zu Fremden entstanden rasch. Auf einer Party und im Job haben Anja und Frank ihre sexuellen Fremdflirts kennen gelernt und tatsächlich auch genutzt. Bei den ersten Treffen ist es zwar beim Küssen geblieben, irgendwann kam es aber zum Sex in der neu geöffneten Beziehung. Natürlich nach den Regeln einer offene Beziehung, die sich beide zuvor gesetzt haben: Nicht in der gemeinsamen Wohnung, «safer Sex» und gegenseitige Informationspflicht. Alles lief nach Plan – nur eines nicht: Das Gefühl, was die offene Beziehung bei Frank und Anja ausgelöst hat. Denn wider Erwarten hatten beide nach dem Sex mit einem Fremden ein schlechtes Gewissen, obwohl die offene Beziehung doch gerade das  ausschliessen sollte. Auch Eifersucht war nicht geplant, aber trotzdem da – und zwar sowohl von Anjas, als auch Franks Seite. Nur äusserte sie sich in verschiedenen Formen. Anja fühlte sich – trotz der erteilten Erlaubnis zum Sex mit anderen – von Frank betrogen. Er hatte plötzlich Angst, Anja könnte sich verlieben und ihn verlassen.

Test: Wie eifersüchtig sind Sie?

Sagt Ihr Partner Ihnen, dass Sie zu eifersüchtig sind? Bringen Sie die offene Beziehung und die Eifersucht doch nicht in Einklang? Leid und Leidenschaft liegen beim Thema Eifersucht nah beieinander. Wie nah, verrät dieser Test.

 

Ehrlichkeit schafft Vertrauen

In der ersten Zeit haben beide versucht, diese Gefühle zu leugnen. Lange blieben die Zweifel und Verletzungen allerdings nicht unbemerkt. Es kam häufiger zu Streit. Anja wurde misstrauisch und schnüffelte in Franks Handy herum. Nun hatten sie zwar ihre offene Beziehung, standen in ihrer Partnerschaft aber vor einem Scherbenhaufen. Und das obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie sich doch so sehr lieben. Es war also an der Zeit etwas zu ändern, ehe es zu spät für die Liebe war.

Spielregel 3: Keine Details

Eine offene Beziehung braucht offene Kommunikation. Seien Sie ehrlich zu Ihrem Partner, halten Sie sich dabei jedoch an gewisse Grenzen. Beispielsweise ist es eher verletzend als fördernd, wenn Sie über sexuelle Details sprechen, die Sie mit einem Fremden erlebt haben. Doch auch hier bestimmen Sie gemeinsam das Mass.

Sie beschlossen etwas zu tun, was sie lange nicht mehr getan haben: zu reden. Es kostete viel Mut, wirklich das auszusprechen, was sie bewegt, einander all die Ängste und Unsicherheiten zu gestehen. Der Mut hat sich jedoch gelohnt. Denn das Gefühl, das bei den unzähligen Gesprächen über die offene Beziehung entstanden ist, war intimer, näher und liebevoller, als alles, was bisher da war. Anja beschreibt es als die Möglichkeit, vollkommen ehrlich zu sein zu können, ohne dafür verurteilt zu werden. Schliesslich konnte sie nicht nur darüber sprechen, dass sie eifersüchtig ist, sondern auch, dass sie trotz allem noch immer hin und wieder Lust auf Sex mit anderen Männern hat. Auch das Gefühl von Frank hintergangen worden zu sein, besserte sich. Frank ging es ähnlich. Anja bedeutet alles für ihn. Schliesslich hat er bei niemandem sonst das Gefühl, so viel Nähe zu geben und alle Gedanken aussprechen zu können. Er sagt, das Vertrauen, welches durch die offene Beziehung entstanden ist, sei grösser denn je und bewahre ihn vor der Angst, Anja könne sich in jemand andern verlieben.

Spielregel 4: Gefühle aussprechen

Der Mensch ist kein Roboter. Dass Sie auf eine Situation emotional  anders reagieren, als man es von Ihnen erwartet hat oder als Sie selbst von sich gedacht hätten, ist menschlich und normal. Gestehen Sie sich also belastende Gefühle, wie z.B. Eifersucht oder Misstrauen, ein und verstehen Sie diese nicht als Bruch der Absprache. Nehmen Sie Ihre Gefühle zum Anlass, einander zu helfen und die Partnerschaft vertrauensvoller und intimer werden zu lassen.

Eine offene Beziehung trennt Sex und Liebe

Sex und Liebe sind zwei Paar Schuh – darin sind sich beide einig. Immerhin haben sie es am eigenen Leib erfahren. Dennoch sagen Anja und Frank, dass diese Trennung nicht immer einfach ist. Schliesslich empfinden sie auch ein tiefes Gefühl der Liebe, wenn sie mit einander schlafen. Sex kann eben doch auch ein Ausdruck von Liebe sein. Hin und wieder überkommt sie daher noch die Eifersucht, wenn sie daran denken, dass der geliebte Partner mit einem Fremden schläft. Die beiden haben inzwischen aber einen Weg gefunden, mit dieser Unsicherheit umzugehen, indem sie nämlich immer wieder ausführlich miteinander reden. Einfach sei es – wie gesagt – nicht immer. Anja und Frank sagen sogar, dass die Partnerschaft durch die offene Beziehung schwieriger geworden ist. Aber eben auch erfüllender und in vielen Bereichen intimer.

Eine offene Beziehung ist ein zweischneidiges Schwert. Und nicht für jedes Paar zu empfehlen. Anja und Frank glauben, dass eine offene Beziehung nur dann funktionieren kann, wenn die Grundlage stimmt: Die offene Beziehung soll nicht Erfüllung ausserhalb einer per se nicht zufriedenen Partnerschaft bringen. Ganz im Gegenteil. Eine offene Beziehung muss die Basis einer erfüllten Partnerschaft haben, um funktionieren zu können. Das Öffnen der Beziehung ist dann nur noch das Tüpfelchen auf dem i, sind sich Anja und Frank inzwischen sicher.

Bild: iStock

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