SexsuchtUntreu bis der Arzt kommt

Kann Sex wirklich süchtig machen? Oder ist Sexsucht nur ein windiger Weg unverbesserlicher Lustmolche, sich per Attest aus der Affäre zu ziehen? Vielleicht lassen wir Sexsucht nur als Krankheit gelten, weil sie unseren Moralvorstellungen zuwider läuft. Über Lust, Lügen und Lösungen eines nimmersatten Verlangens.

Gibt es Sexsucht wirklich?

Nicht nur Tiger Woods liegt beim Einlochen weit vorne. Die Liste seiner prominenten Leidensgenossen hat kaum weniger Weltrang. Auch Erfolgsmusiker Usher, Schauspieler Russell Brand, It-Girl Lindsay Lohan, Hollywood-Legende Jack Nicholson, Ehemann Michael Douglas, Ex-IWF-Chef Strauss Kahn oder Wetterfrosch Jörg Kachelmann hängt der Ruf des Sexsüchtigen nach. Nicht selten outen sich die Betroffenen selbst. Ihre Krankheit, die Sucht nach Sex, soll erklären, warum sie Ihre Partnerinnen betrügen müssen, Befriedigung Prostituierte suchen oder im schlimmsten Falle, warum es so leicht sei, Ihnen eine Vergewaltigung anzuhängen.

Ob Jörg Kachelmann oder Strauss-Kahn sich beide schuldlos dem Vorwurf der Vergewaltigung stellen mussten, ist bis heute nicht bewiesen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Skandal um Skandal bestätigte sich gleichzeitig, dass Sexsucht als Krankheit mehr und mehr anerkannt wird. Nach einem Sturm der Entrüstung über Strauss-Kahns Eskapaden erntete der ehemals einflussreiche französische Expolitiker beinahe mehr Mitleid als Häme. Bei Nicholson und Douglas gehört die Sexsucht zum gefährlichen Macho-Image. Und auch Tiger Woods konnte sich inzwischen rehabilitieren, auch wenn man seiner neuen Liason mit Skifahrerin Lindsey Vonn wenig Chancen auf ein Happy-End gibt. Sucht ist eben Sucht.

Von Hollywood in die eigene Heimat: Sexsucht ist unter weniger Prominenten natürlich kein Fremdwort mehr, wenn es auch ein Thema bleibt über das man ungerne spricht. Und glaubt man den Statistiken, steigt die Zahl Betroffener. «Sexsucht nimmt zu!» titelte das Migrosmagazin schon Im Herbst 2010. Laut derim Magazin wiedergegeben Expertenschätzungen sollen bis zu sechs Prozent der Bevölkerung unter Sexsucht leiden, Tendenz steigend.

Diagnose Sexsucht: Wie viel Lust ist normal?

Bei solchen Nachrichten, kann einem Angst und Bange werden – nicht, dass man selbst oder gar der eigene Partner sexsüchtig ist? Wie viel Lust ist normal? Und wie viel Verlangen ist krankhaft? Genau bei diesen Fragen beginnen die Schwierigkeiten rund ums Thema Sexsucht. Es gibt nämlich keine klaren Diagnosekriterien. Selbst unter Psychoherapeuten, die sich auf die Behandlung sexueller Probleme spezialisiert haben, gäbe es kaum einen gemeinsamen Konsens, wie man eine Sexsucht diagnostizieren könnte, offenbarte Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, gegenüber dem Spiegel.

Da es keine objektiven Messlatten für Sexsucht gibt, wird gemeinhin der subjektive Massstab und Leidensdruck des Betroffenen als Grundlage einer Diagnose genommen. Von Sexsucht wird dabei in der Regel gesprochen, wenn der Betroffene die Kontrolle über sein sexuelles Verlangen verliert, seine Lust also nicht mehr selbst steuern kann, sondern nahezu ungebremst einem Trieb nachgehen muss. Die Sexsucht treibt Betroffene teilweise so weit, dass Ihre Beziehung durch ständige Untreue gefährden, zu viel Geld für Prostitution ausgegeben oder sogar Ihren Job gefährden, weil während der Dienstzeit massenhaft Pornos konsumiert werden. Denn nicht selten gesellt sich zur Sexsucht auch die Pornosucht hinzu. Oft klagen Sexsüchtige auch darüber, dass sie trotz Orgasmen keine Befriedigung finden und so ständig von erneutem sexuellen Verlangen geplagt sind.

Hypersexualität: Krankheit, Pathologisierung oder Ausrede?

Sexsucht ist eine Besessenheit – aber ist sie deshalb schon pathologisch? Zwei Thesen wecken Argwohn: Zum einen könnte man meinen, untreue Machomänner betten sich in den Schoss ihrer vermeintlichen Sucht, um als unschuldiges Opfer einer übermächtigen Krankheit bemitleidet, statt bestraft zu werden. Dann wäre Sexsucht keine Krankheit, sondern der gesellschaftliche Abwehrreflex unliebsamer Fragen. Auch Fragen, die man sich selbst stellen müsste. Bin ich wirklich nur Zuschauer, während meine Libido den Protagonisten gibt? Mit anderen Worten: Eine Ausrede für Labile.

Andererseits gibt es auch Stimmen, die hinter der Trenddiagnose Sexsucht eine gezielte Pathologisierung durch Moralapostel sehen. Weil eben nicht gesund sein kann, was nicht sein darf. So gelangte zum Beispiel die Schweizer Autorin Michelle Binswanger zum Schluss, dass «im Falle der Sexsucht (...) das moralisch wünschenswerte Verhalten, nämlich sexuelle Treue zum normalen und gesunden Verhalten gedeutet wird und alles, was davon abweicht, als pathologisch verstanden wird.» Wir wollen treue Männer, also können notorisch untreue Männer, die sich nicht in das gesellchaftliche Korsett der monogamemen Beziehung pressen lassen nur abnormal sein. Ähnliches kennen wir von der Homosexualität. Noch heute wollen viele religiöse Organisationen die Liebe zum gleichen Geschlecht lieber therapieren als akzeptieren.

Wer hat aber Recht? Fakt ist: Tatsächlich kann man Sexsucht per Definition nicht als Sucht einstufen. Denn nach medizinischer Beschreibung bezieht sich eine Sucht immer auf eine bestimmte Substanz, wie Alkohol oder Kokain. Sexsucht wird daher nicht zu den Suchterkrankungen, sondern zu den «abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle» gezählt. Auch Glücksspielsucht oder Kaufzwang zählen zu dieser Kategorie.

Sexsucht: Therapie und Ursachen

Doch auch wenn Sexsucht offiziell nicht als Sucht anerkannt ist, ist der Leidensdruck der Betroffenen und der Angehörigen offenbar gross. Der Sexologe Werner Huwiler will in den letzen Jahren ein Zunahme von 100 Prozent von Hilfesuchenden gezählt haben. Ähnlich wie Alkoholkranke finden sich Sexsüchtige immer häufiger bei sogenannten Treffen von «Anonymen Sexaholikern» (ASA) wieder.

Mit der Zunahme an unter Sexsucht leidenden, nehmen nämlich auch die Hilfs- und Therapieangebote zu. Inzwischen gibt es umfangreiche Möglichkeiten sich behandeln zu lassen. Die Art der Therapie sollte sich dabei möglichst nach den Ursachen der Sexsucht. Wie bei anderen Suchtkrankheiten, wird durch das übersteigerte sexuelle Verlangen etwas anderes kompensiert, wissen die Experten. Oft lägen einer Sexsucht verdrängte Depressionen oder ein traumatische Erlebnisse aus Kindertagen zugrunde. Typisch für Sexsüchtige sei auch ein falsches Verständnis von Leistung und Liebe. So berichtet der Psychiater Kornelius Roth in einem Gespräch mit der WELT, dass viele Patienten häufigen Sex als Erfolgserlebnis begreifen und sich dadurch Selbstbestätigung verschafften. Sex ist dan ein Mittel Anerkennung zu erlangen und Selbstvertrauen zu tanken.

Pauschalaussagen lassen sich in den Ursachen von Hypersexualität aber ebenso wenig treffen wie in den Ausmassen. Individuelle Diagnosen sind auch bei dieser Form der Sucht, wie auch bei allen anderen Süchten, unabdingbar.

Machogehabe: Ist Sexsucht männlich?

Obwohl Liste prominenter Sexsüchtiger ist lang ist, lässt sich darunter kaum ein weiblicher Name finden. Ist Sexsucht also ein typisches männliches Phänomen? Tatsächlich! Nymphomaninnen haben eher Seltenheitswert. Nur jeder Fünfte Sexsüchtige ist weiblich. Werner Huwiler glaubt den Grund zu wissen. In einem Interview mit dem Tages Anzeiger erklärt er: «Männer funktionieren eher über Entladungssexualität, die für viele Männer Stressabbau bedeutet. Frauen funktionieren weniger übers Entladen, als über die Emotionen». In die Spirale der Sexsucht gerieten danach vor allem Männer, die nicht gelernt hätten, andere Kanäle zur Kompensation von Stress zu nutzen. Frauen fänden hierfür in der Regel andere Wege, wie Sport oder ein anderes Hobby.

Abgesehen davon sei das Ausleben von Lustverlangen ein Beweis von Männlichkeit und Stärke. «Das weibliche Pendant zum Sexsüchtigen ist am ehesten die Bulimikerin, da es Frauen für den Beweis von Weiblichkeit oft nicht um Potenz, sondern Optik geht», glaubt auch Psychologe Roth.

Letztlich ist es aber wohl egal, ob Sexsucht nun männlich oder weiblich, krankhaft oder zwanghaft ist. Sie gibt vielmehr Anlass unsere Normen und Werte zu hinterfragen. Können wir Polygamie aushalten? Und sie sollte behandelt werden, wenn sie zur Last für betroffene und Angehörige wird. Wer sich davon betroffen fühlt, sollte etwas tun.

Beziehungsprobe Sexsucht: Tipps für Betroffene und Partner

Objektiv bleiben: Der erste Schritt zur Besserung ist stets die Einsicht. Leider fällt genau dieser Punkt vielen Sexsüchtigen besonders schwer. Wer sich selbst oder den Partner im Verdacht hat, sexsüchtig zu sein, sollte nicht mit Trotz reagieren, sondern versuchen möglichst objektiv zu bleiben. Hinterfragen Sie sich, Ihren Leidensdruck und suchen Sie Ansprache bei einem Fachmann, z.B. Sexologe oder Psychologe.

Ehrlich bleiben: Sexsucht muss nicht zwingend einen Bruch für die Beziehung bedeuten, Permanenter Betrug in der Regel schon. In einer Partnerschaft, in der Sexsucht eine Rolle spielt, ist Offenheit umso wichtiger. Nur wenn der Partner versteht, wie es zur Sexsucht kommt und sich nicht belogen fühlt, sondern sich um Zusammenhalt und Hilfe, auch über emotionale Schwerstbelastungen hinaus, bemüht, kann es eine Chance für die gemeinsame Liebe geben.

Unabhängig bleiben: Als Partner eines Sexsüchtigen sind emotionale Verletzungen und Demütigungen vorprogrammiert. Wichtig ist es, sich diesen Schmerzen zu stellen und sie nicht (ebenso wie der sexsüchtige Partner) vertuschen zu wollen. Andernfalls gerät man in den Strudel der so genannten Co-Abhängigkeit, in der man selbst die Kontrolle über sein Verhalten und Wohlergehen verlieren kann.

Hoffnungsvoll bleiben: Eine Sexsucht ist eine massive Belastung für eine Paarbeziehung. Dennoch muss sie nicht das Ende der Liebe bedeuten. Sexsucht gilt als behandelbar. Paare sollten die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft nicht verlieren. Im Gegenteil: Beweisen Sie sich, dass Sie im Team am stärksten sind.
 

Text: Linda Freutel

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