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Öffentlich StillenNackte Brüste sind toll, nährende nicht

Frauen, die an öffentlichen Orten stillen, ernten oft entsetzte Blicke. Unangebracht, sagen die einen. Die natürlichste Sache der Welt, die anderen. Während nackte Brüste erotisch sind, schaudert es vielen vor stillenden. Warum hat unsere Gesellschaft ein Problem mit Stillen in der Öffentlichkeit?

Stillen Oeffentlichkeit

Eine junge, attraktive Frau praktiziert in ihrem Garten Yoga. Sie steht auf dem Kopf, ihre Beine zeigen kerzengerade in Richtung Himmel. Ihr Körper ist angespannt, die Hände sind hinter dem Kopf verschränkt. Dieses Bild machte in den USA Schlagzeilen. Doch nicht weil die junge Frau nackt ist; blanke Haut sorgt schon längst nicht mehr für Entsetzen. Auslöser hitziger Diskussionen ist das Baby, das vor ihr im Gras sitzt und genüsslich an ihrer nackten Brust saugt.

Breastfeeding yoga mom, so wird die junge Frau genannt. Amy Woodruff, die ihre kleine Tochter Naia so selbstverständlich stillt, hatte das Foto bereits 2011 auf ihrem Blog Daughter of the Sun veröffentlicht. Ihr Partner hatte das Baby ins Gras gesetzt und dieses krabbelte schnurstracks auf seine Mutter zu. Durch ein Interview mit dem Blog babycenter erlangte das Bild jetzt im World Wide Web rege Beachtung. Dabei hatten vermutlich weder Amy Woddruff, noch ihr Parter damit gerechnet, mit diesem privaten Schnappschuss eine Welle der Empörung auszulösen.

Stillen in der Öffentlichkeit: natürlich oder anstössig?

Stillen in der Öffentlichkeit – das Thema hat schon immer die Geister gespalten. Aus einem einfachen Grund: Erst seit Anfang der 90er Jahre wird Stillen öffentlich diskutiert. Die World Alliance of Breastfeeding Associations wurde 1991 gegründet und führt seitdem jährliche Stillkampagnen durch, die junge Mütter informieren und dazu animieren sollen, dem Nachwuchs die Brust zu geben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Babys mindestens sechs Monate zu stillen und bis zum Alter von zwei Jahren. Eine Diskussion, die früher mit der eigenen Mutter oder Hebamme geführt wurde, findet nun öffentlich statt. Experten und Organisationen melden sich zu Wort. Hinzu kommen nicht nur die Verfechter, sondern eben auch die Kritiker.

Nackte Brüste sorgen für Erregung, stillende für Empörung

Jene, die sich entrüsten, finden Stillen in der Öffentlichkeit schlichtweg unangebracht. Erst noch genoss man beim gemeinsamen Abendessen mit Freunden sein 3-Gänge-Menü, da packt die Bekannte schon ihre Brust aus. Nichts ahnend sitzt man zeitungslesend im Zug, plötzlich entblösst sich die unbekannte Frau gegenüber. Vehemente Gegner von öffentlichem Stillen fühlen sich durch den Anblick von Mutter und Kind unangenehm und peinlich berührt.

Babys sind süss, Brüste sind geil – was getrennt funktioniert, ist zusammen obszön und unangebracht. Und das obwohl wir in einer Gesellschaft leben, in der nackte Haut kaum noch für Aufsehen sorgt. Wir sind immun gegen Brüste und Lenden auf überlebensgrossen Werbeplakaten. Gegen Hinterteile, die sich uns entgegenstrecken und Versicherungen oder Elektronik anpreisen. Produkte, ganz gleich ob Auto, Seife oder Bier, werden mit Hilfe draller Argumente in Szene gesetzt. Sex sells, denken sich gewiefte Werbemenschen. Warum also sorgen nackte Brüste für Erregung und stillende für Empörung?

«Brüste werden allein mit Sex assoziiert»

«Weibliche Brüste spielen [...] eine grosse Rolle, allerdings nie in ihrer Funktion als Nahrungsquelle für Babys. Sie werden allein mit Sex und Pornographie assoziiert», erklärt Regine Gresens, Stillbeauftragte des deutschen Hebammenverband, gegenüber der SZ. Stillende Brüste entziehen sich also ihrer Mission in Sachen Erotik – die eigentliche Mission ein Kind zu nähren wird nebensächlich. Wie stillende Mütter auf solche Anfeindungen reagieren sollten, muss jede für sich selbst entscheiden, rät Regine Gresens. Allerdings können sich Frauen «gegenseitig darin bestärken, dass Stillen das natürlichste auf der Welt ist. Es muss in der Öffentlichkeit wieder ein normaler Anblick werden».

Solidarität statt Scham, lautet also die Devise. Aus diesem Grund fanden sich vor geraumer Zeit auch hunderte Frauen vor dem Kopenhagener Rathaus zusammen. Die dänische Bloggerin Trine Larsen rief zum öffentlichen Protest – zum Still-Protest. Der Aktion war ein Entscheid des Ausschusses für Gleichstellung vorausgegangen. Er wies die Beschwerde einer jungen Dänin, die aus einem Café verwiesen wurde, weil sie stillte, kurzerhand ab. Die Begründung: Stillen in der Öffentlichkeit ist unsittliche Entblössung und kann nicht jedermann zugemutet werden.

Öffentliches Stillen und Diskretion

Warum entblösste Brüste in Cafés für Aufsehen sorgen, nicht aber auf Werbeplakaten, ist für Still-Anhänger ein Rätsel. «Wer einer Frau nicht beim Stillen zugucken will, der soll doch einfach wegschauen», meint Trine Larsen in einem Interview mit der Frauenzeitschrift Brigitte. Ein Vorschlag, mit dem sich Still-Gegner womöglich nicht zufrieden geben werden. Diskretion, könnte das Zauberwort lauten, das beide Fronten einander näher bringt. Denn Frauen müssen sich ja nicht völlig entblössen, wenn sie stillen, findet Regine Gresens. «Wenn sie diskret stillen, sieht man überhaupt nicht viel von der Brust».

Diskret ist Breastfeeding Yoga Mom mit ihrem Schnappschuss nicht. Allerdings entstand dieser auch im eigenen Garten, fern von Cafés, Restaurants oder Zugabteilen. Trotzdem liess Instragram nun den Account von Amy Woodruff sperren, da er laut dem Foto-Dienst «pornographische Inhalte» enthält. Eine Entscheidung, die die Amerikanerin nicht nachvollziehen kann. «Wenn eine stillende Mutter zensiert wird, wissen wir, dass etwas schief läuft.»

Titelbild: Unsplash

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