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Von Trennungsvätern und Rosenkriegen: Eine Scheidungsanwältin erzählt

Seit kurzem ist es für Ehefrauen in der Schweiz jedoch nicht mehr so einfach, ihrem Mann die Kinder streitig zu machen. Denn seit dem 01. Juli 2014 tritt im Falle einer Trennung die «gemeinsame elterliche Sorge» (geS) als Regelfall in Kraft – auch wenn die Mutter sich dagegen ausspricht. Welche Änderungen das neue Gesetz mit sich bringt und wie es davor im Rosenkrieg zuging, hat uns die Zürcher Scheidungsanwältin Angelika Huser im Interview erzählt.

Was ändert sich mit dem Gesetz für die «gemeinsame elterliche Sorge»?

Seit dem 01. Juli 2014 geht das Sorgerecht bei Trennungen nun grundsätzlich an beide Elternteile. Ziel ist es, sowohl Mutter als auch Vater in der elterlichen Verantwortung zu belassen und dem Kind damit eine vertiefte Beziehung zu beiden zu erleichtern. Vorher konnten Mütter ihre Ex-Partner ausschliessen, indem sie ihren Wunsch nach dem gemeinsamen Sorgerecht einfach ablehnten und es für sich allein beanspruchten. Es wird Trennungsvätern mit Sicherheit ein besseres Gefühl geben, wenn sie ab sofort nicht nur Unterhalt bezahlen müssen, sondern auch weiterhin bei kindesbezogenen Themen mitentscheiden dürfen.

Haben Frauen das gemeinsame Sorgerecht denn oft abgelehnt?

Ich habe das sehr oft erlebt, ja. Oft auch verbunden mit Beschuldigungen, der Vater sei ja schon während der Ehe kaum zuhause gewesen und hätte gar keinen Bezug zu den Kindern. Obwohl dieser einfach normal zur Arbeit gegangen ist, um seinen Verpflichtungen als Ernährer nachzukommen. Sie versuchen also, die nach wie vor gelebte, klassische Rollenverteilung gegen ihn auszuspielen.

Sie sind Scheidungsanwältin, keine Beziehungstherapeutin. Wie gehen Sie mit solchen Fällen um?

Ich versuche dem Paar klar zu machen, dass sie wegen der Kinder für immer verbunden sein werden und sie sich deshalb trotz allem zusammenraufen sollten, da alles andere den Kindern gegenüber unfair ist. Leider ist es oft so, dass Mütter die Kinder vorschieben und behaupten diese wollen gar nicht mehr zum Vater. Auch hier versuche ich zu vermitteln und ihnen zu erklären, dass die gemeinsamen Kinder zwischen den Stühlen sitzen und man sie nicht negativ beeinflussen darf. Denn selbst wenn es unbewusst passiert, merken Kinder, wenn die Mutter eigentlich nicht möchte, dass sie für ein paar Tage zum Vater gehen. Sätze wie: «Oh, jetzt kommt schon wieder das Wochenende, an dem du zum Papa musst» sind schnell gesagt. Doch schon die Verwendung des Wortes «müssen» beeinflusst die Kinder. Diesen Mandantinnen sage ich dann immer, dass es für die Entwicklung des Kindes wichtig ist, Mama und Papa regelmässig zu sehen.

Für Trennungsväter kann eine Scheidung in einem Teufelskreis enden....

Das ist richtig. Gerade, wenn die finanziellen Verhältnisse vorher schon knapp oder nur gerade ausreichend waren. Sagen wir, der Vater hat immer 100 Prozent gearbeitet und dafür 6.000 Franken im Monat verdient. Die Frau kümmerte sich um Haushalt und die beiden Kinder. Der Lohn hat schon während der Ehe gerade mal so für den gemeinsamen Haushalt und eventuell einen Familienurlaub im Jahr gereicht. Doch nach der Trennung braucht es eine zweite Wohnung, es müssen plötzlich zwei Mieten plus Unterhalt bezahlt werden. Dann wird es schwierig. In solchen Fällen kann es vorkommen, dass der Verdienende vom Gericht auf das Existenzminimum gesetzt wird. Das bedeutet, er erhält lediglich einen fixen Grundbetrag für Nahrung, Kleider, Körper- und Gesundheitspflege sowie die Kosten für die Wohnung, die Krankenkasse, das Telefon und für die unumgänglichen Berufsausgaben zugesprochen. Noch schwieriger wird es, wenn er sich zum Beispiel schon vor der Scheidung eine kleine Wohnung als Übergangslösung gesucht hatte. Denn das Gericht geht dann unter Umständen davon aus, dass diese Wohnung für ihn ausreichend ist und rechnet ihm nur diesen niedrigen Mietzins an. Und hier geht der Teufelskreis los: Es bleibt ihm nicht genug Geld für eine grössere Wohnung, weshalb er vielleicht kein extra Zimmer für die Kinder zur Verfügung hat. Und wenn die Kinder keinen Rückzugsort haben, wollen sie natürlich auch nicht so gern zum Papa. Ich als Anwältin versuche deshalb immer für einen angemessenen Mietzins zu kämpfen.

Ist es Müttern nicht zumutbar, wieder arbeiten zu gehen und sich am Unterhalt zu beteiligen?

Lehre und Rechtssprechung gehen davon aus, dass die Mutter wieder 50 Prozent arbeiten gehen kann, wenn das jüngste Kind zehn Jahre alt ist. Zu diesem Zeitpunkt wird der Unterhalt also neu berechnet und der Vater entlastet. Wenn das jüngste Kind 16 wird, kann die Mutter wieder voll arbeiten und der Unterhalt für den Vater geht noch einmal runter.

Kommt es vor, dass die Frau während der Ehe gearbeitet hat und dann beschliesst nicht mehr arbeiten zu gehen, damit er mehr bezahlen muss?

Das überlegen sich einige, allerdings wird das Gericht über die Tätigkeit in Kenntnis gesetzt. Es geht dann normalerweise davon aus, dass die Frau weiterhin so viel Prozent arbeiten kann, wie sie es vor der Scheidung getan hat. Frauen sollten es sich deshalb zweimal überlegen, ob sie sich kurz vor der Trennung noch einen Job suchen oder ihre Stellenprozente erhöhen, da sie dann mit weniger Unterhalt rechnen müssen.

Wie wird der Unterhalt bei wohlhabenden Familien geregelt?

Bei Gutbetuchten wird der Bedarf anhand des tatsächlich gelebten Standards während der Ehe berechnet, weil dieser für Frau und Kinder auch nach der Scheidung gesichert sein soll. Die einzelnen Ausgabenpositionen werden zusammengerechnet. Das ist sehr zeitintensiv, da die Frau ihre Ausgaben zum Beispiel für Coiffeurbesuche, Shopping und Urlaub angeben und Quittungen dazu einreichen muss.

Haben Sie männliche Mandanten, die sich durch Tricks aus der finanziellen Verantwortung ziehen wollen?

Ja, das gibt es auch oft. Vor allem weil Väter plötzlich merken, dass es nur noch darum geht, wieviel sie letztendlich zahlen müssen und die Höhe des Unterhalts einfach so tief wie möglich halten wollen. Gerade Männer mit einem eigenen Geschäft versuchen die Unterhaltsberechnung zu manipulieren, indem sie private Ausgaben über die Firma abrechnen. Denn wenn der Gewinn geringer ist, können sie sich selbst weniger Einkommen auszahlen. Ein Beispiel: Er hat das Büro in seinen Privaträumen, rechnet aber den kompletten Stromverbrauch über das Geschäft ab. Das ist ein sehr wirksamer Trick, da der Unterhalt ja letztendlich anhand des vorhandenen Lohns berechnet wird. Doch den Gegenanwälten sowie dem Gericht ist ein solches Vorgehen natürlich bekannt.

Warum enden Scheidungen so oft in einem Rosenkrieg?

Weil es eine sehr emotionale Situation ist. Meistens ist mindestens einer wirklich verletzt. Noch schlimmer wird es, wenn der andere schon einen neuen Partner oder eine neue Partnerin hat. Auch wenn man es sich nie vorstellen konnte und sich in guten Zeiten geschworen hat, dass man sich sicher nicht über jeden Kaffeelöffel streiten wird – wenn so viele Emotionen im Spiel sind, erkennt man sich selbst und den anderen oft nicht wieder.

Über Angelika Huser, MLaw

Angelika Huser arbeitet als Rechtsanwältin für die Pachmann Rechtsanwälte AG in Zürich. Dort berät und vertritt sie Mandanten hauptsächlich bei Scheidungen und Eheschutzangelegenheiten. Ausserdem bietet sie erb-, arbeits- sowie gesellschaftsrechtliche Beratung und Vertretung an. Kontakt: angelika.huser@pachmannlaw.ch

Foto: iStock

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