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Ab wann zerstört Macht die Beziehung?

Kein Tag ohne eine Partie Schach-Macht

„Ich muss soviel arbeiten, dass wir uns die Wohnung mit Garten auf dem Zürichberg, die Ferien in der Provence und das zweite Auto überhaupt leisten können“, sagt Olli, als Sabrina schon wieder meckert, weil er später kam. Aber was soll er denn machen? Die Frau mit dem vereiterten Kiefer mit Schmerztabletten bis morgen vertrösten, weil seine Tochter ein Einrad-Tournier hat? „Ich könnte ja auch wieder arbeiten gehen“, sagt Sabrina. Aber wer kümmert sich dann um die Kinder? Es bleibt alles wie geplant. Olli macht Karriere, Sabrina bepflanzt den Garten für die perfekte Familie. Aber perfekt ist schon lange nichts mehr. Bei jeder Kleinigkeit geht sie in die Luft, ihr Herz pocht so heftig, dass sie erst mal heimlich eine rauchen muss. Wenn sie sich versöhnen will, sagt Olli ihr erstmal, wie sehr sie stinkt. Olli versteht nicht, warum Sabrina so unglücklich ist, sie hat alles und muss nicht einmal arbeiten. Er sollte rauchen müssen, schliesslich hat er den ganzen Stress. Er glaubt, sie liebt ihn nicht mehr. Wie unkompliziert ist dagegen der Flirt mit der neuen Ärztin.

Aber wie fing das alles eigentlich an? Der Alltag ist die grösste Spielwiese für Machtkämpfe. Wer bringt den Müll raus und die Kinder zum Klavierlehrer? Wer entscheidet, wohin der nächste Reise geht und welche Farbe die neuen Gardinen haben? Aber auch das Buhlen um Anerkennung oder das Erkämpfen von Freiheiten gehören zum alltäglichen Machtgerangel zwischen Partnern. Es geht letztendlich schlicht um das Durchsetzen von Interessen. Wie bei einem Tauschgeschäft wird gekungelt und gehandelt. Wer seinen Kopf öfter durchsetzt ist der, der die Hosen an hat – und den anderen weniger braucht.

Machtkämpfe in der Beziehung finden keineswegs immer laut und massiv satt. Nur selten sind es klare Forderungen, Befehle oder gar Gewalt, die Liebende als Machtmittel benutzen. Vielmehr wird der Machtkampf der Liebe dort ausgetragen, wo Liebe auch stattfindet: Auf emotionaler Ebene. Ganz subtil, zwischen den Zeilen lassen Paare die Muskeln spielen. Dabei können die Mittel der Macht ebenso stumm wie wirkungsvoll sein: Eine hochgezogene Augenbraue im passenden Moment kann so treffend und erhaben sein, wie der Peitschenhieb eines Gladiators. Klassische Kampfmittel zwischen Mann und Frau sind ausserdem der Entzug von Nähe oder gar Sex, die Zuteilung von Geld oder sogar die Manipulation der Kinder.

Sabrina weint nicht, als sie durch einen Zufall herausfindet, dass Olli sie betrügt. Sie packt seine Sachen, lädt sie in seinen SUV und legt ihm ein Post-it dazu: „Ich hoffe, du hast viel Geld verdient. Du hörst von meinem Anwalt.“

Feine Nadelstiche vs. Aussitzen

Frauen und Männer sind in Machtfragen nicht pauschal so aufgestellt wie Olli und Sabrina. Aber es gibt Muster, die sich in den meisten Beziehungen wiederholen. Männer sitzen Machtspiele eher aus. Sie ignorieren Absprachen und wirken gleichgültig durch ihr passives Verhalten. Der Klügere schweigt?

Glaubt man Krüger spielen nämlich auch Männer unfair. Sie schaffen Verunsicherung indem sie die Intelligenz ihrer Partnerinnen anzweifeln oder ihr Äusseres mokieren. Das ist Schwachsinn! Du wirst aber auch immer runder. Wenn du dich aufregst, hast du eine ziemlich hässliche Furche auf der Stirn.

Frauen hingegen gehen zwar massivem Streit lange aus dem Weg, taktieren dafür vorher umso agiler. Nörgeln, Meckern und das Blossstellen des Partners in der Öffentlichkeit ist typisch Frauensache. Oder ist es für sie schwer zu erraten, ob der Mann oder die Frau das gesagt hat: „Vielleicht hat er kein so grosses Auto wie du, aber dafür was zwischen den Beinen!“

Wieviel Machtkampf ist normal und wie spielt man fair?

Emotionales Armdrücken unter Liebenden – das klingt nicht gerade nach Romantik. Wie steht es also um die Beziehung an sich, wenn ständig um die Macht gerungen wird? Krüger sagt: Das Spiel um die Macht gehört in jede Beziehung. Es ist normal. Jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Beziehungen sind dynamische Strukturen, in denen zwei Individuen kooperieren müssen, die nicht nur verschiedene Eigenschaften, sondern auch ständig neue, veränderbare Bedürfnisse und Lebenssituationen haben. All das muss unter einen Hut gebracht werden. Und ohne taktisches Ausloten dieser Interessen und Bedürfnisse geht es nicht. Und auch wenn es nicht so tönt, sind Machtspiele in stabilen Beziehungen nicht auf ein Gegeneinander, sondern auf ein Miteinander gerichtet. Gesunde Machtspiele suchen keinen Gewinner oder Verlierer, sondern Kompromisse. Liebe ist ein Tauschgeschäft, das dann gut funktioniert, wenn Geben und Nehmen im Gleichgewicht bleiben. Wenn sie gerade oben auf der Wippe schwingt, sollte er als nächstes dran sein.

Macht hat in einer Beziehung aber noch eine weitere wichtige Funktion. Sie dient der Abgrenzung und damit der Selbsterhaltung. Wer seine eigenen Bedürfnisse kommuniziert und auch hin und wieder durchsetzt, grenzt sich ab und verhindert, dass er seine Persönlichkeit komplett an den Partner verliert. Jeder braucht ein eigenes, abgestecktes Reich. Das kann Freundeskreis, ein Hobby oder auch ein eigenes Konto sein. Das unbewusste, aber gesunde Ziel solcher Abgrenzungen ist die Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls. Man zeigt sich und dem Partner, dass die eigene Persönlichkeit nicht nur an die Beziehung gekoppelt ist und das ist nur gut für eine Beziehung, sagt der Paartherapeut Krüger.

Und natürlich dürfen wir unseren Partner kritisieren, sagt Krüger. Aber Lob und Kritik müssen dagegen absolut aus dem Gleichgewicht sein. Eine ehrliche Kritik verlangt fünf ehrliche Komplimente. Und ein reinigendes Gewitter ist besser als jeden Abend Nieselwetter. Also, lassen sie es lieber mal auf eine grosse Auseinandersetzung ankommen, als ständig kleine Giftpfeile zu schiessen.

Ab wann zerstört Macht die Beziehung?

Hätten Olli und Sabrina eine Chance gehabt, wenn Sabrina Ihren Job nicht aufgegeben hätte? Und hätte Sabrina Olli nicht sagen müssen, dass ihr eine wunderschöne Wohnung mit Garten nichts wert ist, wenn sie diese nicht zusammen geniessen?

Belastend werden Machtspiele immer dann, wenn sie zu einseitig oder extrem werden. Oder, wenn um Belange gerungen wird, die für die Beziehung essentiell sind. Geraten grundlegende Beziehungsbausteine, wie Treue, Nähe, Sex oder Vertrauen in den Machtkampf, kann das mehr zerstören, als nützen. Die tief verletzte Seele will nämlich nun, dass auch der andere leiden soll. So fügt jeder dem anderen kleine seelische Wunden zu – durch gezielte Sticheleien, demonstrative Gleichgültigkeit, Repression oder Liebesentzug, um sich selbst besser zu fühlen und sich emotional vom Partner zu lösen. Denn „das Gefühl der Unterlegenheit führt immer dazu, dass man zu unfairen Mitteln greift“, sagt Krüger.

Das geschieht nach Trennungen um so unerbittlicher. 90 Prozent aller Trennungen enden laut Krüger in Vernichtungskämpfen.

Sabrina nörgelte und meckerte, liess Olli aber solange den Ton angeben, bis er sie mit einer anderen betrog. Zu spät. Wie weit sie nun gehen wird, um als Sieger aus der Beziehung zu gehen, bestimmt, ob die Kinder die drohende Scheidung gut verarbeiten können und ob auch Olli die Chance für einen fairen Neuanfang mit oder ohne Sabrina bekommt.  

Foto: iStock, Thinkstock

 

 

 

 

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