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KindermodelsWie die Modeindustrie die Kindheit verrät

Kindermodels erfüllen im wahrsten Sinne des Wortes das «Kindchen-Schema». Als Lolitas auf Laufstegen oder Kindfrauen in der Vogue sollen sie durch den inszenierten Tabubruch unsere Blicke provozieren. Mode sei Kunst meinen die Befürworter. Doch auch in gewöhnlichen Kinderkleiderschränken lauert der heimliche Sexappeal. Wir blicken auf Grauzonen der Kindermodewelt.

Kindermodels: die kleinen Lolitas

Das Kindermodelbusiness kann grenzwertig sein. Im Namen der Mode, der Kunst und der Verkaufszahlen verlangen Designer immer häufiger nach «Lolitas» – so heissen Kindermodels, die einen sowohl kindlichen als auch reifen Look präsentieren. Kindermodels führen sinnliche Lingerie auf Designerwebsites vor oder tragen aufreizende Highheels für Modezeitschriften. Das Gegenspiel von Unschuld und Erotik ist dabei nicht nur eine wohl allzu verfrühte Konfrontation der Mini-Models mit Sexualität und Schönheitsdruck, auch die pädophile Note spielt dabei unweigerlich immer mit.

Wenn Kindermode schlank und sexy macht

Kindermodels an sich müssen nichts Negatives sein. Fotografen, die Kinder für eine neue Spielzeuglinie auf dem Spielplatz fotografieren, brechen keine Moral. Sie lichten Kinder in einer Situation ab, die einem kindlichen Kontext entspricht. Fotografen, die Kinder in Kinderkleidung abbilden, machen in der Regel auch nichts falsch. Bedenklich wird es, wenn Kindermode mit den sexuellen Reizen und Signalen der Erwachsenwelt spielt. Stöckelschuhe für Sechsjährige und Spitzen-Dessous für Achtjährige bilden die Paradebeispiele der neuen Designermode für Kids. Doch mit der nur für Wohlhabende erschwinglichen Kindermode ist es nicht getan. Die Psychologin Sara Murnen vom Kenyon Kollege in Ohio (USA) untersuchte mehr als 5000 Kleidungsstücke für Mädchen und kam zu dem Schluss: Ein Grossteil der Kleidungsstücke betont Körperteile, die als weiblich und sinnlich gelten. So zum Beispiel eine Jeans mit hoch angesetzten Taschen, die den Po betont. Oder ein tiefer Ausschnitt mit Spitzenrand. Psychologen wie Murnen kritisieren, das figurbetonte Kindermode bereits Grundschüler unter Druck setze, schlank und sexy sein zu müssen. Auch die Studie «Bailey Review» in Grossbritannien zeigte, dass die Kindheit von der Modeindustrie zunehmend sexualisiert wird.

In Hollywood in den Kindergarten

Unter Stars ist die Sexualisierung der Kindheit schon längst Gang und Gebe. So sorgte beispielsweise das Musikvideo «Whip My Hair» von Will Smiths 11-jähriger Tochter Willow für starke Kritik. Zu Lyrics wie «I whip my hair back and forth … I whip it real hard» schwingt Willow ihren langen Haarzopf durch den Raum, während bunte Farbe davon wegspritzt. Das vermeintlich kindlich-freche Video ist gespickt mit Erotikelementen.

© 2010 Roc Nation, LLC

Grenzwertig: Sexy Kindermodels sind en vogue

Immer wieder versuchen Medien, Designer und Fotografen, Kindermodels als Lolitas für provokative Marketingzwecke einzusetzen. Für einen weltweiten Aufreger sorgte letzten Sommer die Augustausgabe der französische Vogue. Für eine Fotostrecke wurde das zehnjährigen Kindermodel Thylane Blondeau stark geschminkt, mit goldenen Stilettos und Decolletée bis zum Bauch auf Leopardenbettwäsche in Verführungspose gesetzt. Auch als die 14-jährige Schauspielerin Hailee Steinfeld das neue Face von Miu Miu wurde oder als ihre 13-jährige Kollegin Elle Fanning die Kampagne von Marc by Marc Jacobs verzierte, hagelte es Kritik. «Kiddy Sex Sells»: Auch auf dem Catwalk lassen Kindermodels die Kassen klingeln. Auf Kindermodemessen wie «Pitti Bimbo» in Florenz flanieren Kleinkinder in Designermode über den Laufsteg.

Ex-Supermodel und Dreifach-Mama Nadja Auermann spricht insofern in einem Interview mit der BILD vielen Eltern aus der Seele. Ihrer Meinung nach sollte es nicht nur Gesetze gegen Magermodels geben, wie es bei den Mailänder Modewochen der Fall ist. Auch Kindermodels, die pädophiles Schönheitsideael pflegen, sollten verboten werden. Die Gesellschaft könne nicht, so Auermann, gegen Pädophile schreien und gleichzeitig Kinder als Sexobjekte promoten. Ging es den Designern früher noch darum, ein erotisches Bild der Frau zu erschaffen, sexualisieren sie heute kleine Mädchen. Im Unterschied zu erwachsenen Models können sie jedoch die Folgen nicht absehen. In diesem Alter sind sich Mädchen nicht bewusst, was für Signale sie senden, wenn sie sexy gekleidet werden oder verführerische Augenaufschlag imitieren.

Das kindliche Spiel mit dem Frausein erreicht bei Kindermodels manchmal bedenkliche Grauzonen.

Das kindliche Spiel mit dem Frausein erreicht bei Kindermodels manchmal bedenkliche Grauzonen. Foto: Jupiterimages

Das Kindermodelbusiness kann ein ganz schön hartes Pflaster sein. Und dennoch: Eltern kommen aus aller Welt angereist, um ihre Lieblinge über die Laufstege von Kindermodemessen stolzieren zu lassen. Wenn die Eltern ihren Ehrgeiz und Schönheitswahn auf die Kinder projizieren, hinterlässt das mitunter absurde Spuren. In einer ProSieben-Reportage wurden die skurrilen Auswüchse gezeigt: Eine Gruppe Kindermodels kneifft ihre Haut an den Oberschenkeln zusammen, um zu prüfen, ob sie Cellulitis haben. Darüber kann man sicherlich noch schmunzeln, vergessen sollte man dabei aber nicht, dass sich Kindermodels von klein auf mit den äusserlichen Unsicherheiten von Erwachsenen rumschlagen, bevor sie eine eigenständige Persönlichkeit ausbilden konnten, die sie vor dem Druck schön sein zu müssen schützt.

Auch in der Schweiz zeigen sich einige Eltern bereit, ihre Kinder modeln zu lassen – glücklicherweise auf eine harmlosere Art: Zum Kindercasting des «Babybook Enfant» in Villars-sur-Ollon traten 600 Eltern mit ihren Kindern an. Die Challenge: Die Kinder (von 0 bis 12 Jahren), die unter die letzten Zehn kamen, durften in der 2012-Frühjahrsausgabe von «Babybook Enfant» Kinderdesignmode vorführen. Die 600 eingetroffenen Eltern waren dabei nur eine Vorauswahl. Im Vorjahr waren es 2500 Bewerber. Das eigene Kind in einem Hochglanzmagazin – da stösst man bei vielen Eltern auf Euphorie.

Filmtipp: »Little Miss Sunshine»

Wie der Kinder-Beautywahn insbesondere in den USA auf die Spitze getrieben wird, zeigt der Film «Little Miss Sunshine». Die verheirateten Regisseure Jonathan Dayton und Valerie Faris stellen mit ihrem Film Kinder-Misswahlen an den Pranger. Humorvoll zeigen sie, wie das fröhlich-mollige Mädchen Olive den Rahmen der Misswahl sprengt, an der sonst nur unnatürliche Lolitas teilnehmen.

Modeln mit Grenzen: Das Jugendarbeitsschutzgesetz der Schweiz

Dass Eltern ihren lieben Schatz stolz der Welt präsentieren wollen, ist kein seltenes Phänomen. Schlimm ist es nur, wenn der kulturelle Spass zum ehrgeizigen Spitzensport wird oder sich gar zur Kinderarbeit entwickelt. In der Schweiz bestimmt die Jugendarbeitsschutzverordnung seit 2008, welche Kindertätigkeiten erlaubt sind und welche nicht. Kinderarbeit ist grundsätzlich verboten, Minderjährige dürfen erst ab 15 erwerbstätig sein. Im Bereich Kultur, Sport und Werbung dürfen sie aber auch schon unter 15 Jahren eingesetzt werden – insofern die kantonalen Behörden diese Arbeit für zumutbar halten und vorher genehmigen. Der Job darf nicht mit der Schule konkurrieren oder das Wohl der Kinder beeinträchtigen. Für die Werbebranche heisst das: Bis die Kinder 13 Jahre alt sind, sind maximal drei Stunden Shooting am Tag erlaubt, höchstens 9 Stunden pro Woche. Aber auch Nachteinsätze können in Ausnahmefällen, wie zum Beispiel kulturellen Abendevents, genehmigt werden. Sollte sich der Job mit der Schule überschneiden, können die Familien Jokertage einlösen. Die unterscheiden sich je nach Kanton: In Schaffhausen sind es zehn Tage, in Zürich sind es zwei.

Modeln und viele andere Hobbys: Zu viel Ehrgeiz tut Kindern nicht gut!

Die Schweizer Gesetze regeln, dass das Kindermodeln kein extremes Ausmass annimmt. Wenn das «legale» Modeln jedoch eines von vielen weiteren Hobbys wie Klavierspielen, Tennis oder Fremdsprachenlernen ist, kann es das Kind überfordern. Agenturen wie «Kids Models» sind stets mit Eltern konfrontiert, deren Ehrgeiz den Kindern nicht mehr gut tut. Inhaberin Sandra Weber erkenne diese sofort und selektiere sie von vorne herein aus, so Weber gegenüber dem Beobachter. Neben der Ehre kann auch der Ruhm eine Motivation sein: bare 80 CHF in der ersten Stunde, 50 CHF für jede folgende, 350 CHF für den ganzen Tag, bringt ein Kindermodel durchschnittlich ein.

Autor: Ananda Grade, Titelbild: Screenshot "Good Morning America"

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