Knutscht euch!Warum Küssen wichtiger als Sex ist

Ihr dürft euch jetzt küssen. Und am besten nie mehr damit aufhören. Denn wenn Lippen auf Lippen treffen, sind wir uns näher als beim Sex. Das sagt nicht nur unsere hoffnungslose Romantikerin Linda Freutel, sondern auch die Wissenschaft.

Küssen ist wichtiger als Sex

Küssen ist die älteste Lust der Welt. Ein süsses Phänomen und wunderlich, denn Tiere kennen den Kuss nicht. Wir Menschen küssen dafür ständig. Und zwar nicht nur unseren Liebsten. Wir küssen Freunde, busseln unsere Familie, vielleicht sogar Haustiere.

Küssen ist schliesslich gesund. Eine intensive Knutscherei steht einem kurzen Waldlauf nichts nach. Ein einziger Kuss kann bis zu 50 Gesichtsmuskeln in Bewegung bringen, den Puls auf bis zu 140 Schläge pro Minute jagen und den Blutdruck um das Doppelte steigen lassen. Dabei verbraucht so ein Bussi rund 12 Kalorien pro Minute. Ein leidenschaftliches Küssen hat die doppelte Power: Dabei pressen Lippen mit einem Druck von bis zu 15 Kilogramm aufeinander und lassen die Hormonproduktion auf Hochtouren laufen: Glücksgefühle en masse. Aber vor allem schafft Küssen eines: Verbindung. Und zwar nicht nur auf der körperlichen, sondern vor allem der mentalen und sozialen Art. Küssen ist das Fundament einer Beziehung. Das wissen nicht nur Romantiker, sondern auch Wissenschaftler und Paartherapeuten.

Sex sagt nichts darüber aus, ob eine Beziehung glücklich ist

Eine Studie der Universität von Oxford konnte zeigen, dass wie oft und wie wir küssen ein Barometer für das Beziehungsglück ist. Für Sex gilt das umgekehrt nicht. Schliesslich müssten dann alle Beteiligten in dauerhaften Beziehungen unglücklich sein. Das sind sie aber nicht, wie die Soziologin Britta Müller in ihrer Langzeitstudie mit Senioren zeigte: Obwohl die Senioren mit zunehmenden Alter immer seltener Sex hatten, blieb die sexuelle Zufriedenheit gleich.

Nicht Sex, sondern Zärtlichkeit in Form von Streicheln, Kuscheln und Küssen, sorgt für glückliche Paare. Während 91 Prozent der Männer und 81 Prozent der Frauen, Zärtlichkeit einen wichtigen Platz einräumten, war Sex nur für 61 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen wesentlich. Denn Nähe und Liebe müssen sich Partner immer wieder durch zärtliche Berührungen wie einem Kuss versichern.

Der Psycholge John Gottman glaubt: Küssen ist wichtiger als eine heisse Liebesnacht, weil es alltäglicher ist. Denn glückliche Beziehungen äusserten sich nicht in grossen Taten, sondern im täglichen Umgang miteinander. Und der renommierte Paartherapeut Ulrich Clement hat sogar gute Nachrichten für Zungenverächter: «Die Verbundenheit zweier Partner zeigt sich demnach weniger in der Intensität zungenverschlingender Küsse als vielmehr in den En-passant-Küssen.»

«Küssen ist Kommunikation»...

Nonverbal, aber nicht weniger bedeutend, sagt Clement. Im Gegenteil: Mit einem Kuss können Paare all das ausdrücken, was sie auch verbal äussern könnten. Oft ist die Geste des Küssens sogar noch präziser und vor allem intimer. Denn unser Partner ist der einzige, der unseren Kuss instinktiv deuten kann.

Ein zarter, langer Kuss kann eine wunderschöne Liebeserklärung sein. Ein Kuss kann aber auch bedeuten «Lass mich in Ruhe Schatz. Ich habe Migräne». Wir können unserem Partner beim Küssen sagen, wie stolz wir auf ihn sind oder ihn aufbauen, wenn er niedergeschlagen ist. Wir können beim Küssen sogar Botschaften an Dritte senden. Nichts schlägt beispielsweise Konkurrenten so schnell und zuverlässig in die Flucht, wie der berühmte «Gehört mir»-Kuss. Küssen ist eine Kommunikation, die nicht laut sein muss, um gehört zu werden.

Darum küsse, was sich ewig bindet

Küssen ist aber auch eine Form der Kommunikation, die in vielen Partnerschaften zum Verstummen gekommen ist. Anfangs waren die Küsse noch lang und leidenschaftlich. Heute berühren sich zwar noch die Lippen, das wilde Zungenspiel hat jedoch Seltenheitswert. Das ist schade. Aber – und das ist die gute Nachricht – nicht unbedingt ungewöhnlich. Intensive Zungenküsse spielen vor allem in der Phase des Kennenlernens eine wichtige Rolle.

Durch Küssen können wir unser Gegenüber besser einordnen als über ein Gespräch oder einen Flirt. Der Geruch und Geschmack liefert unbewusste, aber wichtige hormonelle Informationen über eine mögliche genetische Kompatibilität. Aber auch Beziehungsqualitäten können mental und sozial via Zunge ausgekundschaftete werden. Wie harmoniert das Zungenspiel, küsst der andere auffordernd, bestimmend, schüchtern oder rücksichtsvoll?

Küssen ist wie ein Blick in die Glaskugel: Zeig mir, wie du küsst und ich sage dir, wie gut du zu mir passt. Finden die Küssenden hierbei zueinander, ist die Informationsfunktion der leidenschaftlichen ersten Zungenkuss-Phase eigentlich schon erfüllt. Die Zunge spielt fortan nur noch eine zweitrangige Rolle, als Vorspiel oder beim Sex, nicht aber unbedingt im Alltag. Das ist jedenfalls die Theorie der Wissenschaft. Die Praxis kann anders aussehen. Doch das liegt an euch und an euren Lippen. Versucht es am besten gleich jetzt!

Titelbild: Unsplash

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