Pixel

«... im Moment zu sein, ist der Schlüssel für guten Sex.»

Sie schreiben, Sex ist nicht immer ein Zuckerschlecken, sondern manchmal auch Arbeit.

Es gibt immer wieder Lebensphasen, bei denen es sich nicht vermeiden lässt, sich mit der eigenen Sexualität zu beschäftigen. Über die Jahre verändern sich der Körper und auch die Vorlieben. Da kann es gut sein, dass man plötzlich merkt, dass Methode X nicht mehr so schön ist. Vor allem wenn Kinder da sind oder nach schweren Erkrankungen müssen Paare oft wieder über die Bücher und sich fragen: Was gefällt mir? Beziehungen sind Veränderungen unterworfen und diese müssen immer wieder ausgehandelt werden. In der Sexualität ist es genau gleich.

Weshalb Sie auch empfehlen, auf die Wünsche des Partners einzugehen und Neues im Bett auszuprobieren. Ein schlichtes «Nein, ich will nicht» zähle nicht. Was raten Sie Frauen, die die Vorstellung von einer bestimmten Sexualpraktik einfach unangenehm oder sogar eklig finden?

Es schadet der Beziehung wenn man den Wunsch des Partners abschlägt, ohne zu erklären warum. Man selbst würde auch nach einer Antwort verlangen. Wenn einem der Wunsch des Partners unangenehm ist, sollte man darüber reden. Besprechen sie die Argumente, die dafür aber auch die, die dagegen sprechen. Fragen sie ihn, warum ihm das so wichtig ist. Bei vielen Praktiken gibt es auch Zwischenstufen. Beispielsweise könnten auch die Finger statt den Genitalien gebraucht werden, wenn es um Analsex geht. Wenn der Mann aber nicht möchte, dass die Frau dasselbe bei ihm macht, hat sie natürlich das gleiche Recht Nein zu sagen. Wichtig ist, dass man zusammen einen Kompromiss findet.

Sex und Leben ist nicht ein so grosser Unterschied.

Auch Kreativität und Offenheit gelten als wichtig für guten Sex. Wenn mir die Missionarsstellung aber gefällt, warum sollte ich dann etwas anderes ausprobieren?

Wenn beiden die Missionarsstellung gefällt und sie erfüllend ist, dann behalten sie diese ruhig bei. Meistens ist es aber so, dass der eine ein bisschen experimentierfreudiger ist. Ich mache hier oft den Vergleich mit dem Essen. Wenn ich noch nie Spinat gekostet habe, nur weil ich denke, dass mir Karotten reichen, kann ich nicht beurteilen, ob ich den Spinat nicht doch auch mag. Also entgeht mir vielleicht etwas. Es geht darum neugierig zu sein und sich auf Neues einzulassen. Wie im ganzen Leben. Denn Sex und Leben ist nicht ein so grosser Unterschied.

Die intimsten Wünsche zu offenbaren, ist aber nicht so einfach wie es klingt.

Hat man in seiner Beziehung nie wirklich über Sex und sexuelle Wünsche gesprochen, sollte man sich langsamer herantasten. Ich empfehle Paare häufig Fragekarten, die man in der Buchhandlung kaufen kann. Dabei werden sexuelle Themen vorgegeben, damit Paare spielerisch in Gespräch kommen. Es gibt einige Spiele, aber auch Vorträge oder Filme, die es erleichtern Sex zum Gesprächsthema zu machen. Hat man das geschafft, ist es nur noch ein kleiner Sprung, um offen über sexuelle Wünsche zu sprechen.

Für Sie, ist eines der besten Tipps für besseren Sex, einfach mehr Sex zu haben. Sie raten zu einem Experiment, bei dem ein Paar eine Woche lang jeden Tag Sex haben muss, egal ob die Lust da ist oder nicht. Kann Sex auf Kommando funktionieren?

In der Praxis bin ich noch extremer und sage: Was ist schon eine Woche? Machen wir gleich einen Monat. Sie würden staunen: Meine Patienten und ich machen unheimlich gute Erfahrungen mit diesem Experiment. Ich merke, dass Sex oft auf einen Sockel gestellt wird, wo er nicht hingehört. Natürlich finde ich Sexualität auch etwas Wunderschönes. Man ist niemandem so nah wie beim Sex. Trotzdem sollte man sich bewusst machen, dass Sex auch einfach Alltag sein kann. Bei einem Paar, das seit vielen Jahren zusammen ist, Vollzeit arbeitet und Kinder hat, ist die Chance klein, dass man am Ende des Tages noch Lust auf Sex hat. Und eine längere Pause hatte, wird das Einsteigen immer schwieriger, weil die Erwartungen, aber auch die Angst davor steigen.

Fallen die meisten nach dem Experiment nicht sofort wieder in dieselbe Routine?

Nein, die Leute merken, dass ihnen Sex gut tut. Denn schon bei einfachen Berührungen erfahren Sie einen Hormonstoss. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Berührungen und auch Küssen einen Einfluss auf die Psyche des Menschen haben. Logischerweise beeinflusst das auch die Sexualität der Paarbeziehung. Die Menschen haben mehr Sex und merken, dass dies positive Auswirkungen auf sie und ihre Beziehung hat.

Lesen Sie auch: Libidoverlust: «Schatz, ich hab' Migräne!»

LibidoverlustSexualtherapeutin Ines Schweizer erklärt, warum der Libidoverlust in längeren Beziehungen ganz normal ist und warum die beste Lust-Therapie nichts mit Sex zu tun hat. ...»

Interview: Michelle Feer, 9.10.2014; Foto: George Mayer/iStock

Mehr dazu