BOREOUTWarum Unterforderung im Job krank macht

INTERVIEW Für Emails benötigen sie 30 Minuten, Unterlagen werden mehrmals sortiert oder Aufgaben unnötig in die Länge gezogen. Menschen, die unter Boreout leiden, langweilen sich in der Arbeit zu Tode. Im Interview erklärt Coach Elisabeth Mlasko, weshalb Unterforderung am Arbeitsplatz schlimmer ist als Überforderung.

Boreout: Wenn Langweile am Arbeitsplatz krank macht

Die Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder haben 2007 mit dem Buch «Diagnose Bore-out» und der Einführung des Begriffs einen Nerv getroffen. Ihre These: Viele Arbeitnehmer langweilen sich bei ihrer Tätigkeit, wollen aber trotzdem den Eindruck erwecken, als wären sie ausgelastet. Frau Mlasko, warum dieser Bluff?

Aus Angst um den Job. Die Motive sind allerdings unterschiedlich. Ich kenne einen Beamten, der nicht so viel leisten darf wie er könnte, weil er sonst den Zorn seiner Arbeitskollegen auf sich ziehen würde. Ich hatte eine Klientin, die mit ihrer Effizienz und Schnelligkeit ein ganzes Team bedrohte. Und ich kenne eine Frau, die nebenberuflich in einem Büro arbeitet und für ihre Aufgaben nicht einen Tag, sondern nur fünf Stunden braucht – sich aber sonst den Verdienst verkleinert. Ein wesentlicher Punkt ist auch, dass man nicht besser sein darf als der Chef. Sehr viele Vorgesetzte haben Horror vor zu viel Leistung, da diese schnell zur Bedrohung wird. Boreout dreht sich also um die Angst herauszustechen und aufzufallen. Ich weiss nicht, ob es eine schlimmere Form von Frustration gibt.

Krank durch Unterforderung – mit dieser These brachen die Autoren ein Tabu. Warum ist Stress sozial anerkannter als chronische Langeweile?

Zeit zu haben bedeutet «Ich habe nichts zu tun und bin überflüssig». Wir leben nun mal in einer Leistungsgesellschaft und gerade reformierte Kantone sind sehr leistungsbezogen. Zum Vergleich: In Wien weht noch immer ein aristokratisch-katholisches Lüftchen und tagsüber im Kaffeehaus zu sitzen signalisiert «Ich bin vermögend oder habe es geschickt gemacht». Um in Zürich vormittags Kaffee zu trinken, muss man schon eine besondere Form von Selbstwertgefühl entwickeln. Ausser es ist ganz offensichtlich, dass man ein wichtiges Business-Meeting hat. Dabei zeigt das doch, dass man seine Arbeit in weniger als der dafür vorgesehenen Zeit erledigt! Doch schon innerhalb dieser fertig zu werden ist ein No Go. Wer pünktlich geht, hat zu wenig zu tun. Das ist völlig absurd. Ich möchte nicht wissen, wie viele unterforderte Arbeitnehmer es gibt, während sich andere überschlagen.

Resultiert Boreout also nicht aus zu wenig, sondern falsch verteilter Arbeit?

Unterforderung hat nicht nur mit Quantität, sondern auch mit Qualität zu tun. Einer meiner Lieblingssprüche ist von Rabbi Nachman und lautet: «Wenn du lebst, was in dir ist, schützt es dich. Wenn du nicht lebst, was in dir ist, zerstört es dich». Das ist das Boreout. Wenn man seine Fähigkeiten nicht zum Klingen und Schwingen bringen kann, scheitert man an den eigenen Begabungen.

Boreout Betroffene sind nicht faul, sondern faul gemacht, sagen auch Philippe Rothlin und Peter Werder.

Natürlich! Wenn jemand faul ist, hat er kein Boreout, sondern ist mit der Situation zufrieden. Sicher könnte ein Gutteil der Wiener Beamten unter einem Boreout leiden, finden es aber angenehm, eine ruhige Kugel zu schieben.

Jene, die keine ruhige Kugel schieben möchten, leiden unter der Situation. Die Symptome eines Boreout gleichen dann jenen eines Burnout: Schlafstörungen, psychosomatische Erkrankungen und Depressionen. Das Nichtausleben von Fähigkeiten kann also krank machen.

Auf jeden Fall. Es ist eine gewagte Behauptung, aber ich glaube, dass ein Boreout schneller und stärker auf das Selbstwertgefühl schlägt als ein Burnout. Auf ein Burnout kann man ja auch ein bisschen stolz sein. Aber fahren Sie mit einem Ferrari im fünften Gang lediglich 50 km/h, stirbt er ab.

Man mag meinen, Arbeitnehmer könnten die Situation spielend auflösen, indem sie ihre Vorgesetzten informieren?

An dieser Stelle tritt wieder die Angst um den Job auf. Schliesslich ist es auch Kritik am Vorgesetzten, wenn er nicht in der Lage ist, seinen Arbeitnehmer auszulasten. Und möglicherweise hat man auch den richtigen Moment verpasst. Wenn ich meinen Vorgesetzten erst nach einiger Zeit auf meine Situation aufmerksam mache, wird er mich fragen: Und was haben Sie die letzten eineinhalb Jahre gemacht?

Man hält seine Situation also mit Vertuschungsstrategien am Leben. Aufgaben werden in die Länge gezogen oder es wird scheinbar emsig in die Tastatur gehauen. Weshalb?

Hier sind wir wieder beim Verlust des Selbstwertgefühls. Ich bin der Meinung, dass dies der grösste Krankmacher ist. Selbstzweifel führen zu Schlafstörungen, Appetitverlust oder sozialen Ängsten. Wenn ich mich dauernd unter meinem Wert verkaufe, weiss ich: Mein Output ist nichts! Bei einem Burnout kann man sich immerhin noch sagen, dass man etwas leistet.

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Ein Bäcker kann nicht so tun, als würde er Brötchen backen, ein Maurer nicht, als würde er ein Haus bauen und eine Lehrerin nicht, als würde sie unterrichten. Welche Berufe sind besonders anfällig für Boreout?

Ja, das hat was. Ich denke, es handelt sich primär um Berufe, bei denen es um schlecht messbare Routinearbeiten geht. Je mehr Routine, desto schneller werde ich und desto mehr Arbeit braucht es, um die Zeit effizient zu füllen. Boreout-Förderer sind sicherlich auch Firmenkulturen, die nicht sehr leistungsorientiert sind. Oder wenn Einzelne die Arbeit an sich reissen. Es gibt auch Vorgesetzte, die nicht delegieren, um sich ja nicht überflüssig zu machen.

Wenn man sich auf die Suche nach der Wurzel allen Übels begibt – hapert es womöglich bereits bei den Stellenbeschreibungen? Wo fundierte Excel-Kenntnisse gefordert werden, müssen zweispaltige Tabellen erstellt werden und die Fremdsprachenkenntnisse kommen höchstens beim Plaudern mit der englischen Praktikantin zum Einsatz. Werden oftmals Kompetenzen verlangt, die schlussendlich gar nicht benötigt werden?

Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Stellenbeschreibungen klingen immer höchst attraktiv. Man glaubt, man startet jetzt voll durch und kocht schlussendlich Kaffee. Wenn man das realisiert, wird abgewartet. Dann sucht man das Gespräch mit dem Vorgesetzten, wird oft vertröstet und schon bald hat man es übersehen. Das ist sehr heikel.

Und wer neigt dazu häufiger zu übersehen: Männer oder Frauen?

Mein Bauchgefühl sagt Frauen. Sie sind die besseren Dulderinnen, können eher leiden und haben den Hang auszuharren. Vielleicht nicht die jüngere Generation, aber jene meiner Mutter. Damals war die gesellschaftliche Philosophie: Eine Frau muss den Haushalt gut führen können, sonstige Fähigkeiten waren sekundär. Rückblickend haben Frauen ein gesellschaftlich vorgeschriebenes Boreout erlitten, weil ihre anderen Begabungen ungenutzt schlummern mussten.

Unabhängig vom Geschlecht: Hat man den falschen Beruf oder das falsche Unternehmen gewählt, wenn man sich bei der Arbeit unterfordert fühlt?

Es muss weder noch sein, womöglich ist es nur die falsche Funktion. Ich glaube, wenn man im Laufe seines Lebens merkt, dass man mehr Fähigkeiten hat, als die Zeugnisse verbriefen, sollte man noch eine Ausbildung machen. So kann man aus einem Boreout übrigens auch rauskommen.

Neben einer zusätzlichen Ausbildung, was würden Sie jemandem raten, der sich chronisch unterfordert fühlt?

Was sicherlich wichtig ist, ist den Mut zu entwickeln, Unterforderung zu thematisieren. Auch auf die Gefahr hin, dass es zum Bruch mit dem Arbeitgeber kommt. Aber ich würde in jedem Fall davon abraten so weiterzumachen. Boreout-Betroffene sind oft nicht ehrlich zu sich selbst, daher muss man gezielt fragen: Wie viele Stunden brauchen Sie täglich, um das zu erledigen, was Sie erledigen müssen? Und was machen Sie mit dem Rest der Zeit? Der erste Schritt ist Transparenz zu schaffen und den Mut zu entwickeln, mit den Konsequenzen zu leben. Sich ein Burnout einzugestehen ist immer noch einfacher.

Laut einer Studie ist der wirtschaftliche Schaden unterforderter Arbeitnehmer ein grösseres Problem als jener, der von überforderten Beschäftigten ausgeht.

Gelangweilte Arbeitnehmer verbrauchen doppelte Ressourcen. Sie beziehen ein Gehalt und leisten nichts dafür. Das klingt jetzt sehr hart, aber ein Burnout-Betroffener verausgabt sich, bis er umfällt und dann übernimmt die Krankenkasse. Er schadet dem Unternehmen finanziell also weniger. Auch wenn das eine kurzsichtige Betrachtung ist.

Können Unternehmen bzw. Führungskräfte Boreout überhaupt erkennen? Wir haben vorhin ja bereits die Vertuschungsstrategien angesprochen.

Wird mit Zielvorgaben und etwas engmaschiger gearbeitet, kann man Unterforderung bald aufdecken. Ich erwarte, dass Vorgesetzte ihren Job erfüllen und dazu gehört auch, Mitarbeiter vernünftig – nicht zu wenig, nicht zu viel – und ihren Fähigkeiten entsprechend auszulasten. Wenn ich ein wenig aufmerksam bin, merke ich, was meine Leute können. Aber dafür muss man halt hinschauen. Und wenn man einmal Verdacht schöpft, sollte man den Personen bitte helfen.

Wer trägt nun die Verantwortung: Arbeitnehmer oder Arbeitgeber?

Ich habe die Tendenz zu sagen, je höher in der Hierarchie, desto mehr Verantwortung trägt man. Wenn jemand eine administrative unbedeutende Stelle besetzt, hat er sicherlich weniger Handlungsspielraum. Und gerade bei Menschen, die existenzielle Probleme haben und auf ihren Job angewiesen sind, ist es Aufgabe des Vorgesetzten, sich darum zu kümmern, dass sie ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden. Doch trotz allem: Es gibt niemanden, an den man die Verantwortung für das eigene Leben delegieren kann. Auch nicht im Beruf.

Laut einer Studie erledigen wir während der Arbeitszeit täglich zwei Stunden Privates. Kritiker warfen den Autoren vor, einen normalen Umstand als Krankheit zu bezeichnen. Wie viel Langeweile am Arbeitsplatz ist normal?

Ich bin nicht der Meinung, dass man Dauer-Output leisten muss. Das ist unmenschlich und macht die Arbeit auch nicht zwangsläufig besser.

Und was sagen Sie zu dem Vorwurf Boreout sei ein Luxusproblem?

Sinn im Leben zu finden und sich sinnvoll fühlen wollen ist kein Luxus. Für niemanden. Ganz im Gegenteil. Lebenssinn zu finden ist existentiell nötig.

Zur Person: Elisabeth Mlasko

Elisabeth Mlasko, Untenehmenberaterin und DiplompsychologinFrau Mlasko berät Einzelpersonen und Organisationen. Einer ihrer Schwerpunkte ist Karriere-Coaching, wobei sie sich hier insbesondere auch mit den spezifischen Themen von Frauen auseinandersetzt. Sie hat jahrelang in grossen Konzernen gearbeitet und diese in Folge als Marketing- und Kommunikationsfachfrau beraten. Als Betriebswirtin und analytische Psychologin reicht ihr Beratungsspektrum von der äusseren zur inneren Bühne. Weitere Infos zu Elisabeth Mlasko finden Sie unter colanuss.ch.

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