Pixel

Fern und doch so nahBalkankonflikt – was wir alle darüber wissen sollten

Die Kriege sind noch vielen vor Augen, der Konflikt in den meisten Balkan-Staaten allgegenwärtig. Aber wieso sind diese Kriege noch so präsent und der Konflikt auch in der Schweiz ein so grosses Thema? Wir erklären.

Balkankonflikt – was wir alle darüber wissen sollten

Vielen Schweizerinnen und Schweizern ist knapp bekannt, dass es einst einen Krieg auf dem Balkan gab. Besser gesagt erst vor relativ kurzer Zeit. Witze über die Feindseligkeiten von Serben und Kroaten hört man auch, oder Sprüche wie «Kosovo ist Serbien». Aber was wirklich dahinter steckt wissen die wenigstens. Und nehmen sich auch wenig Zeit dafür, einen grossen Teil unserer zugewanderten Bevölkerung besser zu verstehen.

Folgend wird kurz erläutert um was es sich überhaupt handelt und welche Relevanz das Ganze heute, 19 Jahre nach Ende des Krieges, noch hat.

Ex-Jugoslawien war von 1918 bis 2003 ein sich stetig verändernder Staat, eine Bundesrepublik auf dem Balkan-Gebiet. Dazu gehörten: Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Mazedonien, Slowenien, Montenegro und der heute anerkannte Kosovo. Die Staatsgrenzen und dessen Politik veränderten sich während des Bestehens mehrfach.

Der Zerfall: Im Juni 1991 erklärten Slowenien und Kroatien die Unabhängigkeit von Jugoslawien. Im November folgte Mazedonien und im März 1992 folgte Bosnien-Herzegowina.
Gründe dafür waren mehr als genug da, sowohl religiöse, ethnische und politische Interessenskonflikte bewegten die Staaten die Unabhängigkeit anzustreben. Die Ex-Jugoslawischen Kulturen wirken zwar sehr ähnlich aber in vielen Dingen unterschieden sie sich massiv. Einen einzelnen Kombi-Staat zu haben hat zur Folge, dass nicht auf jede einzelne Völkergruppe Rücksicht genommen wird. Zusätzlich gab es noch immer nationalistische Konflikte, welche schon vor dem 1. Weltkrieg begannen. Der nationale Stolz dieser Länder ist extrem hoch, was das Ganze noch anheizte.

Nachdem die Staaten ihre Unabhängigkeit bekannt gaben, versuchte die Jugoslawische Volksarmee, welche unter serbischer Führung stand, die Sezession der Staaten militärisch zu unterbinden. Die einzelnen Staaten selbst hatten noch kein stehendes Heer, dennoch erwiesen sich die einzelnen Staaten als zäh und gaben trotz gewaltsamen Ausschreitungen nicht nach.

Der Konflikt in Slowenien endete im Oktober 1991 da es auf slowenischem Staatsgebiet keine serbische Minderheit gab, welche die Jugoslawische Volksarmee hätte unterstützen können.

Danach konzentrierte man sich auf Kroatien wo es eine erhebliche serbische Minderheit gab. Das Ziel Serbiens war es ein zusammenhängendes Territorium in Kroatien zu erlangen welches sich dann an Serbien bzw. Jugoslawien anschliessen würde. Obwohl sich die Jugoslawische Volksarmee zu Beginn nicht aktiv beteiligte, sondern die Serbischen Separatisten mehr logistisch unterstützte, änderte sich dies als Kasernen der Jugoslawischen Volksarmee im kroatischen Territorium verbarrikadiert wurden. Die Streitkräfte kämpften beidseitig oft bis zum bitteren Ende. Der Krieg in Kroatien forderte 15'970 Tote oder Vermisste und endete 1995.

Mazedonien erklärte am 19. November 1991 seine Unabhängigkeit. Diese Erklärung stoss anders als bei den anderen Ländern nicht auf grossen Widerstand, und die Jugoslawische Volksarmee wurde vom mazedonischen Territorium samt schwerer Ausrüstung abgezogen.

Bosnien-Herzegowina war damals und ist noch heute ein Hotspot für Konflikte. Ein Land mit 3 verschiedenen Religionen, 3 verschiedenen Ethnien und doch vielen Gemeinsamkeiten. In Bosnien gibt es Serben, Kroaten und Bosniaken welche sich hauptsächlich in ihrer Religion unterscheiden: Serben sind Christlich Orthodox, Kroaten Katholisch und Bosniaken Muslimisch. Wo die 3 Ethnien früher friedlich als Nachbaren leben konnten wurde dies während des Krieges wie auch jetzt erschwert.

Völker welche bekannt sind für ihr Temperament, ihren Stolz und ihren Nationalismus sind nicht leicht zu beruhigen. Trotzdem ist die Hoffnung vieler Bürger und vor allem vieler Jungen, dass diese Kriege endlich in der Vergangenheit ruhen können.

Am 09. Januar 1992 riefen bosnische Serben die Republika Srbska aus, Serbische Republik in Bosnien und Herzegowina. Es ist also serbisches Gebiet auf bosnischem Boden welches von allen 3 Ethnien rechtlich gleich geschützt sein sollte. Es gibt keine offiziellen Grenzen, nur Strassenschilder welche markieren sobald man sich in der Republika Srbska befindet, dies auf bosnischem Boden. Am 03. März 1992 verkündete Bosnien-Herzegowina aber seine Unabhängigkeit.

Was folgte waren Ausschreitungen zwischen bosnischen Serben, bosnischen Kroaten und Bosniaken. In Bosnien unterstützten kroatische Streitkräfte die Bosniaken und bosnischen Kroaten im Kampf für ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien. Was die theoretisch überlegene Jugoslawische Volksarmee zu Beginn unterschätze war der Wille der einzelnen Nationen. Sie wollten Souverän sein, nicht von einer Ethnie kontrolliert und gelenkt.

Am 14. Dezember 1995 endete auch der Krieg in Bosnien-Herzegowina. Bosnien-Herzegowina wurde am härtesten getroffen. Obschon das Land reich an Potenzial war und ist, scheint die Wirtschaft damals und auch heute nicht Fuss fassen zu können. Zusätzlich waren die Kämpfe und die Kriegsverbrechen in Bosnien am brutalsten, die Zerstörung ist heute noch sichtbar. Der monatelange Beschuss der Hauptstadt Sarajevo, Genozide wie das Massaker von Srebrenica, bei welchem im Juli 1995 mehr als 8000 bosniakische Männer und Jungen ermordet wurden prägen den Kriegsverlauf und die Folgen davon.

Nie soll vergessen werden welche Gräueltaten aneinander verrichtet wurden. Und es waren alle auf eine gewisse Art und Weise an Kriegsverbrechen beteiligt, manche mehr als andere. Der Bosnienkrieg forderte 96'667 Tote. Davon waren 33'071 bosniakische Zivilisten.

Der Kosovo ist heute ein grösstenteils anerkannter Staat. Die meisten Serben und die serbische Regierung sehen den Kosovo als Teil der Serbischen Republik. Andererseits ist die Republik Kosovo von 114 der 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen als unabhängiger Staat anerkannt. Zu den nicht-anerkennenden Staaten gehören neben Serbien auch Russland, die Mehrheit der südamerikanischen, afrikanischen und asiatischen Länder an.

Vom 28. Februar 1998 bis 10. Juni 1999 dauerte der bewaffnete Konflikt zwischen den jugoslawischen Streitkräften auf der einen Seite und den kosovarischen Separatisten unterstützt durch die NATO, auf der anderen Seite.  Am Ende einigte man sich bei Militärverhandlungen auf den Abzug der serbischen Truppen aus dem Kosovo und auf die Stationierung einer NATO-geführten Friedenstruppe KFOR unter UN-Mandat. KFOR ist auch noch heute aktiv an der Friedenssicherung im Kosovo beteiligt.

Die Jugoslawienkriege ziehen noch vieles nach sich. Nach Kriegsende begann das Internationale Tribunal für das frühere Jugoslawien. Das Uno-Tribunal für Ex-Jugoslawien bearbeitete die Fälle von insgesamt 161 Angeklagten. Der letzte Verhandlungstag fand erst am 29. November 2017 statt. Das heisst mehr als 15 Jahre nach Kriegsende hatte man immer noch mit der Aufarbeitung der Kriege zu tun und beschäftigte sich mit den Kriegsverbrechen und Gräueltaten der verschiedenen Milizen bzw. deren Führern.

Auch heute noch gibt es konstante Sticheleien zwischen den einzelnen Ländern. Was allen bewusst sein muss ist, dass der Krieg noch nicht lange vorbei ist und für einige ist er es noch immer nicht. Menschen, die den Krieg erlebt haben, sind noch relativ jung und können die Wut, die Angst und auch den Schmerz noch immer leibhaftig fühlen. Die Kinder der Betroffenen, welche die Kriege zwar nicht miterlebt aber sehr oft erzählt bekommen haben, beschäftigen sich auch konstant mit den Konflikten früherer Generationen.

Dazu kommen geostrategische Interessenskonflikte, welche der Region noch immer zu schaffen machen. Der Balkan ist zum Spielball verschiedener Hegemonie Bestrebungen geworden. Beispiel wären amerikanische wie auch arabische Interessen. Bosnien macht zurzeit eine grosse Wandlung durch, teils eine sehr extremistische. In keinem europäischen Land werden mehr IS-Kämpfer rekrutiert als in Bosnien. Zusätzlich wurden viele Bosniaken während und nach dem Krieg finanziell von Vereinigungen aus dem arabischen Raum unterstützt.

Die Kriege sind noch vielen vor Augen, der Konflikt in den meisten Balkan-Staaten allgegenwärtig. Bestes Beispiel ist der Kosovo, wo es noch heute zu Ausschreitungen zwischen serbischen und kosovarischen Bürgern kommt.

Völker welche bekannt sind für ihr Temperament, ihren Stolz und ihren Nationalismus sind nicht leicht zu beruhigen. Trotzdem ist die Hoffnung vieler Bürger und vor allem vieler Jungen, dass diese Kriege endlich in der Vergangenheit ruhen können. Denn trotz den vielen Gegensätze gibt es wahrscheinlich mehr Gemeinsamkeiten.

Titelbild: Valentin Pitarch / Collage: Vanessa Votta

Weitere Artikel