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Speak up!Wo beginnt häusliche Gewalt?

«So etwas würde ich ja nie mit mir machen lassen!» Echt nicht? Häusliche Gewalt ist keine Seltenheit und oftmals schwer zu erkennen. Sie betrifft alle sozialen Schichten, alle Geschlechter, alle Kulturen und jede Generation. Zeit, ganz genau hinzusehen.

Wo beginnt häusliche Gewalt?

Heute ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen, und der Startschuss der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Auch wenn die Kampagne den Fokus klar auf ein Geschlecht legt, möchte ich das Thema gerne etwas öffnen.

Die Dunkelziffer der Männer, die tagtäglich häusliche Gewalt erleben, ist nämlich ebenfalls ungeheuerlich. Noch ungeheuerlicher ist aber der Fakt, dass verdammt viele Menschen in einer Beziehung stecken, in der häusliche Gewalt ausgeübt wird, ohne, dass der oder die Betroffene es rechtzeitig realisiert. Deshalb widme ich mich der Frage: Wo beginnt eigentlich häusliche Gewalt?

Wenn dein Freund dir sagt, du seist eine verdammte Schlampe, obwohl dein Lifestyle dem einer Nonne gleicht, dann tut das nicht nur weh, sondern drückt dich tiefer in den Boden als Luzifer wohnhaft ist. «Emotional Abuse» nennt sich das Ganze übrigens und jetzt Achtung: Genau hier beginnt die häusliche Gewalt. Sie beginnt nicht beim ersten Schlag. Sie beginnt genau jetzt. Und der erste Schups, der erste viel zu feste Griff oder der erste blaue Fleck ist oftmals nicht weit weg – trust me!

Das Perfide daran ist, dass häusliche Gewalt meistens schwer zu erkennen ist. Wenn einem der Mensch, der einen doch liebt so etwas antut, schiesst einem zuerst ein grosses «Warum?» in den Kopf. Er oder sie meint es doch nicht so. Das hat bestimmt mit seinen oder ihren eigenen Problemen zu tun, ja vielleicht sogar mit einem schlimmen Erlebnis in der Kindheit, nicht mit mir. Im Nachhinein tut es ihm oder ihr ja immer so unheimlich leid. Ich muss ihm oder ihr helfen, genau dieses Problem zu lösen, dann wird alles gut. Bullshit, Leute!

Persönliches Problem hin oder her – du bist kein Seelenklempner. Und wenn doch, dann bitte nicht der von deinem Partner oder deiner Partnerin.

Dieses hinterhältige Beziehungsphänomen nennt sich in der Fachsprache «Gaslighting». Es beschreibt die schleichende Manipulation, mit der Opfer gezielt verunsichert, desorientiert und allmählich ihr Realitäts- und Selbstbewusstsein zerstört wird. Man verliert sich selbst, hat kein Gespür mehr für seinen eigenen Wert. Man schämt sich für seine Schwäche sich nicht wehren zu können, seine Schwäche nicht davon laufen zu können.

Wütenden Gedanken werden unterdrückt, Hilfeschreie runtergeschluckt. Man schweigt. Man bleibt und hofft. Sich als Opfer zu outen ist unglaublich schwer. Egal ob Mann oder Frau. Aber es ist möglich und es ist verdammt befreiend.

Und deshalb Leute: Erkennt die Red Flags! Seid aufmerksam, wenn die erste unangebrachte Bemerkung fällt, ihr euch als «Schlampen» oder «Missgeburten» betiteln lassen müsst. Und dann ergreift Initiative, bevor ihr zu Grunde geht. Mit Liebe hat das Ganze nämlich so wenig zu tun, wie mit der eigenen Schwäche. Es ist toxisch, es ist krank und es ist gefährlich.

Die Fakten sprechen für sich: Alle zwei Wochen stirbt in der Schweiz eine Person infolge häuslicher Gewalt; durchschnittlich 25 Personen pro Jahr (2009-2018). Zusätzlich erfolgt jede Woche ein Tötungsversuch (durchschnittlich 50 Personen pro Jahr). Opfer von versuchten und vollendeten Tötungsdelikten (2009-2018) waren: 471 Frauen (62,6%), 191 Männer (25,4%) und 90 Kinder (12%). Opfer von vollendeten Tötungsdelikten (2009-2018) wurden: 249 Personen, 74,7% davon waren Frauen und Mädchen, 25,3% Männer und Jungen. (Quelle: EBG)

Und nun: Stand up, Speak up! Und wer die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» unterstützen und Awareness schaffen möchte, findet hier mehr Infos.

Titelbild: Unsplash

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