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Multi-KultiWie es ist, mit zwei Nationalitäten aufzuwachsen

Der Anteil der Schweizer Bevölkerung mit Migrationshintergrund beträgt 37,5 Prozent laut dem Bundesamt für Statistik. Wir wissen, dass die Schweiz ziemlich multikulturell ist, aber wie ist es, wenn man nicht ganz Schweizerin aber auch nicht ganz Ausländerin ist? Wie wächst man mit zwei sehr unterschiedlichen Kulturen auf und wie lassen sich diese vereinbaren?

Multikulturell

Ich habe insgesamt 17 Jahre lang in der Schweiz gewohnt. Ein Jahr habe ich in meiner zweiten Heimat Kroatien gelebt und ein anderes habe ich in Alaska im Austausch verbracht. Meine Mutter stammt aus Kroatien und mein Vater aus der Schweiz. Jedes Jahr fahren wir 3-4-mal «runter» in den Balkan. Meine Mutter hat uns auf kroatisch erzogen, ich spreche die Sprache fliessend und kann auch auf kroatisch schreiben. Meine Grosseltern wohnen immer noch in Bosnien und auch sonst haben wir viele Verwandte, die dort leben.

In der Schweiz habe ich 11 Onkel und Tanten väterlicherseits, zu denen ich nicht viel Kontakt habe. Ich heisse Sina Schmid, also habe ich einen sehr schweizerischen Namen, sehe sehr west-europäisch aus und auch sonst würde man mir nicht ansehen, dass ich auch aus dem Balkan stamme. Trotzdem hatte ich einige prägende Erfahrungen wegen meiner nationalen Identität.

Kurz gesagt: ich stehe zwischen zwei Stühlen. Zum einen identifiziere ich mich sehr mit den kroatischen Traditionen und der kroatischen Kultur. Ich liebe das Essen, das Land und die Natur, die Gastfreundlichkeit und die direkten Menschen.

Ich geniesse es immer, wenn ich in meinen Ferien nach Kroatien fahre. Auch in Bosnien, wo meine Mutter aufgewachsen ist, liebe ich es, Zeit mit meinen Verwandten zu verbringen. Und trotzdem: wenn ich dort bin, bin ich eine Fremde. Ich kann mich zwar gut verständigen, aber einige Wörter sind mir dennoch nicht bekannt. Ich heisse anders, als die traditionellen Balkaner es erwarten würden, wenn mein Name fällt, kommt auch gleich die Frage «Aha, und von wo bist du denn, Schweiz oder Deutschland?».

Zwei Nationalitäten

Im kleinen Dorf meiner Mutter wissen alle, dass mein Vater Schweizer ist. Wo einige stolz waren, dass meine Mutter einen echten Schweizer geheiratet hat, mein Vater wurde von vielen enorm geschätzt, eben weil er Schweizer ist, wurde sie von anderen als Verräterin der Kultur angesehen. Ihre Kinder sind eben somit nicht ganz, sondern nur ein bisschen kroatisch.

Unter anderem wird auch automatisch angenommen, dass wir in Geld schwimmen, weil wir in der Schweiz wohnen. Ich bin oft einfach die reiche Schweizerin, die in Bosnien und Kroatien Ferien macht, obwohl ich ja zum Teil «Eine von Ihnen» und finanziell gesehen nicht reich bin.

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In der Schweiz fühle ich mich meistens wohl. Hier sind meine Freunde, mein Leben spielt sich hier ab und auch meine nähere Zukunft plane ich hier. Ich geniesse das Schulsystem, die Struktur, die Pünktlichkeit und die Stabilität. Ich habe 16 Jahre lang im gleichen kleinen Dorf im Aargau verbracht, in der Umgebung bin ich dann auch an weiterführende Schulen. Das Dorf hatte als ich dort in die Primarschule gegangen bin sehr wenige Ausländer. Besonders aus dem Balkan, es gab noch eine andere Familie mit einer kroatischen Mutter und einem Schweizer Vater, ansonsten waren die meisten waschechte Schweizer. In meiner Kindheit durfte ich mir einige Sprüche anhören, von wegen «Du Jugo kannst wieder dorthin von wo du kommst».

Mit der Zeit habe ich mich mehr und mehr mit meiner nationalen Identität auseinandergesetzt. In jüngster Zeit wollte ich mich mehr an meine kroatische Kultur annähern, habe mich mit der Geschichte befasst und auch mit meiner Mutter viel über ihre Heimat gesprochen. Ich wollte Kroatin sein, nicht halb-halb. Ich wollte «ankommen», einfach eine Heimat haben. Leider, oder glücklicherweise, habe ich festgestellt, dass das niemals der Fall sein wird.

Es werden immer zwei Herzen in meiner Brust schlagen, ich werde immer die Vorteile und Nachteile meiner zwei Heimaten sehen und ich werde immer zwei «Zuhause» haben. Früher dachte ich immer, meine zwei Kulturen beissen sich und erschweren mir das Leben, aber eigentlich sind sie eine Bereicherung. Ich kann mir meine Identität ja eigentlich selbst zurechtlegen, das Beste aus beiden Nationen herauspicken und repräsentieren.

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Titelbild: Archiv Sina Schmid/ Collage: Vanessa Votta

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