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Harder, better, faster, strongerSchluss mit der Selbstoptimierung

Das Wort «Selbstoptimierungswahn» existierte bis vor wenigen Jahren noch gar nicht. Und wir sind dafür, dass wir es auch wieder aus unserem Wortschatz streichen. Ständiges Perfektionieren macht nämlich nicht perfekt, sondern panisch!

Selbstoptimierung

Jeden Morgen, wenn ich meinen grünen Tee trinke, surfe ich bei meinen liebsten Influencern, Bloggern und sonstigen digitalen Freunden vorbei und stehe dabei immer kurz vor einem Nervenzusammenbruch.

Erstens weil ich lieber Kaffee trinken würden, mein neues super-gesundes Ernährungskonzept diesen aber verbietet. Zweitens weil die ganze Welt schon wieder einen Schritt weiter ist als ich. Tweets vom Frühsport, Posts von hübsch gedeckten Frühstückstischen oder Urlaubsbilder der Extra-Luxus-Klasse klatschen wie eine digitale Faust in mein Gesicht. Ihre Message ist subtil, aber unmissverständlich: Alle sind super produktiv, top organisiert, gesund, schön, fleissig, schlank, reich und was weiss ich noch, nur ich bin noch immer im Schlafanzug. Und schon beginnt der tägliche Run im Hamsterrad.

Ich bin nicht perfekt

Ich springe auf, schnalle meinen Fitness-Tracker ans Handgelenk und düse mit dem Velo ins Büro. Auto fahre ich schon lange nicht mehr. Das freut die Umwelt und die Bikinifigur; nicht aber meinen Chef. Ich bin nämlich regelmässig zu spät – und habe deshalb ein schlechtes Gewissen.

Aber nicht nur an meiner Pünktlichkeit sollte ich dringend arbeiten, sondern offenbar auch an meiner Ordnung: Mein Schreibtisch sieht aus wie ein Saustall. Termine, Abgabedruck und dazu ein Stapel von Zetteln, der bald unter seinem Eigengewicht zusammenbricht. Perfekt ist anders. Gute Laune auch.

Eigentlich will ich alles richtig machen

Zum Glück klingelt bald meine Ernährungs-App: Es ist an der Zeit für eine Mahlzeit. Endlich. Gerade will ich also in mein Sandwich beissen, als sich meine Kollegin Tina mit ihrer selbst gemachten, veganen Kale-Bowl neben mich setzt und erzählt, dass sie gerade vier Kilo abgenommen hat. Volltreffer; ich fühle noch mehr wie der letzte Looser. Und genau so geht es den ganzen Tag weiter. Das war bereits gestern so. Und vorgestern. Und wird es morgen wahrscheinlich auch sein. Und das, obwohl ich doch eigentlich alles richtig mache. Oder ist es vielleicht gerade deswegen?

Vorsicht: Selbstoptimierungswahn

Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Und ich erkenne eindeutig, dass ich langsam wahnsinnig werden. Woran ich leide? An Selbstoptimierungswahn! So wie Tina übrigens auch. Und so ziemlich jeder in meinem Umfeld. Selbstoptimierungswahn ist eine Seuche. Hochansteckend und weit verbreitet. Meine Vermutung ist, dass diese Sucht zur privaten Über-Perfektionierung dort begonnen hat, wo sie am einfachsten umzusetzen ist: Im World Wide Web. Dort, wo Bilder retuschiert, Szenen gestellt und News gefakt werden können, ist Perfektion nämlich keine Kunst, sondern ein Knopfdruck.

Sieht ja auch schön aus, so ein digitales Bilderbuch des eigenen Lebens. Wir posten Bilder von einem Leben, wie wir es gern hätten und merken dabei gar nicht, wie wir ein Konstrukt erschaffen, dessen Folgen weit über das Internet hinaus gehen. Alltäglich fordern uns Tracker, Kalender, Ratgeber, Apps, Coaches, Konkurrenten und Co. auf, uns derart zu optimieren, dass wir so perfekt laufen, wie es sonst nur ein Hochleitungsprozessor schafft.

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Perfektion macht unglücklich

Was haben wir davon? In erster Linie haben wir Stress. Zweitens haben wir Misserfolg; und zwar zwangsläufig. Denn Selbstoptimierung bedeutet schon per Definition einen Misserfolg. Wer ständig etwas optimieren will, ist nämlich offenbar weder mit sich noch mit seinen Leistungen zufrieden – und damit unglücklich!

Optimiert ist nicht optimal

Warum aber verfallen wir alle dem Selbstoptimierungswahn. Glauben wir wirklich, dass das optimierte Leben das optimale ist? Findet das optimale Leben nicht viel mehr dann statt, wenn wir das tun, was uns Spass macht und nicht das, was uns perfekt macht? Glace schlecken zum Beispiel macht Spass. Faul sein macht manchmal ebenfalls Freude. Oder offen zugeben, dass man nicht perfekt ist, kann auch Freude machen und ungemein entspannend sein.

Niemand ist perfekt oder wird es jemals werden. Und wenn ich schon die Wahl zwischen perfekt oder glücklich haben, entscheide ich mich ab sofort für glücklich. Ab morgen gibt es wieder Kaffee. Und vielleicht eine kleine digitale Detox-Kur! Und für alle, die ebenfalls dem Selbstoptimierungswahnsinn entkommen wollen, gibt es hier noch ein paar easy Tipps.

So entkommst du dem Selbstoptimierungswahn

  • Stolz sein: Nur wer einen Grund hat, stolz auf sich zu sein, rennt keinen falschen Idealen hinterher. Überleg daher gut, was dich stolz an dir und deinem Leben macht. Am besten schreibst du die Punkte auf; so kannst du dich in schwachen Selbstoptimierungs-Momenten daran erinnern.
  • Kein Vergleich: Das Gras scheint auf der anderen Seite immer grüner zu sein. Das ist aber kein Fakt, sondern eine optische Täuschung. Wer künftig nicht mehr darauf hereinfallen will, unterlässt die Vergleiche mit anderen. Egal ob auf Social Media-Kanälen oder in der Nachbarschaft. Nur du zählst; nicht das Leben der anderen.
  • Lieben: Wer liebt ist glücklich. Such dir also etwas, was du aus ganzem Herzen liebst; ganz egal, ob das ein Mensch, ein Tier oder ein Hobby ist – oder am besten liebst du einfach gleich dich selbst! Alles, was das Herz erfüllt, reduziert den Wunsch nach Selbstoptimierung.

Titelbild: Talles Alves/Unsplash 

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