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Story zur sexuellen BelästigungDon’t touch me, not like that – meine Story

Es ist nicht der leichteste Lesestoff, den ich euch hier auftische. Doch es muss gesagt werden. Ich muss es loswerden, um anderen und auch teilweise mir selbst zu helfen. Das ist meine Story zu einem sexuellen Übergriff.

Blume in der Luft mit Hand

Eins schon mal vorweg – ich wurde nie vergewaltigt. Zumindest nicht so wie ihr das euch jetzt vorstellt. Aber ich fühlte mich vergewaltigt, mein Körper fühlte sich vergewaltigt und dieser Vorfall hat mich auch noch Jahre danach verfolgt.

Mit 16 Jahren war ich offen, ehrlich und aufgeschlossen. Ich verstand mich mit so ziemlich jedem.

Es war Sommer. Meine Freunde und ich waren fast jeden Abend zusammen. Bei einem Klassenkameraden durften wir grillieren, zelten und unsere Abende verbringen. Auf einem grossen Maisfeld neben einem kleinen Bach, bei dem wir uns immer trafen. Ein Zelt stand tagelang da und ich übernachtete auch häufig dort. Doch das wurde mir dann irgendwann zum Verhängnis.

Es war dunkel und sternenklar. Vielleicht war es 10 Uhr abends oder 3 Uhr morgens, ich erinnere mich nicht mehr genau. Ich liebte es in den warmen Sommernächten auf der Wiese zu liegen und die Sterne zu beobachten. Eine Welt so weit weg, ich bin bis heute fasziniert davon. Einige Zeit verging, als ich genau das tat. Einer meiner Freunde legte sich neben mich. Ich habe mir natürlich nicht viel dabei gedacht, denn wir kannten uns schon lange und waren gute Freunde. Alle anderen entfernten sich immer mehr von uns. Sie gingen wahrscheinlich hinter ein Gebüsch um zu rauchen oder was man in diesem Alter halt so macht.

Alleine lagen wir zwei da und schwiegen uns an. Dann plötzlich fing er an sich zu mir zu drehen und mich zu küssen. Ich wandte mich höflich ab und sagte, dass ich das nicht will und blieb liegen. Sein Atem roch nach Alkohol. Er liess nicht locker und probierte es immer wieder. Ich war schüchtern und naiv und konnte mich gar nicht richtig wehren. Er fing an mein Shirt hochzuziehen, ich sagte ihm er solle sofort aufhören. Aber er hörte nicht auf mich und ging noch weiter. Seine Hand wanderte wie selbstverständlich in meine Unterhose und machte sich dort zu schaffen.

Es fühlte sich an, als würde sich seine Hand stundenlang an meinen privatesten Körperteilen festkrallen.

Bis dahin war das der intimste Kontakt, den ich je mit jemandem hatte. So, auf diese Art und Weise. Es fühlte sich an, als würde sich seine Hand stundenlang an meinen privatesten Körperteilen festkrallen ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte. Letztendlich fand ich doch den Mut aufzustehen und mich auf eine danebenstehende Bank zu setzen. Endlich konnte ich kurz durchatmen. Doch er folgte mir, setze sich hinter mich und fing an mich von hinten festzuhalten. Unsere Körper pressten aneinander und sein hartes Geschlechtsteil drückte permanent an meinen Hintern.

Er fing wieder an mich zu berühren. Überall. Ich sah keinen Ausweg, denn er war stark und ich war es nicht. Mein Herz klopfte und mein Körper war wie erstarrt vor Angst, denn ich wusste nicht wie ich dieser Situation entkommen konnte geschweige denn, was noch passieren wird.

Zum Glück kamen einige Zeit später meine anderen Freunde wieder zurück und er liess mich endlich los, endlich wandte er sich von mir ab, endlich war ich nicht mehr mit ihm alleine.

Er verhielt sich gegenüber den anderen, als wäre nichts passiert. Ich war immer noch geschockt. Geschockt davon, dass ein Freund mir so etwas antun kann. Ich machte mit. Spielte meinen Freunden etwas vor und verhielt mich so, als wäre nichts vorgefallen. Mir war es peinlich und ich wollte keine Szene machen. Ich übernachtete in dieser Nacht sogar dort im Zelt, da ich mich mehr davor fürchtetet alleine nach Hause zu laufen, als mit ihm in einem Zelt zu übernachten. Blöde Entscheidung und total naiv von mir. Schlafen konnte ich sowieso nicht.

Ich war gefangen in meinem eigenen Körper.

Während die anderen nämlich ihren tiefen und friedlichen Schlaf genossen,  spürte ich eine Hand über meinen Hintern gleiten. Neben mir lag diesmal aber jemand anderes. Mir würde übel, als auch seine Hand immer weiter in meine Hose dringt. Voller Panik drehte ich mich langsam um. So, dass mein Hinterteil auf die andere Seite zeigte. Das hielt ihn aber natürlich nicht davon ab seine Hände vorne reinzustecken. Als ich seinen Arm wegdrücken wollte, drückte er mit aller Kraft entgegen und blieb in meiner Unterhose. Ich war gefangen in meinem eigenen Körper und musste dann noch einiges über mich ergehen lassen, bis er mich endlich los liess. Ich war in diesem Moment einfach nicht mutig genug, aufzustehen und wegzulaufen.

Natürlich hat er vom anderen Typen am Abend vorher erfahren, was für einen Spass wir gemeinsam hatten und worauf ich mich «einlasse». Doch das erfuhr ich dann erst am nächsten Morgen, als mich alle darauf ansprachen. Da war mir auch klar wieso sich in der Nacht, ein zweiter Typ an mir vergriffen hat.

Ich musste oft und viel daran denken. Vor allem an den Abend. Was ich hätte anders machen können und wieso ich nicht richtig reagiert habe. Hätte ich den Mut gehabt aufzustehen und nach Hause zu gehen, wäre der zweite Zwischenfall nicht passiert. Die Jahre danach liess ich keinen Mann an mich ran. Nicht emotional und nicht körperlich. Ich kapselte mich ab von der ganzen Männerwelt und dem Bedürfnis nach einer Beziehung.

Die beiden Vorfälle haben sich einfach zu fest in mein Hirn gebrannt. Ich konnte damit nicht gut umgehen, denn ich war noch jung und unschuldig, hatte noch nie intimen Kontakt mit jemandem und musste akzeptieren, dass ich auf diese ekelhafte Art und Weise zum ersten Mal von jemandem berührt wurde.

Ausser einer wunderbaren Freundin wusste niemand genau, was passiert war. Bis heute. Ich habe mich entschieden meine Erfahrung zu teilen um anderen zu helfen. Was ich falsch gemacht habe, können andere richtig machen. Wenn ihr euch in diesem Moment nicht wehren könnt, weil ihr unter Schock steht, dann versucht danach mit jemandem darüber zu sprechen. Mir hat es geholfen, meiner Freundin davon zu erzählen und ich bin ihr unendlich dankbar dafür, dass sie mich nicht verurteilte. Denn dieser Gedanke spielt sich hauptsächlich in den Köpfen der Opfer ab und ist in Realität eigentlich gar nicht so.

Ich war nie wütend auf ihn. Ich war wütend auf die Situation, die das zugelassen hat und wütend auf mich, weil ich nichts dagegen unternommen habe. Ich war enttäuscht, dass vermeintliche Freunde mich so behandeln können.

Titelbild: evieshaffer/Unsplash

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