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«Wenn man verzeiht, hat man noch lange nicht vergessen»

«Gespräche helfen, um verzeihen zu können»

Es vergeht also mehr und mehr Zeit. Die Schmerzen werden tatsächlich weniger, aber gänzlich verschwunden sind sie trotzdem noch nicht. Verzeihen geschieht scheinbar doch nicht ausschliesslich durch Zeit allein. Man muss auch etwas nachhelfen. Wer verzeihen will, muss nämlich zuvor vor allem eines: Verstehen! Das quälende «Warum» verlangt nach einer Antwort. Doch die ist nicht immer leicht zu finden.

Warum lügen Menschen? Warum betrügen sie? Und warum finde ich keine Antwort auf all diese Fragen? Der Experte weiss warum: Weil nur ein Gespräch mit dem «Schuldigen» Klarheit bringen kann. Offene Gespräche, in denen die Kränkung vom Verletzten ausgesprochen und vom Sündiger anerkannt werden, sind unerlässlich, um verzeihen zu können.

Verständnis und Anerkennung lindern den Schmerz. Ob man allerdings immer auch eine Antwort auf all die offenen Fragen bekommt, ist aber nicht immer gewiss. Manchmal kann man das Handeln des Anderen nach einem Gespräch nachvollziehen. Aber manchmal eben auch nicht. Vielleicht hilft in solchen Fällen nur eine simple Erkenntnis. Nämlich, dass jedes Handeln – egal, wie gut oder schlecht – menschlich ist. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist, wie es ist, sagt die Liebe. Und auch schon Erich Fried. Vielleicht heisst verzeihen, dass man manchmal eben auch keine Antwort bekommt. Und dass man stattdessen einfach akzeptieren muss.

Verzeihen tut man ja ohnehin nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Und das stellt keine Fragen, sondern lebt von Gefühlen – von Groll, Trauer und Wut, aber eben auch von Liebe und Sehnsucht. «Man verzeiht in dem Masse, in dem man liebt», heisst es im Volksmund. Unterm Strich ist es also Liebe, die uns verzeihen lässt. Und schafft man es, zu verzeihen, geschieht sogar noch etwas mit der Liebe. Sie wird unerschütterlich und tiefer, denn je zuvor. Ein schöner Gedanke, oder?

Vergeben und vergessen? Verzeihen mit Gedächtnis

Verzeihen verdrängt die schlechten Gefühle und holt die guten zurück. Jede Beziehung – ob zwischen Eheleuten, Freunden oder der Familie – hat einen Stossdämpfer aus schönen Erinnerungen an gute Zeiten und Erlebnisse, der hilft, zu verzeihen und die Beziehung fortzusetzen. Doch Vorsicht! Verzeihen funktioniert nicht schnell. Vergeben kann man nicht um der Sache selbst Willen.

Der grösste Feind des Verzeihens sind die Hast und die Erinnerung. «Denn auch wenn man den Wunsch hat, zu verzeihen, hat man deshalb noch lange nicht vergessen», sagt auch Krüger. Im Gegenteil: Erinnerungen verfolgen einen oft länger, als einem lieb ist.

Auch das ist – laut Dr. Krüger – normal. «Vergessen kann man nicht so schnell, durch ein verzeihendes Gespräch kann die Kränkung jedoch langsam heilen und irgendwann ist sie dann auch nicht mehr so präsent im Kopf. Um vollständig verzeihen zu können ist es dabei manchmal aber auch wichtig, schlechte Erinnerungen aktiv aus den Gedanken wegzuschieben. Greif stattdessen auf deinen Stossdämpfer aus guten Erinnerungen zurück und knüpfe daran an.» So werde auch ich es versuchen. Dr. Krüger sagt schliesslich auch, dass es die grössten Kränkungen nur dort gibt, wo man am meisten liebt.

Und damit will ich nun endlich weiter machen – Liebe ist schliesslich besser als Groll. Es lohnt sich darum zu kämpfen. Oder was meinst du?

Text: Linda Freutel

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