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Bleibt!Wenn die Eltern älter werden

Niemand kann dem Älterwerden entrinnen – weder wir selbst noch unsere Eltern. Obwohl diese Tatsache offensichtlich ist, hadern einige damit. Natalie Marrer über Ängste und Erkenntnisse, die mit den besonderen Menschen zusammenhängen, die uns kreiert haben.

Wenn die Eltern aelter werden

Es war kurz vor 22:00 in meiner kleinen, aber gemütlichen Genfer Wohnung, als der Anruf kam. Bereits vorher kurz eingenickt, nahm ich den Anruf meiner Mutter entgegen – wahrscheinlich wollte sie mich an etwas Unwichtiges erinnern oder hatte eine Frage bezüglich Technik, die ich wahrscheinlich schon etliche Male vorher beantwortet hatte. Aber stattdessen war es ein qualvolles Gemisch aus Schluchzen und Schreien. Papa hatte mehrere Schlaganfälle, liegt im Koma, die Ärzte sagten, es sehe nicht gut aus.

Die ersten Minuten danach funktionierte ich nur. Mutter beruhigen, innerhalb weniger Minuten das Wichtigste zusammenpacken, Uber an den Bahnhof bestellen, um den letzten Zug zu erwischen. Nach Hause. Dort, wo Papa eigentlich immer ist oder es jedenfalls sein sollte. Unterwegs dann die ersten Tränen, die zu einer Sintflut wuchsen, Panikattacken im Zug, Stossgebete und Mini-Zusammenbrüche.

Unsere Eltern werden älter, so wie wir es auch tun. Es ist menschlich, es ist unausweichlich. Und trotzdem macht es unglaublich Angst. Ich dachte immer, es sei nicht weiter tragisch, dass mein Vater 12 Jahre mehr auf dem Buckel hat als meine Mutter. Okay, er ist vielleicht gleich alt wie die Grosseltern meiner Freunde – aber das Alter ist ja nur eine Zahl, sagt man.

Er ist fit, obwohl er schon einige Herzoperationen hatte. Als er mir vor einigen Jahren beim Umzug half, sagte er zwar nebenbei, es sei alles ein bisschen zu viel. Ich machte mir Sorgen, vergass diese aber relativ schnell wieder, denn er war schon immer meine starke Schulter zum Anlehnen. Er beklagt sich quasi nie, überholte mich bei Bergwanderungen und liebte es, aktiv zu sein. Und plötzlich liegt er im Spital, an unzähligen Schläuchen angeschlossen, und dank dieser verdammten Pandemie kann ich ihm nicht einmal sagen, wie dankbar ich ihm für alles bin.

Inzwischen ist er zu Hause. Er lebt, auch wenn der Weg zurück steinig ist. Und trotz all der Dankbarkeit, dass er noch da ist, habe ich täglich Panikattacken. Es wurde mir bewusst, wie innerhalb weniger Minuten alles anders werden kann. Ich beobachte oft, wie wir als Kinder vieles als selbstverständlich ansehen. Natürlich sorgen sich unsere Eltern um uns, immerhin haben sie sich ja für uns entschieden. Klar sagen wir vielleicht einmal zu wenig Danke – es ist ja ihr Job, für uns da zu sein.

Aber inzwischen merke ich, wie unglaublich dankbar ich ihnen für alles bin. Dafür, dass sie mich immer unterstützt haben und mich ermuntert haben, zu träumen. Dafür, dass ich Fehler machen durfte. Dafür, dass sie mit Geduld und Liebe hinter mir gestanden haben, als ich mich noch selbst finden musste.

Sie wollen mit uns über unangenehme Themen wie Erbschaft und die konkrete Zukunft sprechen. Deprimierende Themen, die in diesem Augenblick unnötig erscheinen.

Je älter die Menschen werden, die uns das Leben geschenkt haben, desto mehr brauchen sie uns. Der Rollentausch kommt schleichend. Plötzlich werden sie schneller müde. Von einem Moment auf den anderen sind bestimmte Aufgaben nicht mehr ihre, sondern unsere. Sie wollen mit uns über unangenehme Themen wie Erbschaft und die konkrete Zukunft sprechen. Deprimierende Themen, die in diesem Augenblick unnötig erscheinen, denn unsere Eltern waren schon immer da. Und irgendwie scheint es, als würde sich das auch nie ändern, auch wenn wir rein rational wissen, dass dem nicht so ist.

Ich kann nicht sagen, dass ich mit den Ängsten klarkomme. Mein Vater ist mein Fels in der Brandung. Wir haben den gleichen Humor und sind beide viel zu stur. Er hilft mir mit der Steuererklärung und hat mir Optimismus sowie die Liebe zu Wein beigebracht. Er ist mein Ein und Alles. Und trotzdem wissen wir alle, dass unsere Eltern nicht ewig mit Tat und Rat an unserer Seite stehen werden, um uns durch das Leben zu leiten. Es wird langsam an der Zeit, sie an der Hand zu nehmen und ihnen die Unterstützung zu geben, die sie uns seit unserer Geburt ohne zu hinterfragen gegeben haben. Es fällt uns schwer, ein Dasein ohne sie vorzustellen. Aber wir müssen ihnen auch vertrauen, dass sie uns das Wichtigste beigebracht haben, um eines Tages damit leben zu lernen, wenn sie weg sind.

Titelbild: Unsplash

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