Pixel

Plötzlich unsichtbar. Wie Frauen älter werden

Meine Tochter findet es lustig, wenn ich singe und Tierlaute nachmache. Old McDonald hat eine Farm i-a i-a i-a h-o. Und auf der Farm, da lebt eine Kuh. Wenn Frauen Kühe sind, lassen sie sich gehen. Wie Mütter. Warum sollten sie sich auch noch hübsch machen? Sie sind ja jetzt Mutter(tier) und sowieso vollkommen entsexualisiert. Hupen sind zum Stillen da! I-a-i-a-h-o! Es sei denn, sie sind selbstsüchtige Karriereweiber. Sie sehen meistens super aus, mit ihren perfekten Frisuren und Pilates-gestählten Popos, wenn sie nur nicht so zickig wären. Gibt es wirklich nur diese zwei Tiere zur Auswahl? Ach, es ist ein Kreuz mit dem Altern.

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern

Neulich las ich ein Interview mit dem Titel «Das Alter ist ein Massaker». Der Satz traf mich mit einer Wucht. Es war glaube ich im Schweizer Printteil der ZEIT, mit irgendeiner älteren Dame, die, wie ich mich dunkel erinnere, ganz wundervolle Dinge mit ihrem Geist vollbracht hat. Literarisch vielleicht. Und trotzdem erzählt sie, dass sie in ihrem alternden Körper schrecklich leidet. Denn durchaus rege sich noch was bei ihr, aber keiner wird mehr von ihr erregt.

Auch Bascha Mika findet, es gibt kein Recht für Frauen auf das Begehrt-werden, auch nicht für diskriminierte Mehrheiten. Die Welt ist ungerecht und Frauen leiden, leise. Wo soll man sich auch darüber beschweren, dass wir Frauen uns so viel stärker als Männer mit unserem Körper identifizieren und identifiziert werden? Während Männer mit 50 noch in der Blüte ihres Lebens stehen und sich einen Teufel um ihren Schlabberbauch scheren, machen Frauen Menopause. Als ob eine Frau verfiele, wenn auch ihr Körper langsam verfällt.

Ich hab leider vergessen wie die Dame hiess und ich finde das Interview auch nicht mehr. Dafür viele andere Interviews mit dem selben Zitattitel, nur die Personen wechseln. Die Angst vor dem Tod ist uns wohl allen gleich, aber erstaunlicherweise sind es oft Männer, die sich so martialisch beschweren. Einmal sagt es Franz Xaver Krötz (68), dann Udo Jürgens (79), auch Helmut Karassek (80) und sowieso Philip Roth (81), weil es in seinem Buch stand: «Jedermann». Darin beschreibt er das Leben als eine Abfolge von Krankheiten, die mit dem Tod endet. Zum Glück habe ich nur «Der menschlichen Makel» gelesen. Ein alternder Prof lässt sich auf eine junge Putzfrau ein.

Ich weiss nicht, ob mir das gefiele, eine Affäre mit einem heissen, jungen Putzmann. Er würde seinen Freunden vielleicht erzählen, dass er mit einer geschiedenen 42-Jährigen schläft und der Sex ganz toll ist, weil sie voll Erfahrung hat und so. Das klingt irgendwie, als wäre man schon reif. Wobei ja viele sagen, so ein junger Liebhaber ist wie eine Verjüngungskur. Wenn man nicht aufpasst, erwischt man dann aber so einen Gigolo, der nur Geld will. Wie Martina Gedeck in dem Film «Halbe hundert». Warum müssen die Geschichten von Frauen mit jüngeren Partnern eigentlich immer schlecht ausgehen? Hätten wir nicht ein gutes Ende verdient, nachdem uns unsere Männer regelmässig wegen einer Jüngeren sitzen lassen?

Wir müssen nichts, ausser sterben

Forever young. Frauen müssen da auch nicht mitmachen, bei dem Wettrennen gegen die Zeit. Silver, sinnlich und sexy! Steht doch zu euren grauen Haaren, auch wenn sonst keiner drauf steht. Das klingt irgendwie unbefriedigend. Letztens habe ich einen Sexcoach interviewt. Es ging um Online-Dating und wie man das besonders erfolgreich macht. Ich fragte Vanessa del Rae (geschätzte 50+), ob dabei ältere Frauen nicht ständig den Kürzeren zögen. «Ja», sagte sie so einfach. Und was soll man tun, wenn man unter dem Älter-werden leidet, fragte ich den Coach? Es ist hart, aber wer nichts tue, sei selber Schuld. Wir müssen uns wohl selber bewegen, denn bis sich die Gesellschaft bewegt, sind wir nicht nur alt und diskriminiert, sondern hinüber.

Weshalb übrigens auch Bascha Mika am Ende ihres ziemlich nachdenkenswerten Buches als Sofort-Massnahme für Betroffenene nicht viel besseres einfiel, als Frauen die unerschöpflichen Möglichkeiten der Beauty-Industrie ans Herz zu legen. Ein Paar High Heels, ein kleines Lifting und ein frecher Kurzhaarschnitt geben gleich ein ganz neues Selbstwertgefühl. Wobei wir wieder bei der Vogue angekommen wären. So hatte ich mir mein Happy End wirklich nicht vorgestellt.

Weil ich Journalistin bin, hier noch als Take away ein paar harte Fakten rund ums Thema Frauen und älter werden. Wetten, dass Sie beim 5. Fact ins Staunen kommen... (Okay, der Buzzfeed-Trick, der Sie zum Weitelesen animieren soll, ist nun wirklich ein alter Hut!)

7 Dinge, die alternde Frauen wissen sollten:

  • «Alte Frau» wird in der Schweiz monatlich 4400 mal gegoogelt, während «junge Frau» nur 140 Suchanfragen zählt.
  • Die gebräuchlichsten Redewendungen, wenn man «Du bist alt!» nett sagen will: reife Frau, erfahrene Frau, mitten im Leben stehend, sexy&sechzig, silver und sexy,  (ermittelt durch eine qualitative Analyse der meistverkauftesten Ratgeber für alte Schachteln bei Amazon)
  • Aus der Evolutionsbiologie: Der Alterungsprozess beginnt spätestens mit 30. Die Reparaturmechanismen unseres Körpers sind auf eine Lebenszeit von 30 bis 40 Jahren ausgerichtet. Das reicht um den Fortbestand der Art zu sichern.
  • Stilratgeber empfehlen für die Frau ab 40: Tragen sie knielange Röcke, nie die Oberarme zeigen und bloss nicht zu viel Decollété. Leggings sehen fast immer schlecht aus. Statt Diät geht auch eine Kleidernummer grösser.
  • MILF ist der in Amerika am häufigsten gegoogelte Begriff in Suchmaschinen für Pornos.
  • Bad News: Es stimmt leider nicht, dass ein Goldfisch alle drei Sekunden seine Erinnerung verliert, sondern etwa alle 3 Monate.
  • Good News: Wenn Sie mit dem neuen Slendertone-Face 2 5x pro Woche Ihre Gesichtsmuskeln massieren, sehen Sie erste Ergebnisse bereits in 12 Wochen.
Weitere Artikel