Drama? Nicht nur!Wieso Grey’s Anatomy mehr ist als nur eine Soap

Für einige ist Grey’s Anatomy nur eine weitere unnötige Dramaserie – für andere ist der Grey’s-Donnerstag zum Kult geworden. Ich gehöre zu der zweiten Gruppe und freue mich auf jede neue Staffel. Jetzt umso mehr, da vermehrt aktuelle gesellschaftliche Issues thematisiert und aufgegriffen werden.

Wieso Grey’s Anatomy mehr ist als nur eine Soap

Die bekannte Ärzte-Serie Grey’s Anatomy ist auch nach 15 Staffeln zum Glück noch nicht zu Ende. Mindestens zwei weitere Staffeln sind vom amerikanischen Sender ABC bestätigt worden. Während jetzt gewisse denken «Oh nein, nicht noch eine Staffel!», freue ich mich wie ein kleines Kind darauf. Denn die Serie bringt mit dem vielen Drama nicht nur einen gewissen Unterhaltungswert, sondern hat besonders in den letzten Jahren vermehrt wichtige gesellschaftliche Themen behandelt.

LGBTQ-Repräsentation

Auch bezüglich LGBTQ-Repräsentation hat Grey’s Anatomy einiges richtig gemacht. Schon 2011 zeigte sie die Hochzeit von zwei Frauen – fünf Jahre bevor die Ehe für alle in der ganzen USA möglich wurde. Es wäre zu weit hergeholt, zu sagen, dass Grey’s Anatomy einen Einfluss auf diesen Entscheid hatte. Aber in einer international bekannten Serie zu zeigen, dass zwei Frauen einander lieben und heiraten dürfen, ist alles andere als unwichtig.

Seit Staffel 14 gehört auch endlich ein Transmann zu den Assistenzärzt*innen. Genauso wie der Charakter Casey Parker ist der Darsteller Alex Blue Davis selbst trans – was in Hollywood leider nicht oft der Fall ist. Denn obwohl endlich vereinzelte Trans-Rollen geschrieben werden, werden sie leider oft mit Cis-Personen besetzt, und die Repräsentationsfunktion somit wieder zunichte gemacht.

Dass nun in Staffel 15 auch endlich eine non-binäre Person Patient*in spielen durfte, und dem alteingesessenen Richard Webber das Pronomen «they» erklärt werden musste, scheint eine logische Fortsetzung des kleinen LGBTQ-Aufklärungsunterrichts zu sein.

Frauenpower

Schon von Beginn an hat sich Grey’s Anatomy durch ihre Hauptrollenbesetzung fortschrittlich gezeigt. Denn bis auf die erste Staffel, die 2005 ausgestrahlt wurde, haben Frauen immer mindestens die Hälfte der Hauptrollen ausgemacht – meistens waren es sogar mehr Frauen als Männer! Das mag banal klingen, doch welche Mainstream-Serie kann das schon von sich behaupten? Vor allem sind die Frauen starke, spannende Persönlichkeiten, die dazu auch noch grösstenteils Führungspositionen. Frauenpower? Hell yes!Greys Anatomy

Natürlich hat Grey’s Anatomy in den bisherigen 342 Episoden auch mehrfach Sexismus und sexuelle Belästigung behandelt. Wie die dunkelhäutige Chefärztin, die damit zu kämpfen hat, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts als Krankenschwester gedeutet wird, während ihr weisser männlicher Assistenzarzt mit Chefarzt angesprochen wird. Oder der machtgeile Harper Avery, der durch die Erzählungen der zahlreichen Frauen, die er über Jahre hinweg sexuell belästigt hat, zu Fall gebracht wird.

Rassistisches System USA

Von aktuellen Themen und Problematiken geleitet, ist Grey’s Anatomy natürlich nicht daran vorbeigekommen, das rassistische System in den USA zu kommentieren. In Staffel 14 wird zum Beispiel die Geschichte eines dunkelhäutigen Jungen erzählt, der von der Polizei angeschossen wurde, nur weil er durch ein Fenster in sein eigenes Haus klettern wollte. Dass sich junge schwarze Männer in den USA vor der (meist weissen) Polizei fürchten müssen, ist nämlich bittere Realität – und ein strukturelles Problem, über das geredet werden muss. Am Ende der Folge wird demnach auch gezeigt, wie so ein Gespräch aussehen kann, das die Jungen auf diese horrende Realität vorbereiten soll: «Sei höflich, wehr dich nicht und zeig immer deine Hände. Du kannst nicht so frech sein wie deine weissen Freunde. Und renn nicht von der Polizei davon – egal wie viel Angst du hast.»

Erhellend ist auch die Folge, in dem das Schicksal einer Flüchtlingsfamilie aus Honduras erzählt wird. Während der grösste Teil der Familie an der Grenze festgenommen wurde, haben es der Vater und die kranke Tochter in die USA geschafft. Trotz Job hat er aber keine Versicherung, die für die Operation der Tochter aufkommen würde. Alles aus eigener Tasche zu bezahlen, wäre unmöglich. Ironischerweise verdient er aber zu viel Geld, um für die gesetzliche Krankenversicherungspflicht infrage zu kommen. Wenn das mal kein krankes, kaputtes System ist!

Hübsch verpackte Gesellschaftskritik

Dass Grey’s Anatomy diese Geschichten erzählt, ist eigentlich hübsch verpackte Gesellschaftskritik. Trotzdem ist das wichtig und richtig. Denn mit durchschnittlich zehn Millionen amerikanischen Zuschauer*innen im letzten Jahr gehört Grey’s Anatomy immer noch zu einer von ABC’s am besten bewerteten Serien. Besonders durch die letzten zwei Staffeln haben Grey’s Anatomys Macher*innen gezeigt, dass sie sich ihrer Reichweite und damit verbundenen Macht bewusst sind und versuchen, diese zu nutzen. Wenn man bedenkt, wie viele Amerikaner*innen Grey’s Anatomy schauen und lieben, ist gut vorstellbar, dass die konservativeren unter ihnen sogar etwas dazulernen. 

Grey’s Anatomy geht am 26. September in die 16. Runde.

Bilder: Wallpaper Abyss

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