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You dreamer, du!Wirre Träume – müssen wir uns Sorgen machen?

Eine der faszinierendsten Eigenschaften von uns Menschen ist die Fähigkeit zu träumen. Nicht selten wollen wir einem Traum auch gleich eine Bedeutung zuweisen. Doch was, wenn man plötzlich das gegensätzliche Geschlecht im Traum annimmt? Warum persönliche Selbstreflexion wichtiger als die fieberhafte Suche nach Antworten ist, erklärt uns eine Traumexpertin.

Wirre Traeume: Das sagt die Traumexpertin

«Das war ein wirklich wirrer Traum…» Allein bei diesem Satz assoziiert wohl jede Person ein ganz individuelles, aber kurioses Traumerlebnis. Mir fallen mindestens ein Dutzend eigenartige Träume ein, auf die ich mir bis heute keinen Reim machen kann.

Ich bin ehrlich: Manchmal geht es keine zehn Sekunden, bis ich noch ganz verschlafen das Handy über dem Gesicht halte und bei Google nach Antworten suche. Was bedeutet es, wenn man im Traum Zähne verliert? Von einem Hund verfolgt wird? Eine Person stirbt? Oft bleibt die Suche nach der Antwort erfolglos. Irgendwie verwirren diese angeblich ganz eindeutigen Traumzeichen und deren konkrete Bedeutung, welche massenhaft im Internet kursieren nur noch mehr.

Wenn man nicht sich selbst im Traum ist

Nebst der Googlesuche werden solch nächtliche Kopfgeschichten aber auch gerne mit Freunden oder der Familie besprochen. So ging es auch mir vor kurzem, als ich mit meiner guten Freundin Lorena unsere letzten Traumerlebnisse diskutiert habe.

Lorena ist wohl eine der kreativsten Personen die ich kenne. Es erstaunte mich also herzlich wenig, als sie begann, von ihren kunterbunten Träumen zu erzählen. Ihre Aussage: «Mega komisch, manchmal erlebe ich meine Träume auch einfach als Mann», machte mich dann aber doch ein bisschen stutzig. Vor mir sitzt eine wunderschöne junge Frau, die eher wenig mit einem Mann gemeinsam hat. Krass, denke ich, denn das Erzählte ist mir schliesslich nicht unbekannt.

Auch ich habe meine Träume schon vereinzelt als Frau, also das andere Geschlecht, wahrgenommen, jedoch noch nie jemanden getroffen, dem dieses Phänomen ebenfalls widerfahren ist. Während dies bei mir nur wenige Male vorgekommen ist, erzählt mir Lorena, dass es bei ihr keine Seltenheit sei. Manchmal realisiere sie dass «Mann-Sein» schon im Traum, ein anderes Mal erst wieder nach dem Erwachen am nächsten Morgen.

Auf die Schnelle finden wir für den Ursprung dieser Träume aber keine klare Antwort. Wir fühlen uns beide wohl in unserem Körper und haben nicht das Bedürfnis, etwas an unserem Geschlecht zu ändern.

Es ging jedoch nicht lange, bis ich wieder im Internet nach Antworten suchte. Könnten dies die ersten Anzeichen für eine unbewusste Identitätskrise sein? Welche Bedeutung kann man dem zuweisen? Wie man sich denken kann, fand ich auch darauf keine eindeutige Antwort.

Die Suche nach Experten auf diesem Gebiet gestaltete sich ebenfalls schwieriger, wie anfänglich angenommen. Nicht selten wurde ich auf meiner Suche auch falsch Verstanden: Wir befassen uns nicht mit erotischen Träumen. Zumindest nicht in diesem Artikel.

Der Gipfel des Erlebens

Irgendwann führte mich meine Suche aber zu Dr. Brigitte Holzinger aus Österreich. Sie leitet das Institut für Bewusstseins- und Traumfroschung in Wien und erklärte mir, dass es per se nie eine eindeutige und allgemeine Erklärung für Träume oder Begebenheiten im Traum gibt.

Es gibt wohl nichts, was so individuell ist, wie ein Traum. Holzinger erklärt mir, dass eigentlich alles, was im Traum vorkommt, Aspekte der Persönlichkeit des Träumers darstellen. Ob das jetzt ein Hund, eine Gebirgswand oder die Landschaft im Traum sei: Im Traumzustand zerfällt die eigene Identität und stellt sich in Einzelteilen dar.

Es kann also sehr gut sein, dass ich weibliche Aspekte in mir trage, und diese in der Traumwelt aufblühen. Diese Einsicht hat mich sehr beeindruckt. Brigitte Holzinger beschreibt das Träumen als Gipfel des Erlebens und der Kreativität. Es wäre schon wahnsinnig viel gemacht, wenn man diese innere Freiheit versucht zu verstehen und so akzeptiert und hinnimmt wie sie ist. Das Hinterfragen und Analysieren der eigenen Träume kann dabei durchaus den Erlebnis- und Handlungshorizont erweitern, fügt sie an.

Den strengen Deutungen auf Google oder in Traumbüchern, sollte man dagegen eher weniger Bedeutung schenken. Dies gleiche sogar einem Übergriff in die Psyche, fügt Brigitte Holzinger an. Denn während die eigene Auseinandersetzung mit dem Erlebtem im Traum Raum zur Entwicklung bietet, engen eben genannte Methoden eher ein.

Natürlich können Anhaltspunkte und Deutungen inspirierend wirken und somit auch neue Ansichten hervorbringen, doch man sollte sich nicht zu sehr auf vorgegebene Symbol-Deutungen fokussieren.

Die Politik der kleinen Schritte

Ich selbst durchlebe eher wenig Albträume, auch der Geschlechtertausch im Traum war für mich nie eine traumatisierende Erfahrung. Was aber, wenn einem die eigenen Träume Angst machen? Wenn man auch nach dem Erwachen das beklemmende Gefühl nicht einfach abschütteln kann und die Gedanken selbst im Wachzustand ständig um die nächtliche Horrorszenarien kreisen?

«Zuwendung macht die Angst kleiner», erklärt Brigitte Holzinger. Einem Albtraum sollte man sich möglichst direkt im Traumgeschehen zuwenden – sich also der Angst stellen. Das Verdrängen und die damit fehlende Auseinandersetzung können die Angst nämlich verstärken.

Auch ein Traumtagebuch kann dabei helfen, das im Traum Erlebte zu verarbeiten. Dieses sollte möglichst detailreich und gefühlsecht geführt werden. Allgemein kann ich das führen von Traumtagebüchern nur empfehlen! Kommt ja nicht selten vor, dass man nach der morgendlichen Routine keine Ahnung mehr hat, was man vorher geträumt hat.

Wer sich gerne künstlerisch ausleben will, könne das Traumgeschehene auch malerisch festhalten, schlägt die Traumexpertin vor. Auch der Austausch mit vertrauten Personen könne befreiend wirken. Die simple Auseinandersetzung mit dem Traum helfe ungemein bei der Verarbeitung.

Aber Achtung: «Unsere Psyche ist kein Computerspiel! Man kann da nicht einfach rücksichtslos daran rumwerkeln», ergänzt sie. Der Schlüssel zum gesunden Verhältnis gegenüber den eigenen Träumen sei die Politik der kleinen Schritte. Die eigene Traumwelt und die damit zusammenhängende Psyche sollte man langsam, Schritt für Schritt erkunden. Nur so könne man langfristigen Erfolge erzielen.

Wenn natürlich gar nichts mehr hilft und die eigene Traumwelt den erholsamen Schlaf regelmässig stört, ist es auch nicht falsch, bei einer Expertin wie Brigitte Holzinger Hilfe zu suchen. Allgemein stellte ich bei dieser Recherche wieder einmal fest: Träume sind crazy! Meine anfängliche Suche nach der gezielten Bedeutung und der Drang nach klaren Antworten waren die falsche Herangehensweise für so ein komplexes Thema. Diese wird man nie bekommen.

Natürlich möchte man am liebsten konkrete Schlüsse aus der eigenen Traumwelt ziehen – doch diese wirken vor allem auf der sinnlichen Ebene, nicht auf einer rationalen, wie wir es uns aus dem Alltag gewohnt sind. Wenn man anfängt, die eigenen Träume als Chance zu sehen, ist das aber kein schlechter Anfang.

Titelbild: Unsplash

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