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Sie machen eine Streetwear-SzeneRei Kawakubo – der Ursprung japanischer Mode

Das rote Herz mit den zwei Augen ist auch 2019 noch ähnlich ikonisch wie das Apple-Logo oder der Swoosh von Nike. Dass dahinter lediglich die Subline von Rei Kawakubos Label Comme Des Garçons steckt und die Designerin bereits seit 1969 zugange ist, scheint nicht jedem Fashionista geläufig zu sein. Grund genug die Erfolgsgeschichte von dem berühmtesten, japanischen Label auf den Grund zu gehen.

Rei Kawakubo

Kenzo, Issey Miyake oder Yohji Yamamoto kommen uns in den Sinn, wenn wir an geschichtsträchtige und etablierte, japanische Brands denken. Jedoch gibt es eine Marke, die bereits vor allen anderen die Modewelt rund um Tokio auf den Kopf stellte und in den Folgejahren die ganze Welt erobern sollte.

Die Rede ist natürlich von Rey Kawakubo und ihrem Label Comme Des Garçons. Und wie auch schon bei Chitose Abe, sollte es Kawakubos Mutter sein, die indirekt das Potential der eigenen Tochter förderte.

Miss Independent

Rei wurde am 11. Oktober 1942 in Tokio geboren und war die Älteste von drei Geschwistern – und zudem das einzige Mädchen. Ihr Vater war an der Keio University beschäftigt, einer angesehenen Institution, die von dem grossen Meiji-Pädagogen und Reformer Fukuzawa Yukichi gegründet wurde, einem Verfechter der westlichen Kultur und, laut Kawakubo, auch der Frauenrechte. Hier studierte sie bis 1964 «Fine Arts & Aesthetics».

Ihre Mutter war zu diesem Zeitpunkt ihr wichtigstes Vorbild, da sie ihrerzeit Kawakubos Vater verliess, als er sie nicht ausserhalb des Hauses arbeiten liess. Von diesem starken Wunsch nach Unabhängigkeit inspiriert, verliess sie ebenfalls nach der Uni ihr Zuhause und arbeitete zunächst in der Werbeabteilung von Asahi Kasei, einem Textilproduzenten für Acrylfasern.

Dort genoss sie kreative Freiheit und beteiligte sich am Sammeln von Requisiten und Kostümen für Fotoshootings. Diese Tätigkeit führte sie schliesslich dazu, ihre eigene Mode zu entwerfen – wenn sie zum Beispiel kein passendes Kostüm für ein Shooting finden konnte. 1967 wurde sie freiberufliche Stylistin und machte sich bald auf, mit ihrem eigenen Brand die Welt zu erobern.

Wie Jungs

1969 verkaufte Kawakubo ihre Entwürfe unter ihrem Label Comme des Garçons an verschiedene Geschäfte in Tokio. Trotz ihrer japanischen Herkunft bediente sich die aufstrebende Designerin an einem französischen Namen. Abgewandelt vom Song «All the Boys and Girls» der französischen Plattenfirma Francoise Hardy, soll der Name des Brands «wie Jungs» bedeuten. Dies ging einher mit dem Willen Kawakubos, Kleidung für Frauen zu produzieren, die auf Mobilität und Komfort ausgerichtet sind.

Aus diesem Grund hatte sie nie Stilettos entworfen oder von ihren Models auf dem Catwalk tragen lassen. Ihre Kleidung wurde für die unabhängige Frau entworfen, die sich nicht kleidete, um zu verführen oder die Zustimmung eines Mannes zu erhalten. Eine Herangehensweise, die in den 70ern und vor allem im damals noch recht misogynen Japan nicht unbedingt üblich war.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Und auch wenn Kawakubo sich selber nicht als Feministin bezeichnet, so waren ihre Designs stets empowernd. Die grosszügige Einbeziehung von Raum und/oder nichtfigurativen Silhouetten bietet viel Spielraum für Menschen unterschiedlicher Körpertypen und kann gleichzeitig auch in unterschiedlichem Alter getragen werden. Die Floskel sich «seines Alters entsprechend anzuziehen» greift also bei CDG nicht. Vielmehr wurden zeitlose Stücke erschaffen, die sich weder einer Norm, noch einem Trend beugen.

In den späten 1970er Jahren begann Kawakubo eine professionelle und gleichzeitig romantische Beziehung mit dem japanischen Designer Yohji Yamamoto. Beide produzierten Kleidung, die die Modewelt neu definierte und die Vorstellung von weiblicher Schönheit in Frage stellte. Die beiden debütierten 1981 in Paris mit separaten Kollektionen und schockierten damit die Kritiker. Die Kleidungsstücke waren hauptsächlich schwarz, überdimensioniert und asymmetrisch und sie verdrehten und wölbten sich und entsprachen ansonsten auch nicht den Linien des menschlichen Körpers.

Kawakubo und Yamamoto arbeiteten mehrere Jahre lang zusammen und galten zusammen mit Issey Miyake als die innovativsten Modedesigner Japans. Weil ihre Mode so dunkel war, wurden sie von vielen auch «The Crows» genannt. Parallel dazu eröffnete sie 1975 ihren ersten Laden in Tokio und führte ab 1978 auch die Herrenlinie «Comme des Garçons Homme» ein.

Als Kawakubo 1981 ihren internationalen Durchbruch feierte, hatte sie CDG bereits um drei weitere Bekleidungslinien erweitert: «Homme» (1978) und zwei weitere Damenlinien: «Tricot» und «Robe de Chambre» (1981). In diesem Jahr eröffnete sie auch ihre erste Pariser Boutique, nachdem sie ein beispiellos erfolgreiches Debüt auf der Pariser Fashionweek feierte. 1983 eröffnete sie ihr erstes Geschäft in den USA, im dritten Stock von Henri Bendel, einem Luxuskaufhaus in New York City.

Nuklearer Impact

Anstatt auf Trends zu reagieren, verwurzelte Kawakubo ihre Entwürfe in Konzepten, die Kunst und Mode vermischten. Da ihre Kleidung nicht der Wahrnehmung der Industrie entsprach, wurde diese manchmal als «Antifashion» bezeichnet. Ihre einflussreiche Kollektion «Destroy» von 1982 enthielt überdimensionale, lose gestrickte Pullover mit Löchern unterschiedlicher Grösse, die so aussahen, als wären sie aufgeschlitzt worden. Der dunkle, zerzauste Stil wurde von den Medien als «Postatomic Look» oder «Hiroshima Chic» bezeichnet.

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1988 gründete sie ihr eigenes Magazin «Six», eine halbjährliche grossformatige Publikation, welche die saisonalen Kollektionen von CDG präsentierte. «Six» war ein Verweis auf den sechsten Sinn und ebenso ein Magazin für zeitgenössische Kunst. Die meisten Ausgaben enthielten keine Worte, sondern nur Illustrationen, Kunst und Fotografie, darunter die der bekannten Modefotografen Bruce Weber und Peter Lindbergh. CDG veröffentlichte acht Ausgaben, wovon die Letzte 1991 gedruckt wurde.

Es war ein Paradebeispiel dafür, wie Kawakubos ästhetische Vision das Gesamtbild des Unternehmens, das Grafikdesign, die Anzeigen, die Atmosphäre der Modenschauen und die minimalistische und monochromatische Innenarchitektur der Geschäfte lenkte – ein radikaler Ansatz für den Einzelhandel in den 1980er Jahren.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Die Mode-Mutter

Unter der Leitung des CEO von CDG, Adrian Joffe – später auch Ehemann und Übersetzer von Kawakubo, gelang es ihr den Modemarkt auf vielfältige Weise zu erschliessen. 1994 veröffentlichte sie das erste CDG-Parfüm. Im Jahr 2004 erfand CDG mit ihren «Guerilla»-Läden, die vorübergehend in Städten rund um den Globus positioniert waren, mal eben das «Pop-Up»-Konzept. 2008 stellten sie die Produktion ein, als ihre Idee in den Mainstream aufgenommen wurde.

Neben ihrer extrem teuren Comme des Garçons-Kleidung kreierte Kawakubo auch leichter zugängliche Handelslinien, darunter «Play» (2002), eine Streetwear-Kollektion für jüngere Konsumenten sowie eine spezielle Kollektion für H&M (2008) und später mit «Black» (2009), eine preisgünstigere Kollektion von Bestsellern der vergangenen Saison.

Kawakubo und Joffe schufen auch das High Fashion Mekka «Dover Street Market» (DSM) in London. Das Konzept basierte auf dem inzwischen nicht mehr existierenden Londoner Kensington Market, einem dreistöckigen Basar, der sich von den 1960er Jahren bis zu seiner Schliessung im Jahr 2000, mit Subkulturmode beschäftigte. Kawakubo kuratierte DSM, indem sie eine Auswahl internationaler Designer – sowohl etablierte als auch aufstrebende – einlud, ihre Kollektionen in beliebiger Weise auszustellen und zu verkaufen.

Das Ergebnis war das, was sie "schönes Chaos" nannte. Die Geschäfte präsentierten auch Kunstinstallationen. Kawakubo eröffnete weitere DSM-Filialen im Tokioter Stadtteil Ginza (2012) und in New York City (2013). Sie alle verbindet heute noch ein einzigartiges Retail-Konzept, das irgendwo zwischen Kunstinstallation und Nobelboutique liegt.

Heute nennen Grössen wie Jean-Paul Gaultier, Martin Margiela oder Helmut Lang, Kawakubo als gröste Inspirationsquelle. Über die Jahre kollaborierte sie zudem mit Fred Perry, Levis, Converse, Nike, Moncler, Lacoste, Chrome Hearts, Louis Vuitton, Supreme und unzähligen anderen Marken. Der Umsatz ihres Unternehmens wird auf 280 Millionen Dollar pro Jahr datiert. Mit ihrer damals schon bahnbrechenden Idee innerhalb ihrer Kleidung die Grenzen zwischen den beiden Gendern aufzulösen und damit zu spielen, findet heute noch Praxis bei den Shows von Rick Owens, dem seinerzeit Queer-/Trans-Ansatz bei Hood by Air, als auch bei Balenciaga und Demna Gvasalias ungewöhnlichen Designs.

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Ohne die Designerin aus Tokio, würden wir wahrscheinlich heute noch überall von «Frauen- und Männerkleidung» sprechen. Ein Erfolg, den sich Kawakubo zu 100% selber erarbeitet hat. Sie war nie erpicht darauf nur beim Design zu bleiben. Seit den Anfängen 1969 bis heute ist sie involviert in Marketing, Produktion, Distribution und Retail-Management. Und das alles nur, weil die heute 77-Jährige nicht zu Hause warten wollte, während irgendein Mann für sie die Brötchen verdient. Stattdessen zog sie los und hat die grösste Bäckerei der Welt erschaffen – bei der wir heute noch alle regelmässig essen.

Titelbild: Comme des Garcons/Instagram

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