Terror am Arbeitsplatz«Mobbing ist meistens ein Symptom für schlechte Firmenkultur»

Mobbing trifft nur die Schüchternen? Es kann in jedem Unternehmen vorkommen? Und das geht schon wieder vorbei? Mitnichten, erklärt Unternehmensberaterin und Coach Elisabeth Mlasko im Interview mit Femelle und macht deutlich, warum man gerade bei Mobbing so früh wie möglich reagieren sollte.

Mobbing am Arbeitsplatz: Was man gegen Mobbing tun kann

«Es hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen» und «Ich bin durch den Raum gezittert». Betroffene, die bereits Opfer von Mobbing am Arbeitsplatz geworden sind, haben nicht selten das Gefühl am Abhang einer Klippe zu stehen. Unter ihnen tut sich ein Abgrund auf, sie fühlen sich starr vor Angst und bewegungsunfähig.

Das Erschreckende: Immer mehr Schweizer und Schweizerinnen tappen in die Mobbing-Falle. Aktuellen Schätzungen zufolge liegt die Zahl der betroffenen Arbeitnehmer derzeit bei 100.000 Personen. Die Folgen sind meist gravierend. Aufgrund der permanenten Stresssituation erleben die Betroffenen Angstzustände, Konzentrationsschwierigkeiten, sind kaum noch in der Lage ihrer Arbeit nachzugehen und verfallen im schlimmsten Fall in eine Depression.

So weit muss man es allerdings nicht kommen lassen. Denn wer früh genug auf die ersten Anzeichen von Mobbing am Arbeitsplatz reagiert, verhindert zur Zielscheibe zu werden.

Der Arbeitskollege verdreht im Meeting die Augen, die Arbeitskollegin kritisiert nahezu jeden Arbeitsschritt. Woran erkenne ich, ob es sich noch um einen normalen Konflikt oder schon um Mobbing handelt?

Ein Konflikt ist in der Regel durch Kommunikation behandelbar. Bei Mobbing sieht das anders aus, hier spielt Macht eine grosse Rolle. Typisch sind auch Schulterschlüsse zu Ungunsten des Opfers, der Zusammenhalt gegen einen Dritten und wenn es plötzlich Spinnennetze gibt, in die man tappt und sich darin verfängt. Und Mobbing ist nie direkte Kommunikation, sondern verläuft immer hinten herum. Es wird auch oft abgestritten. Darum ist Mobbing – anders als ein Konflikt – durch Kommunikation nicht einfach aufzulösen. Das wollen die Täter aber auch gar nicht.

Mobbing ist also eine bewusste Entscheidung?

Ja, ich denke schon. Es gibt natürlich Menschen, die sind unbewusst bösartig. Aber wenn man von systematischem Mobbing spricht, dann steckt dahinter meistens Absicht.

Es trifft immer die Dicken, Kleinen und Schüchternen – ein Klischee das zutrifft?

Nein, das glaube ich überhaupt nicht. Mobbing kann alle treffen – auch die Starken und Erfolgreichen, die gestürzt werden sollen damit der Platz für jemanden frei wird, der weniger stark und erfolgreich ist.

Gibt es das typische Mobbing-Opfer dann überhaupt?

Es gibt gewisse Züge, die Opfer-Typen teilen. Das sind aber keine Äusserlichkeiten, also nicht ob jemand aus der Schweiz oder der Türkei kommt, ob er dick oder dünn ist. Es sind weniger die soziodemographischen Merkmale. Viele Mobbing-Opfer fallen vielmehr in die Kategorie «Gutmenschen». Das sind die, die eben ans Gute im Menschen glauben und der Tatsache nicht ins Auge schauen, dass Menschen vielleicht nicht immer so sind, wie man sie gerne sehen möchte. Und es sind meistens Menschen, die mit Machtspielen schlecht umgehen können. Die Täter wiederum sind gut darin. Es ist immer der perfekte Match, der Täter sucht sich ein Opfer.

Und wie würden Sie den klassischen Täter beschreiben?

Ich glaube, dass diese Menschen immer ein Selbstwertproblem haben. Sie kompensieren ihren schlechten Selbstwert durch solche Aktionen.

Sich grösser machen, in dem man andere kleiner macht.

Genau, einerseits das. Sich wichtig machen, auf Kosten anderer. Und vielleicht auch auf diese Weise Leute ausschalten, die einfach besser sind. Das kann sehr gut sein. Oder einfach die eigene Unzufriedenheit kompensieren: Wenn ich mit mir selber nicht auskomme, dann haue ich auf denjenigen, der sich eben gerade anbietet.

Sie haben Mobbing als Machtspiel beschrieben. In einem Spiel gibt es ja nicht nur Täter und Opfer, es gibt auch das Publikum. Mobbing am Arbeitsplatz beschränkt sich doch nicht nur auf zwei Personen?

Nein, das ist richtig. Funktionierende Teams kommunizieren offen, dort herrscht soziale Kontrolle. Ein Mobber wird dort schnell entlarvt. Mobbing ist meistens ein Symptom für schlechte Firmenkultur. Denn wo es transparente Kommunikation, Offenheit und Konfliktfähigkeit gibt, wird so jemand von den Arbeitskollegen aufgedeckt. Es geht darum, das Gespenst ans Tageslicht zu zerren und zu fragen: «Was machst du da für einen Schrott?»

Es gibt also Arbeitsstrukturen innerhalb derer Mobbing gut gedeiht?

Ja. Nährböden für Mobbing sind sehr stark hierarchische und intransparente Systeme. Wo ein offener Umgang überhaupt nicht gefördert wird und Konflikte verdeckt ausgetragen werden. Narzissten auf Chefsesseln fördern Mobbing auch. Weil sie verführbar sind und auf Schmeichler reinfallen.

Wenn man spürt, dass man in die Mobbing-Falle tappt – wie kann man das noch unterbinden?

Ich weiss nicht, ob man Mobbing immer unterbinden kann. Es wird von den Tätern ja oft abgestritten. Aber generell gilt: Die meisten Mobbing-Opfer warten viel zu lange. Ich kann nur immer wieder sagen: Wehret den Anfängen! Man sollte den Arbeitskollegen, der mobbt, möglichst noch am Anfang ansprechen, wenn man noch eine authentische souveräne Lockerheit an den Tag legen kann und sich stark fühlt. Sobald man sich gekränkt und angeschlagen fühlt, kriegt man meistens noch eine drauf. Also nicht in die Opferrolle gehen und auf keinen Fall an die Beisshemmung des anderen glauben! Was bei Hunden funktioniert, funktioniert bei Menschen leider gar nicht. Das Gegenmittel ist also eine offene, aber selbstbewusste, weder aggressive noch defensive und schlichte aber nicht arrogante Kommunikation.

Und wenn man zu lange gewartet hat?

Es gibt verschiedene Strategien, je nachdem wer der Mobber ist. In manchen Situationen hilft es manchmal nur noch zu gehen. Beispielsweise wenn der Chef oder die Chefin mobbt (sog. «Bossing»), gibt es wenig Fälle, die günstig enden. Dann vielleicht lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Auch wenn es sehr viele Vernetzungen gegen einen gibt, ist es sehr schwer herauszukommen. Und natürlich sobald Sie ein Stadium erreicht haben, in dem Sie anfangen die Fehler zu tun, die man Ihnen unterschiebt. Dann ist es aus. Das muss ich so hart sagen. Dann nützt der Gang zum Vor-Vorgesetzten meist auch nicht mehr.

Zur Person: Elisabeth Mlasko

Elisabeth Mlasko, Untenehmenberaterin und DiplompsychologinFrau Mlasko berät Einzelpersonen und Organisationen. Einer ihrer Schwerpunkte ist Karriere-Coaching, wobei sie sich hier insbesondere auch mit den spezifischen Themen von Frauen auseinandersetzt. Sie hat jahrelang in grossen Konzernen gearbeitet und diese in Folge als Marketing- und Kommunikationsfachfrau beraten. Als Betriebswirtin und analytische Psychologin reicht ihr Beratungsspektrum von der äusseren zur inneren Bühne.

Interview: Nina Grünberger, 03.09.2013

Titelbild: andreilazarev/Unsplash

Weitere Artikel